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Der Freizeit-Prediger

Von Felix Schönauer, Handelsblatt
Es kommt selten vor, dass Vorstandsvorsitzende die Vorzüge der Freizeit öffentlich preisen. Bei Mervyn Davies ist das anders. Der erste Mann der britischen Standard Chartered Bank betont oft und gern, wie ?langweilig ein Leben wäre, das nur aus Arbeit besteht?.
LONDON. Fußball, Rugby, Golf, Lesen, walisische Kunst ? es gibt ja so viele Interessen, denen der 52-Jährige ?mit der gleichen Leidenschaft? wie bei Standard Chartered nachgeht.Auch wenn eine solche Aussage zum Jobprofil des Spitzenmanagers einer Großbank mit 30 000 Angestellten, Milliarden-Einnahmen und Repräsentanzen in mehr als 50 Ländern nicht so recht passen will: Dahinter steckt der Versuch des Bankchefs, sich selbst und sein Institut als modern und weltoffen zu präsentieren, oder besser: ganz anders als das alte Image seiner Bank.

Die besten Jobs von allen

Wer vor Davies? Amtsantritt vor drei Jahren mit Bankern über Standard Chartered redete, hörte im Laufe des Gesprächs Sätze wie: ?Hat die besten Zeiten schon hinter sich? oder ?ein Übernahmekandidat?.Die Gerüchte sind inzwischen seltener zu hören. Die Bank zählt zwar mit einer Marktkapitalisierung von gut zwölf Milliarden Pfund nicht einmal zu den Top 20 in Europa. Das ist in Großbritannien zu wenig, um im Konzert der Großen mitzuspielen, eine ähnliche Rolle wie sie die Commerzbank in Deutschland hat. Aber die britische Bank hat sich frühzeitig auf das Asiengeschäft konzentriert. Heute erzielt sie dort in den wichtigsten Wachstumsmärkten bereits zwei Drittel ihrer Einnahmen mit Privat- und Firmenkunden. Vor wenigen Wochen schnappte Davies sogar der britischen Großbank HSBC mit der Korea First Bank einen großen Fisch vor der Nase weg.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Von Beginn an in Schwellenländern verankertDie Bank ist seit ihrer ersten Erwähnung 1853 fest mit den Schwellenländern verankert. Zu der Zeit gründet der Schotte James Wilson ? der auch die Zeitschrift ?The Economist? ins Leben ruft ? die Chartered Bank, um dem Handel in Asien die nötige Finanzkraft zu verschaffen. Neun Jahre später eröffnet in Afrika die Standard Bank. Beide wachsen und schließen sich 1969 zur Standard Chartered Bank zusammen und wachsen weiter. Doch ein feindlicher Übernahmeversuch der britischen Großbank Lloyds 1986 erschüttert ihr eigenes Selbstverständnis. Seit dieser Zeit wirkt das Institut angeschlagen und abgehängt. Noch Davies? Vorgänger Rana Talwar verliert seinen Job, weil der damalige Chairman ihn verdächtigt, er wolle das Haus so schnell wie möglich an die größere Konkurrenz verkaufen.Das ändert sich erst im Jahr 2001, als Davies antritt. Zwar verstummen die Übernahmetheorien seitdem keineswegs, doch sie werden nicht mehr so offensiv geäußert. Inzwischen gibt es auch andere Stimmen. ?Standard Chartered hat ein gutes Management-Team und arbeitet in wachstumsstarken Märkten?, sagen sogar die Analysten beim größten Konkurrenten HSBC.Seit Monaten zeigt der Vater zweier Kinder, dass mit seiner Bank wieder zu rechnen ist. Der Mann mit den kurz geschorenen Haaren und der unauffällig-ovalen Brille reduzierte die zu hohen Kosten, indem er etwa als einer der ersten Bankenchefs Teile der Verwaltung nach Asien verlagerte. Der Mann aus dem Norden von Wales expandierte in lukrative Märkte in Indien und China, er zahlte seinen Aktionären mehr Dividende.Statt übernommen zu werden, kauft die Bank selbst zu. Dem Erwerb eines kleinen Instituts in Indonesien folgte ein Minderheitsanteil an einer Bank in China. Und vor kurzem dann der Coup mit der Korea First Bank. Mit dem 3,3 Milliarden-Dollar-Deal (rund 2,5 Milliarden Euro) etabliert sich Standard Chartered in Asien noch stärker ? auch wenn sie dafür neue Aktien emittieren muss und einige Beobachter von einem zu hohen Preis sprechen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Jetzt kommt es auf die Integration anDavies ist ehrgeizig genug, um die Zweifler eines Besseren zu belehren. Ohnehin ist sein Verhalten so ganz anders, als es sein Bekenntnis zur Freizeit vermuten ließe. Er liebt den schnellen Wechsel zwischen Gastgeber-Pflichten bei Veranstaltungen in London und den vielen, langen Reisen nach Asien. Er gilt unter seinen Mitarbeitern als fordernd. Und er hat Erfolg: In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres erzielte die Bank mit 1,1 Milliarden Dollar ein besseres Ergebnis als im gesamten Vorjahr. Und Davies steigerte wichtige Kennziffern wie die Eigenkapitalrendite in seiner Amtszeit um mehr als 50 Prozent.Nach der Übernahme der koreanischen Bank muss Davies nun zeigen, dass er auch große Akquisitionen integrieren kann. Ob er weiter auf Einkaufstour geht, ist unwahrscheinlich.Vermutlich sollte man den jüngsten Auftrag an einen Graffiti-Künstler als symbolisch werten: Davies beauftragte den Mann, die Wände der hauseigenen Kantine bunt zu verzieren. Der Bankchef wollte damit zwar offiziell nur nach außen zeigen, dass er in einer ?jungen und lebendigen Firma? arbeitet.Vielleicht wollte er aber auch etwas anderes andeuten: dass er erst einmal seine Aufgaben im eigenen Haus erledigen will, bevor er sich an neue Herausforderungen wagt.
Dieser Artikel ist erschienen am 03.02.2005