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Der gefallene Macher

Von Hans G. Nagl
An den Finanzmärkten zählt die Vergangenheit wenig. Das muss derzeit auch der Chef der Hypo-Real-Estate (HRE), Georg Funke, erfahren. Seit der überraschenden Subrime-Abschreibung und einem Kurseinbruch der Unternehmens-Aktie um 37 Prozent, ist er vom Erfolgs- zum Buhmann geworden.
HRE-Chef Georg Funke lässt derzeit Fingerspitzengefühl vermissen. Foto: dpa
FRANKFURT. Jahrelang war Georg Funke der unangefochtene Held von Investoren und Analysten. Erfolgreich hatte der Hypo-Real-Estate-Chef das Immobiliengeschäft aus der HypoVereinsbank mit herausgelöst. Was von Journalisten und Experten 2003 noch als ?Bad Bank? verspottet wurde, gehört heute zu den 30 wichtigsten Börsenkonzernen hierzulande. Doch mit der überraschenden Subrime-Abschreibung ist Funke über Nacht zum Buhmann geworden. Nicht einfach für jemanden, dessen Karriere jahrelang nur eine Richtung kannte ? nämlich aufwärts.Dabei gilt der 52-jährige Gelsenkirchener als bodenständiger und offener Sympathieträger, dem das Dünkelhafte vieler seiner Branchenkollegen gänzlich fehlt. ?Das ist einer, mit dem man gerne mal ein Bier trinken geht?, sagt einer, der mit ihm gearbeitet hat.

Die besten Jobs von allen

Der gelernte Immobilienkaufmann kommt 1984 zur bayerischen Hypo-Bank. Fünf Jahre später geht er für die Münchener nach London, wo er für fast ein Jahrzehnt als Ko-Chef die Niederlassung an der Themse leitet. Dort lernt Funke die angelsächsische Mentalität des Bankings kennen, die ihn bis heute prägt. ?Funke weiß genau, was er will, nimmt kein Blatt vor den Mund und trifft schnelle Entscheidungen?, heißt es schon früh über ihn.Nach der Rückkehr klettert der mit einer Irin verheiratete Vater dreier Kinder weiter die Karriereleiter nach oben und wird in dem 1998 mit der Vereinsbank fusionierten Institut schließlich Chef der Immobilieneinheit. Doch die neue Hypo-Vereinsbank braucht nach Milliardenabschreibungen auf Häuslebauer-Kredite dringend Kapital. 2003 entscheidet man sich in der Not, das Immobiliengeschäft in weiten Teilen abzuspalten.Funke übernimmt das Himmelfahrtskommando - und er weiß genau, was er tut. ?Für die zum Teil immensen Risiken hat er damals eine umfangreiche Abschirmung durch die HVB ausgehandelt?, heißt es bei einem Konkurrenten anerkennend. ?Und er hat frühzeitig das Potenzial des internationalen Geschäfts erkannt.? Die deutschen Einheiten saniert der Hobby-Fotograf radikal, verkauft faule Kredite in Milliardenhöhe. Und er profitiert davon, dass die Immobilienmärkte von 2003 an stetig zulegen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die BaFin prüft Verstöße Binnen kurzer Zeit vervierfacht sich der Aktienkurs auf zeitweise knapp 60 Euro. Bereits 2004 jubelt ein Aktionärsschützer, es sei ?echter Mehrwert geschaffen worden?. Im Dezember 2005 steigt die Hypo Real Estate (HRE) in den Deutschen Aktienindex (Dax) auf. Doch Funke denkt größer, will das Geschäftsmodell verbreitern. Und so verhandelt er mit dem Frankfurter Staatsfinanzierer Depfa. Im Sommer 2007 wird die Übernahme verkündet. Dass der Banker die gut fünf Milliarden Euro schwere Transaktion trotz Kreditkrise noch über die Bühne bringt, nötigt selbst Widersachern Respekt ab.Doch die Vergangenheit zählt an den Finanzmärkten wenig. Den Investoren stößt es übel auf, dass die Münchener am 15. Januar aus heiterem Himmel Abschreibungen von 390 Mill. Euro auf strukturierte Finanzprodukte - im Banker-Jargon CDOs - ankündigen. Nicht, dass die Hypo Real Estate ihr Portfolio von 1,5 Mrd. Euro verschwiegen hätte. Aber auch Anfang November hatte man noch abgewiegelt und erklärt, man sei trotz Krise ?extrem gelassen?. Von da an schwieg man lieber. Die Quittung der Märkte folgt daher umgehend: Zeitweise bricht der Kurs um 37 Prozent ein - ein für Dax-Werte fast einmaliger Vorgang.Nun prüft die Finanzaufsicht BaFin mögliche Verstöße gegen Veröffentlichungspflichten. Analysten sprechen von einem Vertrauensbruch, Anwälte prüfen Schadensersatzklagen. Und die Branche ergeht sich in Spott. "So etwas kann man als Dax-Wert nicht bringen", meint ein Banker. ?Nicht, wenn man die ganze Zeit über das Gegenteil erzählt hat.?Für Funke ist es das erste Mal seit Jahren, wenn nicht vielleicht in seiner Karriere überhaupt, dass ihm ein solcher Sturm ins Gesicht bläst. Am Dienstag zeigt der sonst so ruhige und korrekte Banker dann auch Nerven. Während der Kurs immer weiter abschmiert, gibt er sich uneinsichtig: ?Unser Team hat einen Super-Job gemacht.? Personelle Konsequenzen ausgeschlossen ? dazu der Verweis auf die Leistung seit 2003. Mittlerweile scheint der Manager ins Grübeln gekommen zu sein. Von einer womöglich mangelhaften Vorbereitung des Marktes ist in einem Mitarbeiterbrief die Rede. Doch es wird mehr nötig sein, um das zerstörte Vertrauen zurückgewinnen. Der Nimbus des Machers hat Kratzer bekommen.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.01.2008