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Der Gäule-im-Zaum-Halter

Von Simone Fuchs, Handelsblatt
RMS-Chef Wilfried Sorge ist der ruhende Pol der hektischen Privatradio-Branche. Die Hamburger Radiovermarkters Radio Marketing Service fungiert als Vermittler zwischen rund 150 privaten Einzelsendern und bundesweit aktiven Werbekunden.
DÜSSELDORF. Zu Wilfried Sorge mag Antenne Bayern nichts sagen: ?Kein Kommentar.? Auch Radio-NRW-Geschäftsführer Hartmut Gläsmann zieht es vor, sich nicht zum Chef des größten deutschen Radiovermarkters Radio Marketing Service (RMS) zu äußern. Noch ist der Konflikt zwischen der RMS und den beiden Sendern nicht ganz überstanden. Ein Streit aber, den wieder einmal jener Wilfried Sorge bereinigt hat. Wie immer ist er verbindlich geblieben, gelassen ? und hat damit Erfolg.Die Hamburger RMS, deren Chef er ist, fungiert als Vermittler zwischen rund 150 privaten Einzelsendern und bundesweit aktiven Werbekunden. Innerhalb der RMS sind alle 15 Gesellschafter gleichberechtigt, unterscheiden sich in ihrer Finanzkraft und Hörer-Reichweite teilweise aber erheblich. Antenne Bayern und Radio NRW fühlten sich so auf nationaler Ebene unter Wert verkauft und hatten ihre Verträge mit der RMS gekündigt. Doch dank Sorges diplomatischen Geschicks wollen die beiden Sender bis Ende Juni neue Verträge unterschreiben.

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Weißhaarig, groß und kräftig bildet der 62-jährige Sorge seit Jahren einen ruhigen Gegenpool zu redseligen Moderatoren und hektischen Senderchefs der Privatradiowelt. Er gilt als Mann der leisen Töne und legt Wert auf Selbstkontrolle. Dabei fällt ihm diese durchaus schwer: ?Ich bin sehr ungeduldig, manchmal gehen mir die Gäule durch.?Kollegen und Konkurrenten kennen Sorge als harten Verhandler, der das Medium Radio mit Energie vertritt und Privates kaum je mit Beruflichem vermischt. Manchmal ?kann er mit seinem Witz aber auch eine ganze Segelpartie unterhalten?, sagt Erwin Linnenbach, Geschäftsführer des RMS-Gesellschafters Regiocast. Dreißig Jahre Medienbranche haben die Gegensätze im Charakter Sorges eher zementiert, denn geglättet. Gelegenheiten, bei denen er die inneren Gäule zügeln musste, gab es in seinem Berufsleben immer wieder.Als der ?Stern? Anfang der 80er-Jahre glaubt, die Hitler-Tagebücher gefunden zu haben, ist Sorge stellvertretender Verlagsgeschäftsführer des Magazins. Er ist von Anfang an in das Projekt eingeweiht, regelt den Verkauf der Lizenzen in alle Welt und organisiert die Weiterverwertung der Geschichte als Buch. Als sich die Aufzeichnungen als Fälschung herausstellen, fühlt er sich mitverantwortlich. Ein Jahr nach der Affäre verlässt er den Verlag Gruner + Jahr ? freiwillig, wie er betont. Sorge sei ein ?Bauernopfer? gewesen, sagt dagegen ein Hamburger Branchenkenner. Auch der Jahreszeitenverlag, zu dem Sorge als Verlagsleiter für Wohnzeitschriften und Neuentwicklungen wechselt, bietet ihm auf Dauer keine berufliche Heimat.Sorge agiere überlegt und methodisch, sagt Regiocast-Geschäftsführer Linnenbach. ?In einem eigentümergeführten Unternehmen wie dem Jahreszeitenverlag werden Entscheidungen aber oft auch spontan getroffen?, sagt Markus Peichl. Zusammen mit Sorge gründete der Journalist die ehemalige Jahreszeiten-Publikation ?Tempo?. Die Idee, ein solches Zeitgeist-Magazin zu produzieren sei typisch für Sorge gewesen, sagt Peichl: ?Er hat eine große Leidenschaft für Neues und probiert gerne etwas aus.? Wenn Sorge eine neue Idee, einen interessanten Gedanken entdeckt, durchbricht noch heute das Leben seine Selbstkontrolle. Er wird lauter, gestikuliert, bewegt sich rasch. Doch die Differenzen zwischen Sorge und dem Jahreszeiten-Verleger Thomas Ganske wurden mit der Zeit unüberbrückbar.?Ich hatte die Entwicklungsgeschwindigkeit des Hauses überschätzt?, formuliert es Sorge vorsichtig. Auch andere Kollegen aus der Führungsmannschaft des Jahreszeiten-Verlages hätten das Haus kurz nach ihm wieder verlassen. ?Hier sind immer wieder Leute weggegangen und haben ordentlich Karriere gemacht? ? das sei eben das Schicksal mittelständischer Unternehmen, heißt es beim Jahreszeiten-Verlag.Dennoch wurde es für den Medienmanager Zeit für einen Wechsel und einen eindeutigen Neuanfang. Das Radio bot Sorge die Chance dazu ? und die Gelegenheit, einen jungen Markt von Anfang an mitzugestalten. In Hannover krempelt er den Radiosender FFN kräftig um, setzt ein werbewirksames Formatradio-Konzept durch. Musikausrichtung und Programmstruktur sind dabei einem genau festgelegten Rahmen unterworfen. Wieder gibt es Konflikte, einige Mitarbeiter sperren sich gegen die Veränderungen und müssen gehen. Sorge fallen die Entlassungen schwer.Trotzdem ist er glücklich im Radio. Schließlich entspricht das Medium seinem Charakter viel eher als das Zeitschriftengeschäft: ?Alle diese Unwägbarkeiten ? Artikel, die zu spät oder gar nicht kommen, die unglaublichen Vorlaufzeiten bei der Produktion ? die gibt es im Radio nicht?, sagt Sorge. Radio ist planbar, Radio basiert auf Marktforschung, das Programm wird fast mechanisch zusammengesetzt. Trotzdem bewegt es sich sehr schnell, ist direkt und nahe dran an den Menschen.Denn trotz seiner sorgfältig kultivierten Distanz fühlt sich Sorge dem kreativen Chaos der Medienbranche aufs Tiefste verbunden. Schon als Jugendlicher leitet er den Filmclub in seiner Heimatstadt Uelzen. Magazine und Zeitungen liest er von der ersten bis zur letzten Seite. Und wenn er von der Tochter erzählt, die jetzt vielleicht doch Journalistin wird, dann fangen seine Augen an zu leuchten.
Dieser Artikel ist erschienen am 17.06.2005