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Der geborene Hemdenverkäufer

Von Stefanie Bilen, Handelsblatt
So einen Sohn wünschen sich viele Unternehmer, die sich mit Nachfolgeproblemen herumschlagen: einen, der das Geschäft des Vaters fortführen möchte. Für Gerd Oliver Seidensticker ist sein Berufswunsch schon als Knirps klar: ?Ich will Hemdenverkäufer werden.?
BIELEFELD. Sein Wunsch ging in Erfüllung. Seit Anfang des Jahres ist der heute 38-Jährige oberster Hemdenverkäufer seines Unternehmens und so des größten Hemdenherstellers in Deutschland. Er hat seinen Vater Gerd Seidensticker als Geschäftsführer und Gesellschafter des Bielefelder Herstellers von Herren- und Damenbekleidung abgelöst.Der Junior ist bei Seidensticker für Herrenbekleidung ? Hemden, Schlafanzüge und Pullover ? verantwortlich, die rund 75 Prozent des Geschäfts ausmacht. Sein Cousin Frank Walter Seidensticker, ein Nachfahre des zweiten Familienzweigs, ist für Damenmode zuständig. Und als neutrale Instanz kümmert sich der familienfremde Manager Detlef Adler, Sprecher der Geschäftsführung, um Finanzen und Verwaltung.

Die besten Jobs von allen

?Für einen Seidensticker bietet sich der Beruf des Verkäufers förmlich an?, sagt Gerd Oliver Seidensticker und lehnt sich im Sessel entspannt zurück. ?Mit dem bekannten Namen hat man im Markt deutliche Vorteile.? Mit seinem verbindlich-freundlichen Blick, dem beigefarbenen Anzug, den er an diesem Tag trägt, und dem offenen Hemd würde er gut in den Laden eines modernen Herrenausstatters passen.Am kommenden Sonntag ist er als Verkäufer besonders gefragt. Wenn die halbjährliche Modemesse CPD in Düsseldorf startet, steht er selbst drei Tage lang von früh bis spät an den Ständen seiner Marken Dornbusch, Seidensticker, Redford und Jacques Britt: Kontakte knüpfen, Kollektionen präsentieren.Da gibt es einiges aufzuholen. In den vergangenen Jahren, so lässt er durchblicken, sei die Kundenpflege etwas zu kurz gekommen. Seine Vorgänger als Marketing- und Vertriebschefs waren familienfremde Manager, die sich zu sehr um Konzepte und zu wenig ums Verkaufen gekümmert haben. Und der Auftritt des Chefs kommt an. ?Natürlich spreche ich lieber mit einem Herrn Seidensticker als mit einem anderen Manager?, heißt es bei Peek & Cloppenburg, dem größten Handelspartner in Deutschland.Lesen Sie weiter auf Seite 2, wie Seidensticker die Krise durchstehtDas Geschäft ist schwierig. Die Textilbranche verzeichnet Monat für Monat Einbußen. Auch Seidenstickers Umsatz ist mehrere Jahre gesunken, bevor er sich im vorigen Geschäftsjahr bei 255 Millionen Euro eingependelt hat. Deutschlands größter Hemdenhersteller hat Mitarbeiter entlassen - heute sind es 750 ?, Standorte zusammengelegt und Teile der Produktion ins Ausland verlegt.Jetzt sieht Gerd Oliver Seidensticker das Familienunternehmen gerüstet für die Zukunft: Im laufenden Geschäftsjahr will er ein kleines Umsatzplus erzielen. Über Ertragsziele schweigt er eisern. Mit seinen Geschäftsführer-Kollegen will er den Export steigern, das Lizenzgeschäft (er fertigt beispielsweise Hemden für Otto Kern und Joop) erweitern, das Handelsmarkengeschäft stärken, das etwas angestaubte Image mit Kinowerbung aufpolieren und, und, und.?Gerd Oliver Seidensticker muss jetzt Veränderungen durchsetzen?, bestätigt Klaus Brinkmann, Geschäftsführer der Herforder Brinkmann-Gruppe und Lizenzpartner von Seidensticker. ?Ich traue ihm durchaus zu, dass er das mit Sensibilität, aber auch mit der nötigen Entscheidungsfähigkeit macht.?Die Belegschaft kann ein Lied davon singen. ?In Betriebsversammlungen wurde häufig zur Sparsamkeit und zum Kostenbewusstsein aufgerufen?, berichtet Betriebsrätin Simone Fehse. Trotz der Verunsicherung scheinen die Mitarbeiter hinter ihrem Juniorchef zu stehen. ?Auch wenn er unangenehme Nachrichten übermittelt, schafft er es, immer den richtigen Ton zu treffen?, findet Fehse.Lesen Sie weiter auf Seite 3 über den Man ohne Ecken und KantenEin böses Wort ist über den Junior im Unternehmen kaum zu hören. Fair, charmant, humorvoll, lebensfroh sind Eigenschaften, die häufig genannt werden. Ähnlich ist das Bild in der Branche. ?Ich kenne ihn seit acht Jahren, habe aber noch keine Ecken und Kanten gesehen?, sagt ein Manager bei Peek & Cloppenburg. Aber ein Kritikpunkt fällt ihm ein: ?Seidensticker ist kein harter Verhandlungsführer.? Der Vertreter der dritten Generation hat das Textilgeschäft von der Pike auf gelernt: erst eine Lehre in der Bekleidungsindustrie, Betriebswirtschaftsstudium und dann neun Jahre für Seidensticker in Hongkong.Der gebürtige Bielefelder verkörpert das vor 85 Jahren gegründete Unternehmen zu hundert Prozent ? und umgekehrt. ?Ich stehe für Kontinuität?, sagt der verheiratete Vater von zwei Kindern. ?Es ist jetzt wichtig, Vertrauen auszustrahlen und den Mitarbeitern klare Werte und Ziele vorzugeben.?Er hat dabei keine Berührungsängste. Auf Betriebsfeiern moderiert er mit seinem Cousin Spiele. In den Werkshallen spricht er seine Angestellten direkt an. ?Den autoritären Stil hat er nicht von seinem Vater übernommen?, heißt es in der Belegschaft. Dennoch berät sich der Junior regelmäßig mit ihm. ?Das war meine Bedingung für die Rückkehr nach Bielefeld?, sagt er.Und wer löst ihn einmal ab? Vielleicht sein Sohn. Der heute Neunjährige hat kürzlich verkündet: Wenn es nicht zum Schauspieler reiche, wolle er Seidensticker übernehmen.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.07.2004