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Der ewige Ekki

Von Markus Hennes
In fast allen Dax-Unternehmen müssen die Chefs mit spätestens 65 Jahren abtreten ? nicht jedoch beim Stahlkonzern Thyssen-Krupp. Ekkehard Schulz darf noch bis 2011 am Ruder bleiben. Dann ist er fast 70.
Thyssen-Krupp ist ohne Ekkehard Schulz kaum denkbar. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Er ist mit 66 Jahren der älteste amtierende Vorstandsvorsitzende eines Dax-Unternehmens. Und wahrscheinlich auch einer der erfolgreichsten.Seit acht Jahren steuert Ekkehard Schulz als Vorstandsvorsitzender den Stahl-, Investitionsgüter- und Dienstleistungkonzern Thyssen-Krupp. Nach der Fusion 1999 führte er zunächst die beiden einstigen Erzrivalen von der Ruhr unter einem Dach zusammen. Danach begann er, das verschachtelte Konglomerat geräuschlos zu einem schlagkräftigen Konzern umzubauen. Das kam bei den Investoren gut an: Seit Frühjahr 2003 hat Schulz den Börsenwert von Thyssen-Krupp auf aktuell fast 19 Milliarden Euro verfünffacht. Und zuletzt hat er fünf Jahre in Folge Rekordgewinne abgeliefert.

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Kann Thyssen-Krupp auf diesen Macher verzichten?Eigentlich nicht. Deshalb wird sich der Aufsichtsrat am Freitag für eine Vertragsverlängerung bis 2011 aussprechen. Doch im Juli wird Schulz 67. Ein Alter, in dem die Chefs aller übrigen Dax-Konzerne ihren Stuhl längst für jüngere Nachfolger geräumt haben. Zwar stimmen viele prominente Vorstände und Aufsichtsräte in Deutschland überein, dass die bis vor einigen Jahren übliche Altersgrenze von 60 Jahren für die Führungselite der deutschen Wirtschaft eindeutig zu früh war. ?Aber mit 65 ist das Limit definitiv erreicht, und es wird höchste Zeit abzutreten?, sagt ein renommierter deutscher Headhunter.Dax-Konzerne wie BMW und Henkel exerzieren es seit Jahren vor. Unbestritten erfolgreiche Vorstandschefs wie Helmut Panke beim Münchener Automobilhersteller müssen mit 60, Ulrich Lehner beim Düsseldorfer Waschmittelfabrikanten mit Vollendung des 62. Lebensjahres Platz für jüngere Nachfolger machen. Ob sie nun wollen oder nicht. In beiden Fällen achtet ein starker Großaktionär darauf, dass die in der Satzung festgeschriebene Regel eingehalten wird. Bei BMW die Familie Quandt, bei Henkel die Nachkommen des Firmengründers.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Thyssen-Krupp ist ein FamilienkonzernAuch Thyssen-Krupp ist ein Familienkonzern: Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung ist mit einem Anteil von 25,1 Prozent mit Abstand größter Aktionär. Und nach einer umstrittenen Satzungsänderung im Vorjahr kann sie ohne die Zustimmung der Hauptversammlung drei ihrer Vertreter in den 20-köpfigen Aufsichtsrat entsenden. Gemeinsam mit den zehn Stimmen der Arbeitnehmerbank hat die Stiftung bei wichtigen Entscheidungen stets eine Mehrheit im Kontrollgremium.Für Ekkehard Schulz gilt deshalb keine Altersgrenze. Berthold Beitz, Verwalter des Krupp-Vermögens und Vorsitzender der Krupp-Stiftung, hält den auch in der Branche hoch angesehenen Stahlmanager für einen ?guten Mann? und wünscht, dass Schulz weiter im Amt bleibt. Aus Sicht des 94-jährigen Beitz ist Schulz ohnehin ein ?junger Mann?.Da trifft es sich gut, dass auch die Arbeitnehmervertreter bereit sind, an Bewährtem festhalten. Schon einmal, bei der ersten Vertragsverlängerung für Schulz Anfang 2006, hatten die Nachrücker das Nachsehen. Dabei hatte Aufsichtsratschef Gerhard Cromme im Jahr 2002 mit Stefan Kirsten von Metro, Olaf Berlien von Zeiss und Edwin Eichler von Bertelsmann gleich drei geeignete Kandidaten in den Konzern geholt, die sich gemeinsam mit Stahlchef Karl-Ulrich Köhler und Vizekonzernchef Ulrich Middelmann Hoffnungen auf die Schulz-Nachfolge machen durften.Selbst ins Spiel gebracht hat sich Schulz auch diesmal nicht. Aber er hält sich bereit: ?Ich würde wie bei allen wichtigen Entscheidungen die Frage, ob ich für eine Verlängerung zur Verfügung stehe, mindestens eine Nacht überschlafen?, sagte Schulz Anfang Dezember im kleinen Kreis.Seitdem schießen Spekulationen ins Kraut, dass Thyssen-Krupp schon auf der Hauptversammlung an diesem Freitag die wichtige Personalie verkünden wird. Aber auch wenn die Würfel längst gefallen sind: Aufsichtsratschef Cromme wird auf keinen Fall gegen das Aktiengesetz verstoßen. Dieses erlaubt die weitere Bestellung von Schulz frühestens ein Jahr vor Ende des laufenden Vertrags. Cromme, im Nebenberuf Vorsitzender der Kommission Deutscher Corporate Governance Kodex, achtet penibel darauf, dass die Frist eingehalten wird. Deshalb wird der Aufsichtsrat Schulz erst Ende Januar offiziell bestellen. Gleichwohl dürfte das Aktionärstreffen im Bochumer Congresszentrum Beitz bestärken. Viele Kleinaktionäre dürften begrüßen, dass ihr Favorit Schulz nicht ausgerechnet im laufenden Geschäftsjahr, in dem die Gewinne stark sinken, den Chefsessel räumen muss.Professionelle Beobachter sehen das anders: ?Eine weitere Verlängerung für Schulz ist keine kluge Entscheidung?, sagt Hermann Sendele, Partner der internationalen Personalberatung Board-Consultants in Grünwald bei München. ?Wenn plötzlich die Senioren bleiben, verbaut sich Thyssen-Krupp den Weg zu einer inneren Erneuerung.?
Dieser Artikel ist erschienen am 16.01.2008