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Der gejagte Jäger

Von Dirk Heilmann
Anleger treiben Vodafone-Chef Arun Sarin vor sich her. Nun attackieren ihn auch noch Heckenschützen aus den eigenen Reihen. Doch als Hauptredner der Cebit wird er auf der Eröffnungsfeier am Mittwoch Abend wohl erst mal alle überzeugen. ?Join the Vision? lautet das Motto der Festgala in Hannover.
LONDON. Professionell und charmant wird er auch die Gelegenheit zu einem Plausch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel nutzen, die die Messe eröffnet.?Join the Vision? lautet das Motto der Festgala in Hannover ? ein Slogan, den auch Sarin bei seinem Arbeitgeber Vodafone ausgerufen hat, dem aber immer weniger folgen wollen. Seit Monaten steht der 51-Jährige im Dauerfeuer von Analysten und Anlegern. Doch seit der Sitzung des Boards am vorvergangenen Wochenende in Mailand reißen die Berichte nicht ab, dass er auch dort keine einhellige Unterstützung mehr findet.

Die besten Jobs von allen

Der rasante Kurswechsel, den Sarin seither vollzogen hat, ist in seiner Bedeutung kaum zu überschätzen. Am vorletzten Montag kündigte er an, dass Vodafone die Bewertungen der Töchter in Deutschland, Italien und Japan um mindestens 34 Milliarden Euro senken werde. Das ist nicht nur das späte Eingeständnis, dass Megaübernahmen wie die von Mannesmann 2000 zu teuer waren, sondern auch, dass die Aussichten für die kommenden Jahre auf diesen Märkten schlechter sind als gedacht. Die Zeiten rasanten Wachstums sind für den Weltmarktführer vorbei.Noch dazu musste Sarin entgegen seiner vielfach geäußerten Überzeugung Abschied vom japanischen Geschäft nehmen. Offenbar auf Druck des Boards kündigte er am Freitag überraschend an, dass er mit dem japanischen Internetkonzern Softbank über den Verkauf der Mehrheit an der japanischen Mobilfunktochter spreche.Damit wird die Boardsitzung von Mailand als Wendepunkt in die Vodafone-Historie eingehen, an dem der Konzern seine Strategie von ?Weltherrschaft? auf ?mehr Shareholder-Value? umstellte.Sarin war zwar nicht dabei, als sich der Mobilfunkpionier aus der englischen Provinzstadt Newbury zum aggressivsten Firmenkäufer der Branche mauserte, aber die beispiellose Einkaufstour unter Christopher Gent brachte ihn zum Konzern. Der in Indien geborene US-Amerikaner kam ? nach Studium in Indien und Kalifornien und Arbeit als Unternehmensberater ? 1984 zur Pacific Telesis Group in San Francisco. Von dort führte ihn sein Weg über mehrere Stationen zu Airtouch, einem der aufstrebenden Mobilfunker. Als zweiter Mann des Chefs Sam Ginn handelte er 1999 die Übernahme durch Vodafone mit aus. Das US-Geschäft von Airtouch wurde mit zwei anderen Telefongesellschaften zu Verizon Wireless vereint, 45 Prozent daran hält Vodafone.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sarin hatte große Anleger vergrätzt. Kurz darauf half Sarin seinem Vordenker Gent, Mannesmann zu übernehmen ? dort war Airtouch der Minderheitspartner bei der Mobilfunktochter D2. Ex-Chef Ginn beschreibt Sarin als ?hoch intelligent mit einer Gabe für strategisches Denken? und ?wundervoll im Umgang mit Menschen, voller Energie und Optimismus?.Im April 2000 trieb die Energie Sarin weiter: Er zog sich bei Vodafone in die Aufseherrolle eines nichtexekutiven Direktors zurück und wurde Chef der Internetfirma Infospace. Ein Gewinn von angeblich 35 Millionen Dollar aus dem Verkauf seiner Airtouch-Aktien hatte aus dem zweifachen Familienvater einen reichen Mann gemacht. Als er ging, rief Gent ihm nach, er halte Sarin am ehesten