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Der ewige Sanierer

Von Dieter Fockenbrock
Eigentlich hat das Bahntechnik-Unternehmen Vossloh nur ein Problem: In seinem Aufsichtsrat sitzt Kajo Neukirchen - der Mann, der bisher so viele Vorstände, Geschäftsführer und Abteilungsdirektoren feuerte, wie kein anderer. Dass er 60 Lebensjahre überschritten hat, sieht man dem hoch gewachsenen Manager nicht an. Dass er lange als härtester Sanierer Deutschland galt, schon gar nicht
HB DÜSSELDORF. Wochen später sitzt derselbe Neukirchen, den alle nur unter seinem Spitznamen ?Kajo? kennen, als Interviewpartner akkurat gescheitelt am Konferenztisch. Dezenter Anzug, Krawatte korrekt geknotet, mit einem ganz leisen, fast spitzbübischen Lächeln auf den Lippen. Ein verbindlicher Gastgeber, den keine Frage aus der Ruhe bringt. Dass er 60 Lebensjahre überschritten hat, sieht man dem hoch gewachsenen Manager nicht an. Dass er lange als härtester Sanierer Deutschland galt, schon gar nicht.Die Episoden mit dem gebürtigen Bonner zeigen: Mit Neukirchen muss man immer rechnen. Zurzeit beim Bahntechnikkonzern Vossloh. Neukirchen liefert sich einen Machtkampf mit Vorstandschef Burkhard Schuchmann. Der Konflikt droht am heutigen Freitag auf einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung zu eskalieren.

Die besten Jobs von allen

Wollte jemand das Leben des Kajo Neukirchen verfilmen, wäre ?Leichen pflastern seinen Weg? ein guter Titel. Der Doktor der Wirtschaftswissenschaften hat Tausende Arbeitsplätze im Laufe seines Arbeitslebens gestrichen. Ein Personalberater kennzeichnet die Qualitäten des Mannes denn auch mit den Worten: ?Als Sanierer geeignet, aber nicht als Stratege.?Doch wer glaubt, dieser knallharte Aufräumer sei deshalb der Schreck aller Betriebsräte, der irrt gewaltig. Im Gegenteil: Die meisten Arbeitnehmervertreter schätzen Neukirchen, weil seine Sanierung immer in den Führungsetagen beginnt. ?Ich zähle nicht die Köpfe und sage dann minus 20 oder 30 Prozent?, sagt Neukirchen über sein Vorgehen: ?Ursache einer Krise ist fast immer eine falsche Strategie.?Lesen Sie weiter auf Seite 2: Happel drängte Neukirchen aus dem VorstandssesselNeukirchen feuerte so viele Vorstände, Geschäftsführer und Abteilungsdirektoren wie kein anderer. Allein bei der Metallgesellschaft sollen es in seinen zehn Jahren als Vorstandschef 50 gewesen sein.Bis es ihn selbst erwischt hat. Vor zwei Jahren drängt der Großaktionär der Metallgesellschaft, Otto Happel, den Rambo der deutschen Wirtschaft aus dem Vorstandssessel. Der sonst so kühl rechnende Neukirchen hat sich verkalkuliert. Am Ende des erbittert geführten Streits um die Konzernstrategie zählen keine Argumente ? sondern nur die pure Macht. Happel kontrolliert 20 Prozent der Aktien: Das muss selbst ein Neukirchen akzeptieren. Danach taucht Deutschlands bekanntester Berufssanierer ab.Zwanzig Jahre lang war es Neukirchen gewohnt, im Rampenlicht zu stehen. Als Sanierer der Kugellagerfabrik SKF, als Nothelfer beim Motorenbauer KHD in Köln. Bis ihn die Deutsche Bank nach Frankfurt zur Metallgesellschaft schickte, um die milliardenschwere Beinahepleite des Konzerns in letzter Minute abzuwenden.Neukirchen eilt der Ruf des erfolgreichen Sanierers voraus, auch wenn sich, wie im Fall KHD, der Erfolg nicht so recht einstellte. Vossloh-Chef Schuchmann plagten dagegen keine Probleme. Bis er auf die Idee kam, den Konzern in eine Europa-AG umzuwandeln ? mit allen Konsequenzen für den sechsköpfigen Aufsichtsrat.An dessen Spitze steht zufällig Kajo Neukirchen, der sich zwar hauptsächlich der Verwaltung seines üppigen (Abfindungs-)Vermögens von geschätzt 13 Millionen Euro widmet, nebenbei aber noch das eine oder andere Beratungsmandat pflegt. Das Vossloh-Kontrollgremium könnte nach den Plänen des Vorstandschefs ganz aufgelöst werden, denn eine Societas Europaea (SE) darf auch mit einem Board nach angelsächsischem Muster geführt werden. Und da hätte allein Schuchmann das Sagen. Neukirchen wäre seinen Aufsichtsjob los.Das allein ist nicht tragisch, er hat lukrativere Mandate. Etwa beim Schweizer Chemieriesen Clariant oder beim Autovermieter Sixt, wo er sogar dem Gremium vorsitzt. Doch gegen Schuchmann zu verlieren ? das träfe ihn schwer.Neukirchen wird heute im sauerländischen Werdohl sein Raubtierlächeln wieder einmal auspacken. Die Wirkung ist ungewiss. Mag er die beiden Betriebsräte im Aufsichtsrat noch überzeugen. Die Eigentümerfamilie des mittelständischen Konzerns ist unentschlossen, will erst am Wochenende entscheiden.Erneut könnte Neukirchen eine Niederlage wie bei der Metallgesellschaft erleben. Damals ließ ihn die Deutsche Bank im Kampf gegen Happel hängen, die Bank verkaufte ihre Aktien.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Vita von Kajo NeukirchenVita von Kajo Neukirchen1942 wird er geboren.1973 beginnt er nach seinem BWL-Studium und der Promotion zum Dr. rer. pol. seine Managerlaufbahn als Assistent im Kabelwerk Rheinshagen.1981 steigt er in die Geschäftsleitung der SKF Kugellagerfabriken ein und übernimmt vier Jahre später den Vorsitz.1987 holt ihn die Deutsche Bank zur angeschlagenen Klöckner-Humboldt-Deutz AG (KHD) nach Köln.1993 übernimmt er im Auftrag der Deutschen Bank die Sanierung der schwer angeschlagenen Metallgesellschaft.1999 kauft die Metallgesellschaft den Anlagenbauer Gea. Dessen Eigentümer Otto Happel wird dadurch Großaktionär bei der Metallgesellschaft.2003 drängt ihn, nach langem Streit um die Strategie, Happel aus dem Konzern.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.08.2005