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Der ewige Goldbär

Von Georg Weishaupt, Handelsblatt
Hans Riegel ist 81 Jahre alt. Er führt den Bonner Süßwarenkonzern Haribo seit 58 Jahren ? doch ans Aufhören denkt Riegel nicht.
BONN. Der Mann, die Firma, Ha-Ri-Bo. Im Foyer der Konzernzentrale mit dem Charme der fünfziger Jahre grüßen Riesen-Goldbären von Leinwänden, Arnold Schwarzenegger dankt in einem Schreiben höchstpersönlich dafür (?Dear Dr. Hans Riegel?), dass der das Konterfei des kalifornischen Präsidenten in rotes, grünes und gelbes Fruchtgummi gegossen hat. Und Schlagerstar Heino wünscht auf einer Karte ?frohe Ostern?.Weiter geht es die Treppe hinauf, durchs Vorzimmer, und dann sitzt er da: Mr. Haribo, eingerahmt von Gemälden mit Jagdszenen, einen Haufen Tüten mit bunten Süßigkeiten auf dem Tisch. Der große alte Patriarch der deutschen Süßwarenindustrie ist leger gekleidet: Helles Leinenhemd, darauf eine ärmellose schwarze Lederweste. Ein Tuch, das von einer silbernen Schnalle mit drei Gummibären gehalten wird, ersetzt die Krawatte.

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Begeistert hält er ein Zellophantütchen hoch, in dem eine schwarz-grüne Lakritzschnecke zu sehen ist. ?Die hat uns eine Kundin geschickt?, erzählt er, und die Augen des etwa 1,80 Meter großen korpulenten Mannes leuchten hinter der tropfenförmigen Brille. ?Sie hat eine grüne Fruchtschnecke mit einer Lakritzschnecke kombiniert, eine gute Idee.? Und wann kommt sie auf den Markt? ?Wir müssen erst einmal unsere neuen Fruchtschnecken erfolgreich verkaufen.? Die farbigen Schnecken aus Fruchtgummi hat der Chef selbst erfunden. ?Ich esse am liebsten Lakritz und Fruchtgummi zusammen?, verrät er.Hans Riegel ist Haribo. Haribo ist Hans Riegel. Der Firmenpatriarch hat bei Deutschlands und Europas größtem Fruchtgummihersteller auch mit seinen 81 Jahren noch alle Fäden in der Hand. Er kontrolliert ein Reich mit etwa 6 000 Mitarbeitern, davon 3 000 in Deutschland, 18 Fabriken in ganz Europa und gut 1 000 Produkten von Klassikern wie den Lakritzschnecken, ?Goldbären?? und ?Maoam? bis zu neuen Schleckereien wie ?Pico Balla? und ?Quaxi Fröschli?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bis der Kronprinz Süßwarenkönig wird, dauert es noch Wozu aufhören? ?Ich war gerade zur Vorsorge, alles im grünen Bereich?, sagt er und grinst. Und wer wird ihn mal beerben? Eine heikle Frage im verschwiegenen Hause Haribo. Er zögert, schaut etwas verlegen seinen Pressesprecher an. ?Ja, mein Neffe Hans-Jürgen Riegel könnte das Unternehmen mal führen. Aber?, fügt er gleich hinzu, ?mir macht die Arbeit noch viel Spaß.?Riegel war nur einmal kurz verheiratet, Kinder hat er nicht. Der potenzielle Nachfolger ist der Sohn seines Bruders Paul aus erster Ehe, Hans-Jürgen Riegel studierte Betriebswirtschaft, startete bei Zentis, wechselte zu einer Bank, kam dann im Haribo-Reich zu Maoam und leitet nun schon seit vielen Jahren das Frankreich-Geschäft von Haribo ? ?erfolgreich?, wie der Onkel lobt. Im November wird der Kronprinz 50 Jahre alt. Mehr ist über den Mann, der auf Fotos wie eine jüngere Ausgabe von Hans Riegel wirkt, nicht zu erfahren.Aber ein Branchenkenner weiß, dass der Neffe recht beliebt sei. Er verstehe es, die Mannschaft hinter sich zu bringen. Wenn er einmal die Nachfolge antreten wird, werde ?sich einiges verändern?, erwartet Walter Hitschler, der mit Hans Riegel befreundet ist. ?Die Entscheidungen werden breiter, weil es den Entscheidungsbauch des Onkels dann nicht mehr gibt?, sagt der Inhaber des Kölner Süßwarenherstellers.Aber wann das sein wird, weiß niemand. Noch hat der Onkel alles fest im