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Der freundliche Herr Staudigl

Dieter Fockenbrock
Der neue Vorstandschef von Wacker Chemie übernimmt keinen leichten Job: Rudolf Staudigl muss die exzellenten Zahlen seines Vorgängers Peter-Alexander Wacker toppen ? und der sitzt ihm als Großaktionär und künftiger Aufsichtsratschef auch noch im Nacken.
Der Vorstandsvorsitzende von Wacker Chemie, Rudolf Staudigl, wird kräftig aufräumen müssen. Foto: dpa
MÜNCHEN. Eigentlich geht es um Rudolf Staudigl an diesem Morgen. Der Mann mit den grauen Schläfen und der hohen Stirn soll sich den Journalisten als neuer Vorstandschef von Wacker Chemie vorstellen.Doch ein anderer Mann dominiert beim Frühstückstermin den Raum in der Münchener Zentrale, nicht nur weil er deutlich größer ist als Staudigl. Peter-Alexander Wacker, Noch-Vorstandschef und Großaktionär des Chemiekonzerns, antwortet sogar auf Fragen, die ihm nicht gestellt werden. Ein Signal für die Rollenverteilung ab 1. Mai bei Wacker Chemie, wenn Staudigl Vorstandschef wird und Peter-Alexander Wacker den Aufsichtsratsvorsitz übernimmt?

Die besten Jobs von allen

Nun, zwischendurch kommt der Neue doch noch zu Wort. Und er lässt sich sogar eine Leidenschaft entlocken, die Biotechnologie. Damit hat sich der 53-jährige promovierte Chemiker schon zu seinen Zeiten als forschender Wissenschaftler an der Havard-Universität beschäftigt. Die Biotechnologie hat er auch schon als ?schönes kleines Pflänzchen? bei Wacker Chemie identifiziert, die vor allem vom Geschäft mit Silizium für die Solar- und Halbleiterindustrie profitiert.Staudigl denkt an biotechnische Verfahren, die für die Herstellung von Industrieprodukten eingesetzt werden, etwa für bestimmte Enzyme für Waschmittel. Bilanziell fällt das zwar noch nicht ins Gewicht, aber es passte so schön zur Wacker-Philosophie, sich auf die großen Trends zu konzentrieren. Staudigl nennt das ?modern aufgestellt?. Im Übrigen spricht der gebürtige Bayer gerne von Kontinuität, wenn es um die Zukunft des MDax-Unternehmens geht.Ganz im Sinne seines Vorgängers, Peter-Alexander Wacker, der mit 57 Jahren nach eigenem Bekunden ?viel zu früh? auf den Posten des Aufsichtsratschefs wechselt. Doch die Pflicht ruft, Chefaufseher Karl Heinz Weiss geht aus Altersgründen. Und die Familie Wacker, die zwei Drittel der Aktien kontrolliert, will die Zügel in der Hand behalten.Staudigl weiß, worauf er sich einlässt. Deshalb demonstriert er auch Konsens auf allen Linien mit seinem künftigen Chefaufseher. Seit 25 Jahren ist Staudigl im Unternehmen, seit zehn Jahren in führender Position. Zuletzt verantwortete er die Vorstandsressorts Personal und Forschung.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Meinungsverschiedenheiten zwischen Vorstand und Aufsichtsrat Ohnehin, betont Staudigl, sei er maßgeblich an vielen strategischen Weichenstellungen beteiligt gewesen. Dabei blickt der neue Chef über mehr als 14 000 Mitarbeiter freundlich in die Runde. Nicht ohne hinzuzufügen, dass ?Meinungsverschiedenheiten zwischen Vorstand und Aufsichtsrat sehr konstruktiv zum Wohle des Unternehmens und seiner Stakeholder? bereinigt würden.Ohnehin sieht es derzeit nicht danach aus, als müsse der Neue im Sessel des Vorstandsvorsitzenden kräftig aufräumen. Wacker Chemie erwartet dieses Jahr ein Umsatzwachstum von zehn Prozent und hat gerade ein Rekordjahr hinter sich. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) erreichte eine Milliarde Euro und das bei einem Umsatz von 3,8 Milliarden Euro. Und der Zuwachs des Jahresüberschusses um gut ein Drittel auf 422 Millionen Euro im vergangenen Jahr beschert den Aktionären eine von 2,50 auf drei Euro erhöhte Dividende.Das zu toppen dürfte dem neuen Vorstandschef Staudigl nicht leicht fallen, wenn auch Peter-Alexander Wacker alles unter Kontrolle hat. Doch der hat zumindest eines versprochen: ?Ich werde mit Sicherheit kein Übervorstand sein.?
Dieser Artikel ist erschienen am 19.03.2008