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Der Erfinder der Managerdroge

Von Katharina Slodczyk, Handelsblatt
Mike Lazaridis ist der kluge Kopf hinter der schnellen E-Mail-Maschine Blackberry. Gespräche mit Analysten und Journalisten, Strategien zu erläutern und für den mobilen Blackberry zu werben, sind seine Sache nicht.
LONDON. Doch von Erzählen kann keine Rede sein. Man muss dem 43-Jährigen die Antworten aus der Nase ziehen. Überzeugend werden sie dadurch noch lange nicht. Sie sind stets kurz und knapp, fast etwas unwirsch. ?Ich sehe keine Konkurrenten, die uns gefährlich werden können?, sagt der Kanadier mit den griechisch-türkischen Wurzeln. Und was die Analysten an möglichen Wachstumshemmnissen und Problemen sehen? ?Es gibt keine, das ist eine Fehlwahrnehmung?, sagt Lazaridis. Mehr nicht.Kein Charme, keine Geschmeidigkeit, nichts von dem, was Manager umgibt, die etwas verkaufen wollen. Etwas gesprächiger wird Lazaridis erst, wenn es um die technische Seite geht. Wi-Fi oder UMTS? Welche Technik wird als Nächstes in den Blackberry integriert? Für eine Antwort darauf braucht Lazaridis ganze drei Sätze. Ganz schön weitschweifig für seine Verhältnisse.

Die besten Jobs von allen

Schon zu Schulzeiten hockte er lieber in der Bibliothek und vertiefte sich in schwierige Themen. Das brachte ihm eine spezielle Auszeichnung ein ? dafür, dass er sich in seiner Schulbibliothek jedes vorhandene Buch über Mathematik und Naturwissenschaften auslieh. Auch heute zieht er Bücher über die Pathfinder-Mission auf dem Mars Ende der 90er-Jahre jedem Kriminalroman vor.Lazaridis ist der kluge Kopf hinter dem Blackberry, er hat das Gerät erfunden ? in einer schlaflosen Nacht vor etwa fünf Jahren. ?Er ist hochintelligent und leicht verschroben?, sagt sein Kollege Jim Balsillie über ihn. Gespräche mit Analysten und Journalisten, Strategien zu erläutern und für den Blackberry zu werben, sind seine Sache nicht. Das überlässt er am liebsten Balsillie. Gemeinsam leiten die beiden RIM. Die Aufgabenteilung beschreibt Balsillie so: ?Ich bin so eine Art Papagei, der die Dinge kommuniziert, die sich Mike ausdenkt.?Die beiden ergänzen sich hervorragend: Lazaridis, der bullige Studienabbrecher, und Balsillie, der schlanke, hoch gewachsene Absolvent der Harvard Business School. Gemeinsam haben sie es sehr weit gebracht: Die RIM-Umsätze werden sich im laufenden Geschäftsjahr, das im Februar endet, auf 1,35 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln, der Nettogewinn wird sich innerhalb eines Jahres voraussichtlich auf 300 Millionen Dollar versechsfachen. Die Zahl der Blackberry-Nutzer wird wohl bei 2,5 Millionen liegen und damit innerhalb von zwölf Monaten um 150 Prozent zunehmen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Für die erste Million brauchte RIM noch fünf JahreFür die erste Million brauchte RIM noch fünf Jahre ? und jede Menge Überzeugungskraft. Denn am Anfang wollte keines der Mobilfunkunternehmen in den USA, die RIM als Erstes ansprach, den Blackberry unters Volk bringen. Es war Lazaridis, der dann kurzerhand Telefonminuten bei den Mobilfunkbetreibern einkaufte und selbst den Vertrieb der Geräte übernahm. Befreundeten Managern schenkte RIM den Blackberry, um sie von den Vorzügen zu überzeugen. Die Mobilfunker griffen erst zu dem leicht klobigen Gerät, das ohne Schnickschnack wie Kamera und Radio auskommt, als Lazaridis die Handyfunktion in seine mobile E-Mail-Maschine packte.Heute ist der Blackberry für Manager, was der Ipod Musikfans bedeutet. Der kleine Rechner ermöglicht ohne komplizierte Voreinstellungen den Empfang von Firmen-E-Mails von unterwegs aus ? dank einer besonderen Technologie, die Lazaridis entwickelt hat. Die Führungskräfte dieser Welt sind damit keine Sekunde mehr von ihren Schreibtischen abgeschnitten.Der Blackberry hat Kultstatus und Suchtpotenzial ? in den USA soll es daher schon Selbsthilfegruppen für Nutzer des ?Crackberry? geben, die mit dem Gerät ins Bett gehen und beim Aufwachen als Erstes ihre E-Mails abfragen.Der Blackberry verhalf RIM, einem 2200 Mitarbeiter starken Unternehmen aus dem kanadischen Waterloo, zu einem rasanten Aufstieg, wie man ihn sonst nur von Startups aus den Zeiten des Internetbooms kennt. Mit solchen Vergleichen kann man Lazaridis aber regelrecht ärgern: ?Wir haben schon mehrere Feuertaufen überstanden, wir sind ein etabliertes Unternehmen?, sagt er mit hochrotem Kopf.Bereits vor 20 Jahren gründete Lazaridis das Unternehmen als Software- und Beratungshaus und entwickelte etwa Programme für den US-Autokonzern General Motors. In den 90er-Jahren erfand er unter anderem ein Strichcodesystem, das den Schnitt von Kinofilmen vereinfachte und kassierte dafür einen Technik-Oscar in Hollywood.Was er kann, hat er schon sehr früh entdeckt: Auf der Durchreise von Griechenland nach Kanada habe er als Vier- oder Fünfjähriger mal kurz in der Nähe von Stuttgart gelebt, erzählt er. Und damals am liebsten mit Modelleisenbahnen gespielt. ?In dieser deutschen Atmosphäre habe ich mein technisches Talent entdeckt.? Kein Wunder, wenn Geschäftspartner über ihn sagen: ?Der Mann ist schwierig, stur, wenn er meint, Recht zu haben, und unheimlich selbstbewusst, aber irgendwie genial?, erzählt der Manager einer europäischen Mobilfunkgesellschaft. ?Der verbeißt sich so lange in technische Probleme, bis er eine Lösung hat.?
Dieser Artikel ist erschienen am 05.01.2005