geeignet für seine Nachfolge.So kam es denn auch: Nach dem glücklosen Intermezzo bei Infospace und einem Posten bei dem Finanzinvestor Accel-KKR Telecom holte Gent ihn im August 2003 als Nachfolger. Für viele in der City war das eine überraschende Wahl, und sie taten sich schwer mit dem Neuen. Umso mehr, als der zuerst die Zeit der großen Übernahmen für beendet erklärte und dann Anfang 2004 plötzlich 38 Milliarden Dollar für den US-Mobilfunker AT&T Wireless bot.Die Übernahme zerschlug sich, doch der Schaden blieb: Sarin hatte große Anleger ebenso vergrätzt wie den US-Partner Verizon, der die Mehrheit an Verizon Wireless hält. Das Misstrauen verstärkte sich noch im November 2005, als Sarin für die Märkte überraschend die Wachstumsprognosen senkte. Die Vodafone-Aktie rauschte in die Tiefe.Wenn schon die Wachstumsaussichten nicht mehr so golden sind, dann wollen wir mehr Geld sehen, forderten Anleger immer öfter. Und verlangten neben dem Ausstieg aus Japan vor allem den Verkauf der Verizon-Wireless-Beteiligung, die 50 Milliarden Dollar bringen könnte. Verizon bekräftigte das Interesse, die Tochter komplett zu übernehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Zum Wortführer der Großaktionäre hat sich Standard Life aufgeschwungen.Zum Wortführer der Großaktionäre hat sich Standard Life aufgeschwungen. ?In Vodafone auf Basis der Strategie zu investieren ist, wie ein Lotterielos zu kaufen?, hämte gestern David Cumming, Leiter der Abteilung britische Aktien, im BBC-Radio. ?Und die Intrigen im Board erinnern allmählich an den Hof der Borgias an einem schlechten Tag.?In der Tat waren die britischen Zeitungen in den vergangenen Tagen voll mit Berichten über Machtkämpfe und Konflikte im Board, dem Hochkaräter wie Jürgen Schrempp angehören. Ehrenpräsident Gent habe sich von Sarin abgewandt und sogar gedroht, schon auf der Hauptversammlung 2005 gegen ihn zu stimmen, hieß es dort. Auch von einer Machtprobe Sarins mit Chairman Lord MacLaurin war die Rede. Im Juli kommt mit Sir John Bond, dem bisherigen Chairman der Bank HSBC, ein neuer Chefaufseher.Er scheint vorerst hinter Sarin zu stehen, doch der Druck der Märkte ist groß. ?Ich konzentriere mich auf meinen Job?, sagte Sarin in einem Interview. ?Wir leben in einer freien Gesellschaft, und die Leute können schreiben, was sie wollen.? Die Zeiten seien in der ganzen Branche härter als früher.Sarin ist keiner, der schnell die Ruhe verliert. Auch in Pressekonferenzen lächelt er zu spitz formulierten Fragen und antwortet geduldig und druckreif. Vielleicht ist es ja gerade diese äußerliche Perfektion, die so harsche Kritik an seiner Person hervorruft. Sarin hat das makellose Erscheinungsbild und Auftreten eines Nachrichtensprechers, lässt keine Gefühle aufblitzen.Doch ist das gleich ?Arroganz, die nicht zu seiner Leistung passt?, wie ein Fondsmanager urteilt?
Arun Sarin1954Er wird in Indien geboren. Mit 21 Jahren schließt er ein Studium am Indian Institute of Technology ab und wandert in die USA aus. Dort erwirbt er Ingenieurstitel und ein MBA in Berkeley.1984Nach einigen Jahren als Unternehmensberater steigt er bei Pacific Telesis in die Telekom-Branche ein. Eine Karriere im aufkeimenden Mobilfunk-Geschäft führt ihn bis zur Nummer zwei bei Airtouch.1999Nach der Übernahme von Airtouch durch Vodafone bleibt er nur kurz beim britischen Konzern, wechselt dann zu Infospace und Accel-KKR Telecom.2003Sarin kehrt als Vorstandschef und Nachfolger von Christopher Gent zu Vodafone zurück.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.03.2006