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Der Feind in meinem Büro

Liane Borghardt
Ausgerechnet mit dem...! Das Dumme an Zimmer-Ehen: Man kann sich meist nicht scheiden lassen. Den Dauertelefonierer oder Witzbold auf der anderen Seite des Schreibtischs müssen Sie zwar nicht lieben. Aber mit ihm klar kommen.
Wie sie die esoterisch angehauchte Kollegin zum Ausrasten bringt, weiß Susanne genau. Schließlich ist sie dazu verdammt, täglich mindestens acht Stunden mit ihr zusammen in einem Büro zu sitzen. Jetzt ist die Gelegenheit gekommen: Die Esoterik-Tante lamentiert mal wieder, dass sie Ruhe zum Schreiben braucht. Und die hat sie nicht - jammer, jammer - wenn ständig Besuch für Susanne ins gemeinsame Zimmer spaziert. "Okay, dann bitte ich die Leute demnächst, bei dir vorher einen Besuchsantrag einzureichen", kontert Susanne mit saurem Lächeln. Zynismus, weiß sie, kann ihre Kollegin auf den Tod nicht ausstehen.Zzzzzzzz... Susanne spürt einen Luftzug am linken Ohr. Die Schere klatscht mit der Breitseite gegen die Wand hinter ihr und landet im Papierkorb. Jetzt ruhig bleiben, zwingt sich Susanne. So wird es der Kollegin noch schwerer zu schaffen machen, dass sie eine Schere nach Susanne geworfen hat - ein Mordwerkzeug! Triumph auf ganzer Linie: Die blöde Kollegin fängt an zu heulen. Kürzlich geschehen in der Redaktion einer Wirtschaftszeitung.