Griff. Er kontrolliert über eine Stiftung die eine Hälfte der Anteile. Die andere gehört seinem Bruder Paul, der ebenfalls geschäftsführender Gesellschafter ist. Mit ihm hat er nach dem Zweiten Weltkrieg das 1920 gegründete Unternehmen seines Vaters Hans Riegel Bonn (Ha-Ri-Bo) durch neue Produkte und Übernahmen zu einem der großen Süßwarenkonzerne geformt. Hans Riegel kümmerte sich stets um Marketing, Verkauf und den kaufmännischen Bereich, Bruder Paul um Technik und Produktion.Unter Kontrolle hat Hans Riegel auch die Zahlen. Noch nicht einmal die Produktionsmenge nennt er. Die Branche schätzt den Jahresumsatz auf rund 1,5 Milliarden Euro. Die Frage nach dem Gewinn beantwortet er so: ?Wir haben keine Bankkredite und eine Eigenkapitalquote von mehr als 70 Prozent.? Ende.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Straffes Regiment im GummibärchenunternehmenHans Riegel ist ein Chef der alten Schule. Outsourcing? Kein Thema. Datenverarbeitung, Werbung, Druckerei, Verlag und Kantine ? alles bleibt im Hause. Der Mann, der in seinem Büro auf einen Computer verzichtet ? sich aber abends schon mal mit der Spielekonsole Playstation entspannt ?, führt sein Unternehmen nach besonderen Methoden.Riegel, der im Interview manchmal bedächtig wirkt wie ein freundlicher älterer Herr, führt im Hause ein straffes Regiment. ?Was er sagt, ist quasi Gesetz?, sagt ein langjähriger Branchenbeobachter. Legendär ist seine ?Postbesprechung?. Seine Sekretärin öffnet die Post der Abteilungsleiter. Die holt Riegel dann nacheinander ins Büro, um mit ihnen wichtige Punkte zu diskutieren. ?Wenn er sich nicht negativ äußert, gilt das als Lob?, beschreiben Mitarbeiter den Führungsstil, den die einen ?patriarchalisch?, die anderen ?autoritär? nennen.Gleichzeitig kümmert sich ?der Alte?, wie er im Unternehmen heißt, um das Wohl seiner Mannschaft. Der mehrmalige Deutsche Meister im Badminton hat ihnen eine Halle für den Ballsport sowie einen Kindergarten spendiert und veranstaltet Betriebsfeste. Bei aller Arbeit kommt der Spaß nicht zu kurz. Schließlich ist Riegel Bonner von Geburt und dementsprechend Karnevalist. Manchmal entspannt er in seinem Golfhotel Jakobsberg bei Boppard am Rhein. In seinem Haus in Wartberg-Pech, südlich von Bonn-Bad-Godesberg, gönnt sich der begeisterte Jäger ein großes Damwildgehege. Und in der Nähe des österreichischen Linz, seines Hauptwohnsitzes, gehört ihm ebenfalls ein Anwesen mit Jagdgelände.?Bei gutem Wetter schaffe ich die Strecke von Bonn nach Linz mit dem Hubschrauber in zwei Stunden? ? mit seinem eigenen, wohlgemerkt, den er natürlich selbst steuert. ?Mein Pilotenschein ist gerade um ein Jahr verlängert worden?, erzählt er stolz. Per Hubschrauber hält der Patriarch sein weit verzweigtes Firmenimperium in Schach. Neffe Hans-Jürgen wird sich wohl noch ein wenig gedulden müssen.
Hans Riegel1923 kommt er am 10. März in Bonn als Sohn des Süßwarenfabrikanten Hans Riegel und seiner Frau Gertrud zur Welt.1944 macht er Abitur, anschließend geht es zum Wehrdienst.1946 wird er aus US-Gefangenschaft entlassen. Anschließend beginnt er das Studium der Volkswirtschaft an der Universität Bonn, das er mit Promotion beendet.1946 übernimmt er im Alter von 23 Jahren mit seinem Bruder Paul die Leitung des elterlichen Betriebs Haribo. Sie bauen das Unternehmen aus und übernehmen später Konkurrenten wie Bären-Schmidt (Lebkuchenherzen), Dr. Hillers AG in Solingen und die Edmund Münster GmbH & Co.KG (Maoam) in Neuss.1950 gründet er in Bonn den ersten deutschen Badmintonclub.1994 erhält er das Bundesverdienstkreuz für sportliches und soziales Engagement.
Dieser Artikel ist erschienen am 14.09.2004