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Der Firmensammler aus dem Osten

Von Thomas Wiede
Heinz-Jürgen Preiss-Daimler hat sich seine Firmenzentrale auf der grünen Wiese in Wilsdruff gebaut. Zusammen mit Sohn Kai-Uwe sammelt er dort nicht nur Oldtimer und Modellautos, sondern auch Unternehmen der ehemaligen Treuhand und saniert sie - mit Erfolg.
WILSDRUFF. Zu Heinz-Jürgen Preiss-Daimler kommen manchmal komische Typen. Einmal wollte dem Unternehmer aus dem sächsischen Wilsdruff bei Dresden ein Tüftler ein besonderes Plättchen andrehen ? wenn man es in die Tasche steckt, würden Pistolenkugeln abgefälscht, hat er Preiss-Daimler erklärt. ?Da habe ich gesagt, du nimmst das Plättchen und ich die Pistole. Das wollte er dann aber nicht?, erzählt der 65-Jährige, bei dem der trockene Ton seiner westfälischen Heimat noch ein wenig mitschwingt.Heute ist der wohlbeleibte Mann mit den bläulichen Brillengläsern in Wilsdruff zu Hause. Dort hat er sich eine Firmenzentrale auf die grüne Wiese gebaut mit verschiedenfarbigen Klinkern, Türmchen und verspiegelten Scheiben. In dem barocken Lego-Schloss wohnt er auch, mit seinem Sohn Kai-Uwe, dem zweiten Mann im Unternehmen.

Die besten Jobs von allen

Überall im Haus riecht es ein wenig nach einem Gemisch aus Gummi und Motoröl. Vielleicht muss das so sein bei einem Nachkommen aus dem berühmten Autobauer-Clan Daimler. Genügend alte Karossen hat er jedenfalls gesammelt und im Foyer geparkt, das mehr einem Automuseum gleicht als dem Eingang zu einem international aufgestellten Unternehmen.Senior und Junior sammeln nicht nur Oldtimer und Modellautos, sondern auch Unternehmen. Die Sammlung kann sich sehen lassen. Die Firmengruppe Preiss-Daimler kommt auf rund 460 Millionen Euro Umsatz und über 5000 Mitarbeiter weltweit. Sie führt unter anderem den Industriepark Bitterfeld, ist Europas drittgrößter Produzent feuerfester Materialien und groß ins Glas-und Glasfasergeschäft eingestiegen.Der ehemalige Bauunternehmer aus Minden hat nach der Wende ganze Firmenpakete von der Treuhandanstalt übernommen und nach harter Sanierung vor dem Untergang bewahrt. Über 250 Millionen Euro habe er in den vergangenen zehn Jahren investiert, sagt der Senior. Vielleicht kommen deswegen ständig Leute zu ihm und wollen ihn für ihre Projekte gewinnen. ?Neulich war da noch der Russe, der zehn Millionen Dollar für sein Krebsmittel wollte?, erinnert sich der Senior, der beim Reden immer wieder mit der Hand auf den Tisch klopft: So war das, ja?Klar kennt er seine Nachbarn, die aus dem benachbarten Grumbach und aus Wilsdruff. Das Städtchen mit dem polierten Marktplatz zählt rund 13 000 Einwohner, die Arbeitslosigkeit liegt bei niedrigen sieben Prozent, die NPD konnte bei den Landtagswahlen gut neun Prozent der Stimmen sammeln. Aber die Region ist eine Hochburg der CDU, die auch den Bürgermeister stellt. Ralf Rother ist Anfang Dreißig und kann sich nicht so recht erklären, ?wie die NPD mit diesen platten Slogans gewinnen konnte?. Es sei ein Jammer, vor allem für das Image bei ausländischen Investoren, meint Preiss-Daimler.Der Unternehmer und der Bürgermeister kennen sich. Die Preiss-Daimlers sponsern lokalen Sport, in Bitterfeld haben sie den alten Kulturpalast von derStadt gekauft und wieder aufgemacht. ?Die haben zwar viel zu tun, haben aber immer ein offenes Ohr?, sagt Bürgermeister Rother.Lesen Sie weiter auf Seite 2?Mit den Leuten umgehen ist wichtig hier?, erklärt Preiss-Daimler senior. Der Sohn nickt. Am Montag einfliegen, Spesen kassieren und dann am Donnerstag wieder ab nach Hause, nach Berlin, Karlsruhe oder Frankfurt ? das geht nicht. Viele hätten nach der Wende das schnelle Geld gesucht, und am Ende wären die Betriebe pleite gewesen. Senior und Junior schütteln den Kopf. ?Das ist doch ein Jammer, wenn eine gute Firma kaputtgeht?, beklagt der Senior und schaut dabei bedrückt, als würde er von einem Magengeschwür geplagt.Betriebe, die in Schwierigkeiten stecken, zu retten, das ist sein Ding. Seit dem Tod seiner Frau im Jahr 1990 lebt er seinen unternehmerischen Drang aus, mit Vollgas. ?Wenn ich zweimal durch eine Firma gehe, dann fühle ich, das klappt oder nicht?, sagt Preiss-Daimler. So wie beim Glaswerk Freital. Da waren die Hallen schon fast ausgeräumt. Er hatte nur wenig Zeit, sich zu entscheiden, eigentlich auch wenig Ahnung von der Glasherstellung. Trotzdem hat er zugeschlagen und viel über den Markt gelernt. Alle Jobs konnte er nicht retten, aber inzwischen zählt der Betrieb wieder zu den kleinen, aber feinen Herstellern in Deutschland, die ihre Produktion schnell von grünem Bocksbeutel auf helle Wasserflasche umstellen können.?Wenn wir so etwas machen, dann müssen wir uns auf die Leute in der Firma verlassen?, sagt der Junior. ?Wir?, das sagen sie beide ständig. Das Wir-Gefühl ist wichtig. Das Unternehmen als Familie. Der Senior hat zwar das Sagen, ?aber ich setze mich mit allen an den Tisch, und dann frage ich: ,Was machen wir denn jetzt?? Und dann kommen die Vorschläge.? Die Menschen in den neuen Bundesländern seien oft viel leistungsbereiter als im Westen.Trotzdem gibt es Diskussionen: ?Jammern gibt es aber nicht?, peng knallt die Hand auf den Tisch. Heinz-Jürgen Preiss-Daimler ist unter dem Sternzeichen Löwe geboren, was er mit einer schier unüberschaubaren Zahl von kleinen und großen Löwenstatuen in Haus und Garten dokumentiert. Nicht dass ihm die Sterne viel bedeuten. Aber Widder, Stiere und Schützen sind als Mitarbeiter im Unternehmen gut. Und Skorpione, die sind gute Verkäufer.?Aber schreiben Sie das nicht, sonst stehen die morgen gleich bei mir Schlange?, lacht der Senior.
Dieser Artikel ist erschienen am 30.09.2004