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Der Freidenker tritt ab

Von Dieter Fockenbrock und Bert Fröndhoff
Ein ungewöhnlicher Berater zieht sich zurück. Dieter Heuskel will das Geschäft von Boston Consulting in Deutschland an einen Jüngeren abgeben. Sein Nachfolger wird jetzt erst einmal gesucht.
DÜSSELDORF. Dieses Alumni-Treffen hat es in sich: Wenn am heutigen Freitagabend mehr als 400 ehemalige und aktive Berater der Boston Consulting Group (BCG) Deutschland in Köln zusammenkommen, geht es kaum um Management-Trends. Hauptgesprächsthema zwischen Aperitif und Digestif ist vielmehr eine Personalie: Zum Jahresende wird Dieter Heuskel, langjähriger Deutschland-Chef der BCG, seinen Posten abgeben.Heuskel bestätigte dem Handelsblatt, dass er für eine vierte Periode an der Spitze von BCG-Deutschland nicht mehr kandidieren werde. ?Nach neun Jahren habe ich die Impulse gegeben, die ich geben wollte?, sagte er. Nun solle die jüngere Generation Neues anstoßen. Der 55-Jährige war 1998 zum Deutschlandchef gewählt worden, nachdem er zuvor das Düsseldorfer Büro für die BCG aufgebaut hatte. In der deutschen Wirtschaft hat sich Heuskel seither einen Namen gemacht. Auch, weil unter seiner Führung BCG stark expandierte und mit einem Umsatz von 265 Millionen Euro im vorigen Jahr zur drittgrößten deutschen Managementberatung aufstieg.

Die besten Jobs von allen

Viel stärker aber prägt ihn das Bild des Freidenkers, der Heuskel gerne ist: Er mag den philosophischen Blick auf Wirtschaft und Management und überrascht mit Standpunkten, die sich oft genug gegen den Mainstream richten. So bürstet Heuskel beim Streitthema ?Diversifikation versus Fokussierung? stets gegen den Strich. Das strategische Mantra einer Konzentration aufs Kerngeschäft hält er für übertrieben und spricht von den Vorteilen der Diversifikation, als wäre dieses Wort in der Managerwelt nie verpönt gewesen. Auch in der Diskussion über die Chancen Deutschlands stimmt er nicht in Klagelieder ein, sondern zeigt sich immer als Optimist.Wenn Heuskel argumentiert, kommt ihm zugute, dass er sehr bodenständig wirkt. Der drahtige Mann mit dem krausen Haar wuchs in der Eifel auf und sammelte schon früh Erfahrungen als Unternehmer. Er gründete mit einem Schulkameraden ein Geschäft, in dem sie Bücher, Jeans und Platten verkauften. Heute begeistert er sich für Kunst und Wein ? seit vorigem Jahr besitzt er sogar ein kleines Weingut im Piemont, in dem er mit viel Elan und Idealismus einen exzellenten Bramaterra aus der Nebbiolo-Rebe anbaut. Daheim im grünen Düsseldorfer Vorort Ratingen sorgt er sich um Schafe und Hühner in seinem Garten. Falls er dieser Idylle überdrüssig wird, steht in der Garage ein renntauglicher Porsche bereit, mit dem er schon den Nürburgring unsicher gemacht haben soll. Kollegen jedenfalls empfehlen, nur Taxi mit ihm zu fahren.Heuskel verkörpert aber nicht nur die philosophische BCG: Er steht auch für eine ganz bestimmte Kundschaft. Konzern-Schwergewichte im Westen der Republik: Bayer, Bertelsmann, Eon, RAG oder Thyssen-Krupp. Eon und Thyssen-Krupp begleitet Heuskel fast schon so lange, wie seine Karriere bei Boston währt. Dass der Ex-Veba-Vorstandschef und jetzige Eon-Aufsichtsratsvorsitzende Ulrich Hartmann sehr engen Kontakt mit Heuskel pflegt, ist ein offenes Geheimnis. Den radikalen Umbau des früheren halbstaatlichen Unternehmens zum größten europäischen Strom- und Gasversorger hat Heuskel maßgeblich mitgestaltet.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Keiner, der nur alte Beziehungen pflegtBeste Kontakte hat er auch zum einstigen Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, der jetzt die RAG in Essen führt. Dort erwartet ihn eine Herausforderung ganz nach seinem Geschmack. Denn Müller will mit dem Konglomerat aus Chemie, Stromerzeugung und Immobilien an die Börse, um damit die Altlasten des deutschen Steinkohlebergbaus zu finanzieren. Ein strittiges Projekt. Trotzdem ist Heuskel keiner, der nur alte Beziehungen pflegt. Große Anerkennung in der Branche hat ihm jüngst ein Bertelsmann-Auftrag eingebracht. Der Gütersloher Medienkonzern suchte nach den Irrungen und Wirrungen des Internetbooms eine neue Strategie: Damit konnte Heuskel dem Konzernchef Gunter Thielen dienen.Querdenken sei ihm immer wichtig gewesen, sagt Heuskel. Das will er auch in Zukunft tun ? wenn er wieder für die BCG als ?normaler? Berater arbeitet. Mitglied bleibt er vorerst auch im weltweiten Executive-Committee der BCG. Ein Wechsel zu einer anderen Beraterfirma? Kommt für Heuskel nicht in Frage. ?Nach 26 Jahren ist das Blut grün?, sagt Heuskel ? und spielt damit auf die Unternehmensfarbe von BCG an.Sein Nachfolger wird jetzt erst einmal gesucht. Die rund 80 deutschen Partner von BCG müssen sich bis zum Jahresende auf einen neuen Spitzenmann einigen. Heuskel geht in einer schwierigen Phase. ?Angriff auf McKinsey? titelte kürzlich das ?Manager Magazin? und meint damit vor allem die BCG-Truppe, die mit ungewohnter Aggressivität ?Die Firma? (McKinsey) angreift. Treibende Kraft bei BCG ist vor allem Hans-Paul Bürkner. Der ist nicht nur Weltchef von BCG, der steht auch für eine andere, offensive Unternehmenskultur. Heuskel dagegen repräsentiert die alte BCG, nachdenklich, zurückhaltend. Ganz im Stil einer einflussreichen, aber unsichtbaren Berater-Eminenz.Trotz der erheblichen Größenunterschiede ? McKinsey ist doppelt so groß wie Boston in Deutschland ? liefe das auf einen Zweikampf um die höchsten Wachstumsraten und die besten Kunden hinaus. Ist es da nur ein Zufall, dass McKinsey-Landeschef Jürgen Kluge ebenfalls gerade bekannt gab, seinen Führungsjob aufzugeben. Bei BCG selbst ist die Personalrotation in der Partnerorganisation die Regel ? alle drei Jahre überprüft die Firma ihre Führungspositionen. Mit Heuskels Rückzug von der Spitze ist aber klar, wer im Wettlauf um die richtige Strategie im eigenen Hause das Rennen gemacht hat: Bürkners neue BCG.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.09.2006