Die besten Jobs von allen

Reinhold muss sein Büro mit einer Kräutertee-Trinkerin teilen. "Wäre ich Kabarettist, könnte ich vormachen, wie die dreimal am Tag ihren miefigen Tee kocht. Bestimmt würde ich dafür viele Lacher ernten", erzählt er. Außerdem redet die Tee-Trinkerin auch noch gerne und viel, am liebsten übers Tennisspielen. Reinhold hat für Tennis nichts übrig. "Du hörst mir nie zu", beschwert sich seine Kollegin. "Tu ich doch", brummt Reinhold und guckt dabei auf seinen Bildschirm. "Woher weiß ich das, wenn du mich nie anschaust?" Jetzt holt Reinhold den Trumpf raus, den er sich letztens vor dem Einschlafen zurechtgelegt hat: "Weil du nicht gut aussiehst." So passiert in einem großen IT-Unternehmen.
Bleib mir vom Hals
Heizung und Radio an oder aus, penetrantes Parfum, schrille Stimme, Nase-hochziehen, Teeküche komplett eingesaut - wo Kollegen ein Büro teilen, schwelen in jeder Ecke Konfliktherde. Der Psychologe Johannes Ruppel erklärt das mit dem natürlichen Distanzbedürfnis: Dringt etwas in unser Hoheitsgebiet, reagieren wir empfindlich. Das Hin- und Hergerissensein zwischen Ich-bin-ja-nicht-kleinkariert und Das-nervt-aber-wirklich macht alles noch schlimmer. In diesem Ambivalenzkonflikt, wie der Psychologe sagt, wählen die Meisten die schlechteste Alternative und schweigen. "Auch wenn man Toleranz üben soll: Sich selbst übergehen und den Kontakt zum Kollegen ablehnen, ist keine Lösung", erklärt Johannes Ruppel.Stumme kleben Rabattmarken für jedes neue Vergehen. Bis sie explodieren. Gefühle, die nicht akzeptiert oder ausgesprochen werden, sind wie Eiterbeulen. Dabei wäre es leichter, ein frisches Problem anzupacken, als langsam gewucherte Verwicklungen zu entwirren.Kurt Faller schlichtet als ausgebildeter Mediator zwischen Kollegen und ist Dozent für Konfliktmanagement an der Uni Bochum. Auf einer Streitskala unterscheidet er Härtegrade von eins bis neun. Bis zu einem Wert von zwei oder drei handelt es sich noch um einen Sachkonflikt. "Dann kippt der Streit auf die persönliche Ebene und es heißt: ,Du immer und überhaupt und nur du...' Die Leute haben vergessen, um welche Kleinigkeit es vielleicht ursprünglich ging."
Heißer Krieg, kalter Krieg
Ärger aussprechen, ohne zu verletzen, von sich selbst reden statt Du-Botschaften abfeuern, miteinander statt übereinander reden und bei heiklen Themen wie Körpergeruch eventuell einen vertrauenswürdigen Botschafter einschalten - bei Psycho-Dramen ist das Taktgefühl des Einzelnen gefragt.Doch nicht immer tragen die Streitenden die Alleinschuld für ihr Problem. "In jedem Unternehmen herrscht eine eigene Konfliktkultur. Je nach Umfeld kann sich ein- und dieselbe Person ganz unterschiedlich verhalten", weiß Kurt Faller aus der Beraterpraxis. So seien Werbeagenturen oder Softwarehäuser klassische Kandidaten für eine heiße Konfliktkultur. Die Symptome sind lauter Zoff und eine hohe Personalfluktuation. In Kirchen und Ämtern dagegen das andere Extrem: Kalte Konfliktkulturen sind Nährboden für verdeckte Kleinkriege. Hier ist ein hoher Krankenstand die verräterische Kennziffer.Konfliktkosten ergeben sich für Arbeitgeber so oder so. Streitprofi Faller erzählt von Verwaltungen, in denen die Feinde im Büro 20 bis 30 Prozent ihrer Arbeitszeit für Psychokriege aufwenden. Oder von einer Druckerei, wo ein Widersacher seinem ahnungslosen Gegenüber täglich sämtliche Einstellungen am technischen Gerät veränderte. Sabotage-Handgriffe, die sich zu Tausenden Euro Verlust summieren.Beim Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt, zu dem sich 200 Profi-Schlichter zusammengeschlossen haben, melden sich immer mehr Arbeitgeber, die ein betriebliches Konfliktmanagement aufbauen wollen. Bei Siemens etwa gilt: Wenn Mitarbeiter einen Streit nicht unter sich ausmachen können, wenden sie sich an einen Vorgesetzten oder als nächste Instanz an einen Schlichter in der Personal- oder Rechtsabteilung. Mediatoren-Verbände oder Industrie- und Handelskammern bilden Vermittler in 100- bis 200-stündigen Sitzungen aus. Rund tausend zertifizierte Mediatoren gibt es zurzeit mit Schwerpunkten wie Personal, Wirtschaft oder Scheidung.Krach unter Kollegen ist immer Chefsache, betont Christine Öttl, Trainerin für Führungskräfte. "Ein guter Chef spürt, wie die Stimmung in einem Büro ist, sagt, was er beobachtet, und bittet seine Mitarbeiter um Erklärung." Bestenfalls fragt er, wer mit wem eine Büroehe führen will. Von Erziehungsversuchen, bei denen Katz und Maus in einem Zimmer lernen sollen, miteinander klarzukommen, hält Öttl nichts.
Der große Abwasch
Andrea und Claudia sind ihre eigenen Chefinnen. Nach ein paar Jahren hat sich das gute Klima aus der Bürogemeinschaft der Grafikerinnen verzogen. Andrea wird zur passionierten Nichtraucherin, Kettenraucherin Claudia rennt gern mit Zigarette durch Andreas Durchgangszimmer. Andrea braucht zum Arbeiten Ruhe. Claudia schafft am meisten bei Trubel. Dass Andrea neuerdings mit Kopfhörer am Schreibtisch sitzt, empfindet Claudia als persönliche Zurückweisung. Ach so läuft das jetzt? Gut, dann hat sie eben auch keine Zeit, wenn Andrea mit ihr über Projekte sprechen will."Irgendwann hatte ich keine Lust mehr, beleidigt zu sein", erzählt Andrea. Sie überredet ihre Geschäftspartnerin zu einer Mediation bei der Rechtsanwältin und Streitschul-Gründerin Simone Pöhlmann. Das Sechs-Augen-Gespräch fördert mehr zu Tage als Zoff um Zigaretten. Andrea nervt, dass Claudia sie oft nicht zu Wort kommen lässt. Claudia glaubt, dass Andrea nur "schöne" Aufträge annimmt und sie dafür verachtet, schnöde, lukrative Arbeiten zu erledigen.Für Simone Pöhlmann keine Überraschung: "Wenn man in Ruhe bespricht, um was es den Kontrahenten wirklich geht, kommen oft erstaunliche Dinge heraus." Mittlerweile wissen Andrea und Claudia, dass sie völlig verschiedene Kommunikationsstile und -bedürfnisse haben und üben, sofort zu sagen, wenn ihnen etwas nicht passt. Außerdem suchen sie ein neues Büro. Eins ohne Durchgangszimmer. Simone Pöhlmann kennt noch eine andere praktische Wunderwaffe, die jeder Kollege regelmäßig zücken kann. "Die Zwischenfrage ,Stör ich dich?' ist oft mehr als die halbe Miete." Scheren und Schimpfwörter können dann in der Schublade bleiben. Energie sparenSimone Pöhlmann, Rechtsanwältin und Mediatorin, bringt Kollegen und Partnern an ihrer Münchener "Streitschule" die faire Auseinandersetzung bei.
Erwachsene ärgern sich über Essgeräusche oder die penetrante Stimme ihres Zimmerkollegen - ist das normal?

Simone Pöhlmann: Ja, wenn die eigenen Interessen berührt werden. Ob Herr Meier da drüben leise privat telefoniert, kann mir egal sein. Aber wenn Herr Meier so laut telefoniert, dass ich nicht mehr arbeiten kann, ist es in Ordnung, mich zu wehren. Allerdings schimpfen viele Leute auch bei Dingen, die sie nichts angehen.


Wann also das Problem ansprechen?

