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Der Feinschleifer

Von Jürgen Flauger
Es bleibt kein Stein auf dem anderen in Bochum, Wittener Straße 45, dem Sitz der Deutschen BP: Seit April trägt eine Abrissfirma Etage für Etage ab. Bald soll hier ein moderner Bürokomplex für 1 500 Mitarbeiter stehen. Auch der Vorstandsvorsitzende ist dann ein neuer. Uwe Franke übernimmt heute die Führung der Deutschen BP.
BOCHUM. Die neue Zentrale soll größer werden, schöner und heller ? mit schicken Fassaden in Blau und Grün, den Farben der Marken Aral und BP. ?Das neue Gebäude bauen wir, weil wir den Platz benötigen?, sagt Franke: ?Wir bauen es aber auch, weil wir ein Zeichen setzen wollen.? Ein Zeichen für die neue BP, die vor zwei Jahren durch den Zusammenschluss von Deutscher BP mit der Ölgesellschaft Veba Oel und deren Tankstellenmarke Aral entstanden ist. Franke übernimmt heute den Vorstandsvorsitz von Wilhelm Bonse-Geuking. Die Fusion erfolgreich abzuschließen wird eine von Frankes Aufgaben sein.Der Zusammenschluss war im Zuge der spektakulären Fusion von Eon und Ruhrgas möglich geworden. Eon übernahm die von BP gehaltenen Anteile an Deutschlands größter Gasgesellschaft. Die deutsche Tochter des britischen Ölriesen bekam im Gegenzug Veba Oel und Aral. BP stieg in Deutschland zur Nummer eins auf dem Tankstellenmarkt auf und gehört mit 31,7 Milliarden Euro zu den umsatzstärksten Unternehmen.

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Für Franke, damals BP-Chef, war die Fusion auf den ersten Blick persönlich ein Rückschritt. Die Branche staunte, als nicht er, der Chef des Käufers, Vorstandsvorsitzender des fusionierten Unternehmens wurde, sondern Bonse-Geuking, damals Veba-Oel-Chef. Das sei ein Signal an die Belegschaft der übernommenen Firma gewesen, dass man etwas Neues formen wolle, erklärt der lang gediente BP-Mann, der seit 25 Jahren für den Konzern arbeitet.Er, damals 53 Jahre alt, wurde Chef der erweiterten Aral und musste warten, bis der sieben Jahre Ältere den Platz wieder räumen würde. Jetzt ist es so weit: Bonse- Geuking, 62, wechselt in den Aufsichtsrat und konzentriert sich künftig auf die europäische Ebene. Die großen Pflöcke des neuen Unternehmens sind bereits eingeschlagen: Die Gesellschaften sind zusammengeführt, fast alle BP-Tankstellen auf die Marke Aral umgeflaggt und die Kompetenzen neu verteilt.Frankes Aufgabe wird der Feinschliff sein: ?Ein Integrationsprozess ist ja eine hektische Phase, bei der bisweilen nicht alle Ecken ausgekehrt sind?, sagt er. Er will aber behutsam vorgehen, Aktionismus vermeiden. Er weiß: Nach zwei schweren Jahren muss BP durchatmen und wieder Kräfte sammeln.Vor allem muss Franke die unterschiedlichen Kulturen der neuen Schwestern zusammenführen. Auf der einen Seite BP mit einer offenen, international geprägten Organisation ? in der die Manager an der langen Leine geführt werden, die Hierarchien flach, die Zuständigkeiten zuweilen aber auch nicht immer eindeutig sind. Auf der anderen Seite Veba Oel mit klareren Strukturen und Entscheidungsprozessen, bei denen die Vorstände das Unternehmen straff führten.Lesen Sie weiter auf Seite 2Der neue Chef muss die Balance schaffen zwischen Eigenverantwortung der Landesgesellschaft und der Einbindung in das große Ganze des Weltkonzerns ? ein Spannungsfeld, in dem er sich selbst seit Jahren befindet: Der Chemiker ist seit seinem Studium Teil des Weltkonzerns, war für die BP unter anderem in Brüssel, London und Lissabon in verschiedenen Führungspositionen tätig. Den hanseatischen Akzent hat er sich aber bewahrt.Stimmt die Unternehmenskultur, sinken die Kosten, ist Franke überzeugt. Von seinen Mitarbeitern verlangt er Professionalität und Einsatz. Erwarten können sie Respekt und Vertrauen. Sie sollen den Mut haben, auch mal Fehler zu begehen. Bei allem Einsatz, den er verlangt, sollen sie aber nicht verbissen werden. Er selbst findet Ausgleich bei seiner Familie, dem Golfspielen und der Literatur. Dabei macht er aus der Not eine Tugend. Weil er kaum noch Zeit zum Lesen findet, hört er am Steuer seines Audi A8 Hörbücher, zurzeit Fontane.So wichtig der Integrationsprozess auch ist, der neue BP-Chef muss wieder mehr nach außen blicken. Gerade im Tankstellengeschäft versucht die Konkurrenz, die Fusionsphase auszunutzen und der mit sich selbst beschäftigten BP Kunden abzujagen. Und im Gasgeschäft ist es BP bislang nicht gelungen, dem ehemaligen Partner Ruhrgas Marktanteile abzunehmen. Gespannt warten Branchenbeobachter, wie Franke die BP hier voranbringen will. Das Gasgeschäft ist schwierig, aber viel versprechend ? für Franke jedoch Neuland.In den vergangenen Jahren war er auf das Tankstellengeschäft konzentriert und hat sich dort, wie selbst Konkurrenten zugeben, zu einem geschickten Marketingexperten entwickelt. Wenn er vom neuen Hochleistungstreibstoff ?Ultimate? schwärmt, ist er in seinem Metier. Jetzt sind aber auch Fähigkeiten als Strippenzieher gefragt. Ob und wie sehr die BP im Gasgeschäft erfolgreich sein wird, hängt mit davon ab, wie die politischen Rahmenbedingungen, die derzeit ausgehandelt werden, ausfallen. Der pfiffige Rhetoriker Bonse-Geuking verfügte über exzellente Kontakte. Franke ist das Spiel auf dem politischen Parkett zwar nicht fremd, er räumt aber ein, dass die ?Dimension neu ist?.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.07.2004