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Der gekaufte Chef

Von Oliver Stock
Dieter Scheiff ist bereits der dritte Chef, der sich innerhalb eines Jahres an der Adecco-Spitze versucht. Der 54-Jährige will bleiben ? und die weltweite Nummer eins der Personaldienstleister auf Rendite trimmen.
ZÜRICH. Gesichtslos. Der Züricher Vorort Glattbrugg, wo sich ein Bürokomplex an den anderen reiht, könnte überall sein. S-Bahn-Anschluss, Autobahnabfahrt, Flughafennähe sagen: Hier kommst du gut hin und genauso schnell wieder weg.?Jeder zweite Vorstandschef geht unfreiwillig?, sagt Dieter Scheiff. Er ist das neue Gesicht von Adecco. Er ist der dritte Chef des weltgrößten Zeitarbeitsunternehmens innerhalb eines Jahres. Scheiff will bleiben. Und er will Adecco, jenem Imperium für das täglich 650 000 Arbeitskräfte in 150 000 Unternehmen und 70 Ländern unterwegs sind, ein Gesicht geben, die Margen auf das Niveau der Konkurrenz heben und das Frankreich-Geschäft verbessern.

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Die Premiere im Sommer, als Scheiff zum ersten Mal die Ergebnisse präsentierte, ging jedoch daneben, der Kurs fiel nach seinem Auftritt in den Keller. Aber am vergangenen Freitag hat es besser geklappt: Gewinn und Aktienkurs stiegen.Der 54-Jährige schlägt einen verbindlichen Ton an. Das Jackett hat er abgelegt, die Krawatte gelockert, obwohl es erst früh am Morgen ist. Die dunklen Haare machen auf sympathische Art, was sie wollen. Jazzfan ist er. Die Musik lebt davon, den Mitspielern zuzuhören. Scheiff ist Zuhörer, kein Solist. ?Er ist weitgehend frei von Irrationalität und deswegen extrem berechenbar?, hat Reinhard Sprenger einmal über Dieter Scheiff gesagt. Es war Sprenger, der Motivationstrainer und Personalentwickler, der Scheiff für die Zeitarbeitsbranche gewonnen hat.2001 war das. Scheiff hat bis dahin eine solide Karriere hingelegt. Als Betriebswirt, der neben der Ausbildung das Abendgymnasium und später die Fachhochschule absolviert, gehört Scheiff zu denen, die gelernt haben, sich durchzubeißen. Ende der siebziger Jahre beginnt er bei 3M, einem US-Hersteller von Medizinprodukten. Er bleibt 18 Jahre. Danach wechselt er zum Konsumgüterhersteller Johnson & Johnson. Schließlich der Einstieg in jene Branche, in der er nun ganz oben gelandet ist. DIS ist das am schnellsten wachsende Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland.Als Scheiff 2001 dort beginnt, hat die Branche einen Ruf, der ?irgendwo zwischen gewerblicher Prostitution und Bestattungsgewerbe rangiert?, wie es das Markenmagazin ?brand? erklärt. Scheiff sieht das nüchterner: ?Mitarbeiter brauchen Sicherheit. Unternehmen brauchen Flexibilität. Das zu organisieren ist unsere Aufgabe.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Scheiff erhält ein unsittliches Angebit.Und Scheiff organisiert. Er wird Tarifexperte und setzt sich als Branchenvertreter mit Gewerkschaften an einen Tisch, die bei Namen wie DIS, Adecco oder Manpower eher an eine moderne Form des Sklavenhandels als an Arbeitsorganisation denken. ?Ich habe bei den Gewerkschaftern Pragmatiker erlebt und solche, die dogmatisch argumentieren. Da habe ich mich dann in meine Jugendzeit zurückversetzt gefühlt?, sagt Scheiff. Die 68er-Generation ? mit etwas gutem Willen lässt sich Scheiff dazuzählen. ?Ich war sehr weit links?, stellt Scheiff fest. Könnte sein, dass er auch eine Mao-Bibel besessen hat.Drei Jahre nach seinem Ausflug in die Welt des Konsumgüterriesen kommt das unsittliche Angebot. Klaus Jacobs, ehemaliger Kaffeebaron, Pferdezüchter und zwischenzeitlich Großaktionär bei Firmen wie dem Schokoladenhersteller Barry Callebaut und eben Adecco, hat gerade mit knapp 70 Jahren einen Parforceritt hingelegt. Er hat sich an die Spitze des margenschwachen Zeitarbeitsunternehmens geschwungen. Im Januar dieses Jahres verkündet Jacobs, wie er Adecco in Deutschland auf die Beine bringen will: Er kauft DIS und das Management gleich mit.Scheiff und sein Finanzchef, die den Aktienkurs von DIS innerhalb von drei Jahren nach oben katapultiert haben, sollen künftig den etwa 50-mal größeren Ex-Konkurrenten mit Hauptsitz in Glattbrugg leiten, dessen Kurs an der Börse eher zu den Langweilern gehört. So jedenfalls lautet die Version, die Klaus Jacobs erzählt. Aus Scheiffs Perspektive hört sich die Geschichte so an: ?Ich wäre ohne DIS nicht gegangen.? Der Satz lässt den Schluss zu, dass es Jacobs beim Kauf von DIS vor allem darum ging, den Manager Scheiff zu gewinnen. Auf die paar 100 Millionen, die er für DIS gleichsam als Morgengabe an die Braut auf den Tisch legte, kam es ihm da nicht mehr an. Egal. ?Unsere Visionen sind die gleichen ? das war die offene Tür, durch die ich gegangen bin?, sagt Scheiff heute und versichert, dass ihm der umtriebige Großaktionär ins Tagesgeschäft nicht reinredet, seit er die Führung an ihn übergeben hat.Aus Sicht einiger Aktionäre ist das Thema damit allerdings nicht erledigt. Sie werfen Scheiff vor, zu Gunsten seiner Karriere Treuepflichten, die er ihnen gegenüber als DIS-Chef gehabt hätte, hintangestellt zu haben. Zum Sprachrohr dieser Kritiker, die noch rund 17 Prozent der DIS-Aktien halten, hat sich ausgerechnet der US-Hedge-Fonds Elliott gemacht. Er ist Spezialist für Unternehmen, die gerade in ?besonderen Situationen? stecken, wie es in der Branche heißt. Man darf Elliott durchaus unterstellen, auf schnelle Gewinne aus zu sein, die sich bei Firmenübernahmen erzielen lassen. Scheiff, der Umgängliche, reagiert deshalb ungewohnt hart auf die Aktionärskritik: ?Ich finde das nicht in Ordnung. Sie werden im Leben einen Preis dafür zahlen. Geschäfte müssen auf ethischer Grundlage stattfinden.?Für einen Manager ein mimosenhaftes Motto? Nicht, wenn es vom Gespann Jacobs und Scheiff kommt, das gerne die Ärmel hochkrempelt: Adecco will DIS von der Börse nehmen, was die Aktien, die Elliott und Co. halten, weitgehend wertlos machen würde. So hat Adecco als Erstes schon einmal die Dividende gekürzt, die DIS an die Aktionäre zahlt.Zerrt der Streit an den Nerven? Scheiff schüttelt den Kopf, sucht nach einer Formel, findet sie und gibt zurück: ?Wenn du keine Hitze aushalten kannst, geh aus der Küche!?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.11.2006