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Der fliegende Holländer

Von Oliver Stock, Handelsblatt
Swiss-Chef Pieter Bouw hat vor allem einen Job: Er muss einen Nachfolger für sich selbst finden.
Pieter Bouw sucht einen Nachfolger für sich selbst. Foto: dpa
Pieter Bouw ist auf seine älteren Tage ein wenig sentimentaler geworden. Der Übergangschef der Swiss, der am Dienstag erklären muss, wie es mit dem angekratzten Nationalheiligtum der Schweizer weitergehen soll, fühlt sich unwohl, wenn in der Direktionsetage des schmucklosen Swiss-Hauptsitzes in Basel Zugluft herrscht. ?Wir gehen nicht im Streit auseinander. Wir werden Freunde bleiben?, ließ Bouw die Belegschaft einen Tag nach dem plötzlichen Abgang des bisherigen Konzernchefs André Dosé vor knapp zwei Wochen wissen.Viel Zeit für Gefühle kann sich der gebürtige Holländer allerdings nicht leisten. Weil bei der Swiss die Manager das Haus verlassen wie eine Herde die ausgetrocknete Wasserstelle, hat der 63-Jährige alle Hände voll zu tun: Er bleibt Verwaltungsratspräsident und ist neuer Konzernchef der Swiss geworden. Nebenbei muss er auch den Posten des kaufmännischen Direktors und des Marketingleiters erledigen. Ein bisschen viel für einen, dem noch im vergangenen Monat Amtsmüdigkeit nachgesagt wurde? Über Bouws hohe Stirn furcht noch eine Falte mehr als sonst: ?Ich fühle mich dem Unternehmen, den Mitarbeitern und auch der Schweiz verpflichtet?, sagt er, und es klingt weniger sentimental, mehr staatstragend, und vor allem: bitter ernst.

Die besten Jobs von allen

Das Unternehmen kommt nicht richtig in die Lüfte, seitdem die Pleite der Swissair mit der Krise der Luftfahrt zusammenfiel und die neu gegründete Swiss mit zu ehrgeizigen Zielen an den Start gegangen war. Die Mitarbeiter werden immer weniger, von den mehr als 9 000 musste jeder Dritte gehen. Das befördert nicht gerade das Ansehen des Managements. Und die Schweiz? Bei den Eidgenossen löst der Blick zum weißen Kreuz auf roter Heckflosse zwar noch immer das beruhigende Gefühl aus, ein Stück Heimat auch im Himmel zu besitzen.Doch auch hier helfen Gefühle nicht wirklich weiter. Die Schweizer Regierung, die der Swiss einmal auf die Beine half, weigert sich, Garantien für einen Betriebskredit zuzusagen. Auf die Frage, was seine wichtigste Aufgabe sei, hat Bouw deswegen keine kurze Antwort: Die Strategie weiter umsetzen, sich ums Geld kümmern und an erster Stelle: einen neuen Chef suchen.Dass ihn diese Aufgaben überfordern, mutmaßen all diejenigen, die Bouw an seinen seltenen öffentlichen Auftritten messen. Da schlüpft er stets ins Gewand Pieter des Weisen, dunkler Anzug, die Stimme leise, die Wortwahl vorsichtig, der Blick durch die runde Brille wandert nur selten ins Publikum. ?Bouw ist nicht der richtige Mann für diesen Job?, schreiben die Analysten der Bank Pictet. ?Bouw kann unmöglich länger alle diese Aufgaben übernehmen?, sagen Headhunter, die sich derzeit mit dem ganzen Ehrgeiz ihrer Branche auf die Swiss stürzen. Auch das verbliebene Management zweifelt: Das Flugzeug mit Flugoperationschef Manfred Brennwald an Bord hatte gerade in Singapur abgehoben, als er durch das Satellitentelefon vom Rücktritt seines Chefs erfuhr. Seither gibt er Durchhalteparolen aus, vermeidet es aber, Bouw als Hoffnungsträger zu bezeichnen.Es könnte jedoch sein, dass all die Pessimisten den fliegenden Holländer am Ende doch noch unterschätzen. Bouw, Sohn eines Transportunternehmers, tritt 1960 in die Fußstapfen seines Vaters und studiert Transportökonomie in Amsterdam, heuert anschließend bei der KLM an, wo er es innerhalb eines Vierteljahrhunderts bis zum Vorstandschef bringt. Er schmiedet die Allianz mit Northwest-Airlines und lässt dafür eine andere Fusion, über die er heute vermutlich anders denken würde, platzen: Mit der Swissair stieg er 1993 in letzter Minute doch nicht gemeinsam ins Flugzeug.Er entlässt, er gliedert aus, er verschlankt. Die Belegschaft hasst ihn, was ihm damals jedoch nicht anfechten konnte. Dennoch fliegt die KLM 1996, in einem der besten Jahre der Zivilluftfahrt, einen massiven Verlust ein. Bouw, dem der Rückhalt im Unternehmen fehlt, wird faktisch abgesetzt, was er jedoch anders wahrnimmt: ?Ich habe den Club in einem guten Zustand verlassen?, sagt er, und der Satz passt zu seiner Angewohnheit, dicke Zigarren zu rauchen.Ein Jahr herrscht Funkstille, dann taucht Bouw in immer mehr Aufsichtsräten auf: Bei einer niederländischen Bank, beim staatlichen Eisenbahnunternehmen, beim britischen Reisevermittler lastminute.com und als Chef eines Aufsichtskomitees über den Profifußball.Sein Motto als Manager, nach dem ihn Reporter einst befragt hatten, lässt er in diesen Jahren in der Mappe der abgelegten Sprüche: ?Es wird immer wichtiger zu zeigen, dass man hinter einer Sache steht. Hierarchie als Basis von Respekt ist aus der Mode.? 2001 sammelt er auch das Mandat als Verwaltungsratspräsident bei der neugegründeten Swiss ein. Dass er hier noch mal ins operative Geschäft einsteigen muss, ahnt der ältere Herr, der endlich seine Aufgabe als Professor mit Schwerpunkt ?Strategische Allianzen? an der Hochschule in Twente ernst nehmen wollte, damals nicht.Er hat es bis vor zwei Wochen noch nicht gewusst. Im Gegenteil: Bouw wollte runter von der Karriereleiter. Nicht abspringen, aber doch den behutsamen Abstieg beginnen. Wenn bei der Fluglinie die Kasse wieder stimme, ?habe ich dem Verwaltungsrat signalisiert, dass die Swiss einen Schweizer Bürger als Verwaltungsratspräsidenten braucht. Ich wollte, dass man darüber nachdenkt?, berichtet Bouw. Dieser Denkprozess ist jetzt zumindest unterbrochen.
Dieser Artikel ist erschienen am 23.03.2004