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Der Fernsehstar kämpft um den Anschluss

Von Joachim Hofer, Handelsblatt
Loewe ist in den vergangenen Jahren abgestürzt, wie kaum ein anderes Unternehmen in Deutschland. Und mit ihm der Star der deutschen Fernseh-Macher, Rainer Hecker. Er soll den angeschlagenen TV-Geräte-Hersteller wieder auf Kurs bringen. Doch hinter den Kulissen läuft längst die Suche nach einem Nachfolger.
Der Vorstandsvorsitzende der Loewe AG schwimmt auf einer Welle des Erfolgs. Während die Wettbewerber Grundig und Schneider ums Überleben kämpfen, eilt der Chef des Kronacher Fernsehgeräte-Herstellers von einem Rekord zum andern: Die Umsätze sprudeln, Analysten und Medien überschlagen sich vor Lob.Fast genau drei Jahre später steht Hecker wieder im Rampenlicht. Diesmal aber nicht inmitten der Glitzerwelt der Berliner Funkausstellung, sondern im nüchternen Versammlungssaal des Forum Hotels in München. Es ist Hauptversammlung, und die Anteilseigner wollen von dem 60-Jährigen wissen, wie es weitergeht mit einem Unternehmen, dessen Fernseher zuletzt immer öfter in den Regalen der Händler stehen blieben. Sie wollen Auskunft darüber, wie es sein kann, dass alleine im ersten Quartal ein Verlust vor Zinsen und Steuern von knapp 11 Mill. Euro auflief. Der Umsatz brach im Vergleich zum Vorjahr sogar um 16 Prozent auf rund 60 Mill. Euro ein.

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Hecker beschönigt vor seinen Anteilseignern nichts. ?Wir haben im vergangenen Jahr nicht das erreicht, was wir uns vorgenommen hatten?, sagt er und gibt unumwunden zu, ?die Dynamik des durch die neuen Bildschirmtechnologien veränderten Kaufverhaltens? unterschätzt zu haben.Das ist noch milde ausgedrückt, denn tatsächlich ist Loewe in den vergangenen Jahren abgestürzt, wie kaum ein anderes Unternehmen in Deutschland. Und mit ihm der Star der deutschen Fernseh-Macher, Rainer Hecker. Als die einheimische Konkurrenz schon lange in den letzten Zügen lag, schien das Rezept des Unternehmenslenkers noch blendend aufzugehen: Luxus. Fernseher von Loewe waren immer wesentlich teurer als der Durchschnitt aller anderen hier zu Lande verkauften Geräte.Hecker gelang offenbar spielend, was andere Produzenten ruinierte: Wegen seiner hohen Margen konnte er problemlos in Deutschland produzieren. Die Leute zahlten viel Geld für das außergewöhnliche Design und die fortschrittliche Technik. Doch dann kamen die Flachbildschirme auf und der Markt wandelte sich radikal. Mit einem Mal waren die schicken Designer-Geräte von Loewe für viele Käufer nur noch zweite Wahl. Die Deutschen wollten flache Fernseher ? egal von welchem Hersteller. Loewe konnte da nicht mithalten, hatte zu wenige große Flachbildschirme im Angebot.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Fast 22 Jahre steht der ehemalige Philips-Manager Hecker nun in Diensten von Loewe und es ist nicht das erste Mal, dass er schlechte Zeiten durchmacht. Bis Mitte der Neunziger Jahre schrieb die damalige Loewe Opta GmbH rote Zahlen, es gab etliche Eigentümerwechsel. Erst als der Vorstand, dessen Vorsitzender Hecker seit 1990 ist, gemeinsam mit Finanzinvestoren die Firma übernahm, wurde es besser. Der Börsengang im Sommer 1999 war der Höhepunkt dieser Zeit des Aufschwungs. Noch immer hält Hecker und seine Familie knapp ein Viertel der Loewe-Aktien, weshalb er im Gegensatz zu angestellten Managern ?eine verstärkte innere Bindung? an das Unternehmen habe, wie er öfter betonte.Deshalb geht es für Hecker jetzt nicht nur um die Rettung einer Firma, sondern auch darum, einen Teil seiner eigenen Arbeit der letzten 20 Jahre ? und seines Vermögens ? vor dem Untergang zu bewahren. Der Manager, der morgens gerne joggen geht und als begeisterter Radsportler am Wochenende in die Pedale tritt, braucht freilich einen langen Atem. Denn dieses Jahr, so viel steht jetzt schon fest, wird Loewe wieder einen hohen Verlust erwirtschaften.Sicher, mit dem Einstieg des japanischen Elektronik-Konzerns Sharp konnte er gestern einen ersten Etappensieg erringen. Doch die 4,3 Mill. Euro, die die Asiaten durch eine Barkapitalerhöhung einbringen, sind nicht mehr als ein Signal, dass die Branche weiter an Loewe glaubt. Finanziell bringt das Geld noch lange nicht die dringend nötige langfristige Entlastung. Er sei jedenfalls weiter auf der Suche nach finanzkräftigen Partnern, betont Hecker auf der Versammlung.Die Aktionäre stehen trotz der jüngsten Niederlagen zu ihm. ?Dies ist ein ehrliches, aufrichtiges Unternehmen?, sagt eine Aktionärin mit Nachdruck und erhält dafür viel Applaus im Saal. Selbst die oft so kritischen Vertreter der Kleinaktionäre halten sich mit ihren Angriffen zurück und loben sogar die ungeschminkte Darstellung der Lage des Unternehmens im Geschäftsbericht.Hecker nimmt Kritik und Lob fast regungslos hin. ?Alle sagen mir, dass ich weitermachen soll?, erzählt er mit einem Anflug eines Lächelns, als er den Saal betritt. Erst im Frühjahr wurden die Vorstandsverträge um fünf Jahre verlängert. Ob er wirklich so lange dabei bleibt, ist offen. Hinter den Kulissen läuft längst die Suche nach einem Nachfolger.Bislang ist es ein ziemlich verregneter Sommer im beschaulichen Kronach. Angesichts der riesigen Herausforderungen dürfte Rainer Hecker dennoch öfters ins Schwitzen kommen. Und das nicht nur beim Joggen.
Dieser Artikel ist erschienen am 24.06.2004