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Der Freiherr von Yahoo

Von Simone Fuchs
"Selbstbezogen, aber nicht selbstsüchtig, markenorientiert und ständig unter Zeitdruck" - so zumindest charakterisiert Yahoo junge europäische Internetnutzer. Und der neue Yahoo-Deutschland-Chef fühlt sich selbstverständlich offiziell dieser ?I-Generation? zugehörig.
Terry von Bibra ist seit 2005 Geschäftsführer von Yahoo Deutschland. Foto: dpa
HB MÜNCHEN. Dabei erinnert er mit kariertem Hemd und Wollpullover unterm Jackett, wie er zum Gespräch erscheint, eher an einen britischen Großgrundbesitzer denn an einen smart-dynamischen Internetnutzer. Mit der von seinem Arbeitgeber geschaffenen ?I-Generation? hat der 41-jährige Spross einer fränkischen Adelsfamilie in der Praxis denn auch nur wenig gemeinsam.Alle Funktionen der neuesten Pocket PCs und Smartphones probiert er kaum je aus. Dafür fehle ihm die Zeit, sagt er. Er will vielmehr seine Kunden verstehen und in der schnelllebigen Online-Welt für sie neue, attraktive Produkte schaffen.

Die besten Jobs von allen

Seit drei Monaten arbeitet von Bibra für Yahoo. Er kommt von der deutschen Tochter des Online-Buchhändlers Amazon, hat dort mit Erfolg das Partnerprogramm in Deutschland und Europa aufgebaut. Inzwischen verlinken weltweit einige Hunderttausend Unternehmen ihre Seiten mit der Amazon-Internetpräsenz.Bei Yahoo weht ein schärferer Wind als beim E-Commerce-König Amazon. Mit dem Suchmaschinenbetreiber Google und der Microsoft-Tochter MSN ringt der Konzern derzeit um den ersten Platz im lukrativen Markt für Online-Werbung. Fast im Wochenrhythmus stellen die Konkurrenten neue Produkte und Dienste ins Netz. Bibra hält jetzt mit der lokalen Suche in Deutschland dagegen. Nutzer der Seite können ihren Standort in ein separates Suchfeld eintragen und so die Ergebnisliste verfeinern.Viel Stehvermögen braucht Terry von Bibra für seinen Job. Alte Arbeitskollegen bescheinigen es ihm.?Er ist ein exzellenter Verhandlungsführer ? freundlich, aber sehr bestimmt?, sagt Gesine Haag. Die damalige Amazon-Marketingchefin hatte von Bibra Ende der neunziger Jahre eingestellt. Sie habe ihn anderen Kandidaten vorgezogen, weil er eine ?gestandene Persönlichkeit? gewesen sei, erinnert sie sich: ?Er strahlte nicht diese Lässigkeit des Online-Geschäfts aus, aber er hatte genaue Vorstellungen davon, wie sich das Unternehmen weiterentwickeln könnte.? Auch sein eher ungewöhnlicher Lebenslauf gefiel der heutigen Deutschland-Geschäftsführerin des Partnersuchdienstes Match.com.Denn der gebürtige Amerikaner studierte erst einmal Germanistik sowie Werbefotografie und gründete ein eigenes Fotostudio in München, bevor er über einen MBA bei Amazon in die Internetwelt einstieg: ?Ein Werbefotograf arbeitet ganz am Ende der Marketing-Wertschöpfungskette ? das ist viel weniger kreativ als der Job, den ich jetzt mache?, begründet von Bibra den Wechsel.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Von seinem alten Berufsleben hat er sich ganz verabschiedetVon seinem alten Berufsleben hat er sich ganz verabschiedet. Er fotografiert kaum mehr zum Zeitvertreib. Im Studio habe für ihn schließlich nicht das Knipsen im Vordergrund gestanden, sagt er, sondern die Dienstleistung: ?Den Kunden zufrieden zu stellen und dann die fertige Anzeige zu sehen, das war das Beste.?Dienstleistungsorientiert sei Terry von Bibra heute noch, sagt ein anderer ehemaliger Amazon-Kollege: ?Ich konnte mich immer hundert Prozent auf ihn verlassen.? Er rede zwar nicht viel, könne aber schnell umdenken und sei ein echter Macher mit einem sicheren Gespür für das Internet. Als Amazon den Marketplace, eine Plattform für externe Anbieter, in Deutschland, einführte, sei von Bibra der erste Kunde gewesen: Er kaufte eine Sachertorte.Diese pragmatische Herangehensweise ist wohl das Amerikanische, das ihm auch nach 16 Jahren in Europa geblieben ist. Mitte zwanzig war er, als er die USA, das Land seiner Eltern, zu Gunsten der Heimat seiner Urgroßeltern verließ. Inzwischen kann er sich nicht mehr vorstellen, aus Deutschland in die USA zurückzukehren. ?Ich lebe gern in einem Land und in Gebäuden, in denen Menschen schon vor tausend Jahren ihren Geschäften nachgegangen sind?, sagt er über seine Wahlheimat. Die Verbindung zur Vergangenheit erhält er auch über seine Familie aufrecht. Noch heute trägt eine Burg bei Würzburg den Namen des alten fränkischen Adelsgeschlechts. Bischöfe und Herzöge hat die Familie derer von Bibra gestellt, Kirchen gebaut und in den Kriegen der frühen Neuzeit gekämpft.Den Freiherrn trägt der Yahoo-Manager offiziell noch im Namen: ?Das Adelige merkt man ihm an?, sagt Match.com-Chefin Gesine Haag. Sehr diskret sei Terry von Bibra immer gewesen, habe kaum je Privates erzählt: ?Aber er hat einen sensiblen, netten Humor.?Trotz der engen Verbindung zur Vergangenheit ? von Bibra klebt nicht daran. Er schätzt das geeinte Europa und die Vielfalt seiner Kulturen. Dieses Bewusstsein, nicht in einem Land, sondern in einem ganzen Kulturkreis zu Hause zu sein, verbindet den Deutschlandchef dann doch mit der von Yahoo geschaffenen ?I-Generation?.Er ist wohl in beiden Welten zu Hause ? im Internet und in der alten Burg der Herren von Bibra.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Terry von Bibras VitaVita: Terry von Bibra1963 wird er in Pasadena/Kalifornien geboren. Dort geht er auch zur Schule.1981 beginnt er sein Germanistikstudium an der University of California in Santa Barbara und schließt noch ein Studium der Werbefotografie an.1989 macht er sich in München als Werbefotograf selbstständig.1996 geht er für ein MBA-Studium an die Rotterdam School of Management.1998 startet er als Produktmanager beim Internet-Buchhändler Amazon und arbeitet sich bis zum Europa-Strategiechef hoch.2005 wird er Deutschland-Geschäftsführer von Yahoo. Terry von Bibra ist verheiratet und hat drei Kinder.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.04.2005