Ich empfehle, erst mal ein Stück Selbstklärung zu betreiben: Warum kann ich etwas nicht ertragen? Welche meiner Bedürfnisse werden wirklich verletzt? Vielleicht komme ich zu dem Schluss: Es lohnt sich nicht, es ist in Ordnung. Wenn aber der Ärger nicht aufhört, muss ich den Störfaktor ansprechen. Sonst platzt man irgendwann und reagiert sehr wahrscheinlich über.


Wie beginne ich denn ein unangenehmes Gespräch am besten?

Mit verbalem Angriff, Ironie oder Mauern hat man keine Chance. Besser beschreiben, was geschehen ist und was das bei einem ausgelöst hat. Dann um eine Veränderung bitten: Wie wollen wir das künftig regeln, damit ich ungestört bin? Meist wird der andere darauf kooperativ reagieren.


Wenn sich jemand beim Chef oder einem Kollegen beschwert: Wie findet der heraus, ob hinter einer Lappalie Ernsteres liegt - Neid oder Kompetenzgerangel?

Ein Dritter sollte erst mal zuhören, keine Ratschläge erteilen und fragen: Okay, dieses und jenes ärgert dich, weil...? Was bräuchtest du? Das Gespräch wird in dem Moment konstruktiv, wenn die neutrale Person sich nicht darauf einlässt, nur Symptome zu besprechen oder mitzuschimpfen.


Sind verfahrene Lagen zu retten?

Häufig ja. Es ist die Kunst des Schlichters, in beiden Parteien Lösungswilligkeit und Verständnis für die Subjektivität der Standpunkte zu wecken: Meine Perspektive ist in Ordnung - aber die des anderen auch. Bei innerbetrieblicher Mediation setzen wir immer die Spielregel an: Die Kontrahenten müssen sich sofort beschweren, dürfen den Vorfall aber später nicht mehr aufwärmen. So können sie ihre Lebensenergie für freudigere und sinnvollere Dinge nutzen.

Die Fragen stellte Liane Borghardt

Streitregeln

Mensch, ärgere dich nicht


Jeder Jeck ist anders
Sagt der Rheinländer und meint damit: Menschen sind unterschiedlich, damit muss man leben. Also ganz normal, wenn verschiedene Vorstellungen, Bedürfnisse, Erwartungen, Gefühle, Macken aufeinander prallen. Wäre ja sonst auch langweilig.
Lieb mich oder ich fress dich

Völlig überflüssig. So wie man sich privat aussucht, mit wem man gut befreundet ist und wer eine "Hallo-wie-geht's-Bekanntschaft" bleibt, muss man auch nicht mit allen Kollegen gleich dicke sein. Aber ein höflicher, respektvoller Umgang kann von jedem erwartet werden. Guten Morgen, bitte, danke.


Schluck's einfach runter
Dass der Zimmerkollege zum Frühstück Thunfischbrötchen isst, nervt. Aber ihn dafür in die Büroküche zu verbannen - ist es das wirklich wert? Entscheiden Sie bewusst, dass Sie mit Thunfisch am Morgen leben werden. Und kein armes Opfer sind. Punkt. Sparen Sie sich Ihre Konfliktfähigkeit für wichtigere Dinge. Dann aber: Raus mit der Sprache.
Vorbereitet in den Ring
Statt den anderen zu überrumpeln, fangen Sie bei sich selbst an: Was ist konkret passiert? Was löst das bei mir aus? Wie hätte ich es gerne? Erst wenn das geklärt ist, einen günstigen Zeitpunkt fürs Zwiegespräch wählen: "Hast du gerade Zeit, oder wann passt es dir?"
Das Du-Tabu
"Du bist echt rücksichtslos: Ständig telefonierst du privat. Außerdem ist es dem Team gegenüber unfair, wenn immer Arbeit liegen bleibt..." Auf so eine Attacke wird der Kollege wahrscheinlich mit Abwehr und Gegenangriff reagieren. Und die Streitsache geht unter. Worte wie "immer, dauernd, nie" lösen dasselbe aus. Wirkungsvoller sind Ich-Botschaften: "Ich kriege mit, dass du oft privat telefonierst. Dann kann ich mich nicht konzentrieren und ärgere mich." Wer über eigene Gefühle spricht, verletzt den anderen nicht. Fair verhandeln > Welches Verhalten wäre aus Ihrer Sicht in Ordnung? Was erwartet der andere von Ihnen? Stellen Sie sicher, dass Ihre Forderungen realistisch sind. Vielleicht können ja beide damit leben, dass Privatgespräche sich auf die Mittagspause beschränken.
Hilfe holen
Bevor Leitz-Ordner und böse Beschimpfungen durchs Büro fliegen, lieber einen Schlichter einschalten. Das kann der Chef oder ein Kollege sein. Hauptsache vertrauenswürdig, neutral, diplomatisch - und am besten ein bisschen humorvoll. Bei schweren Konflikten sollte ein Profi ran. In einigen Personal- oder Rechtsabteilungen gibt es ausgebildete Vermittler. Externe Mediatoren finden sich über den Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt (www.bmwa.de; Stundensätze um 150 Euro).
Dieser Artikel ist erschienen am 17.12.2004