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Der Eon-Chef: Ein Mann unter Gleichstrom

Von Martin Noé, Handelsblatt
Wulf Bernotat hat bei Eon für eine sanfte Kulturrevolution gesorgt. Regelmäßig lädt der Chef Mitarbeiter zum Drei-Gänge-Menü ein. Und bekommt auch Probleme serviert.
Eon-Chef Wulf Bernotat mag die angelsächsische Management-Welt. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Als Aperitif ein Orangensaft. Sechs Menschen halten sich an ihren Gläsern fest. Sie wechseln ein paar Worte miteinander. Es ist nicht die Zeit für ein Gespräch. Große Fenster geben den Blick auf den Rhein frei und Platanen starr wie Steinskulpturen, die lange Winterschatten werfen. Die sechs schauen in die entgegengesetzte Richtung: auf eine dunkel getäfelte Holztür. Gleich, um zwölf Uhr, soll dort ein Mann eintreten: Wulf Bernotat, 55, ihr aller Chef. Seit acht Monaten ist er Vorstandsvorsitzender der Eon AG, des größten Energiekonzerns Deutschlands. Gleich werden sie mit ihm zu Mittag essen. Zwei Stunden hat Bernotats Terminkalender dafür vorgesehen.Die sechs haben viele Fragen. Solche, die man stellen kann, wie: ?Was kann ich mir unter Marktmanagement vorstellen??, einer neuen Abteilung bei Eon. Oder: ?Wie sehen Sie Eon?? Und andere, deren Beantwortung man sich nur nähern kann: ?Ist mein Arbeitsplatz sicher?? Oder: ?Was ist mein Chef für ein Typ??

Die besten Jobs von allen

Wulf Bernotat kommt pünktlich, ohne Tusch und Aktenträger. Er tritt einfach in den Raum ein: ein mittelgroßer, grauhaariger Mann im Nadelstreifenanzug mit Weste und blau-weiß gestreiftem Hemd. Die Vögel auf der Krawatte wölben sich in Bauchhöhe nach vorn. Aber nur ein bisschen. Er gibt jedem die Hand. Er bittet zu Tisch.Die Tafel ist festlich gedeckt. Weißes Porzellan, eingerahmt von Silber der Marke Robbe & Berking. Das Essen hier im 9. Stock der Düsseldorfer Eon-Zentrale ist etwas Besonderes für die Geladenen. Sie kennen sich nicht oder nur flüchtig, sie sind nervös. Für Wulf Bernotat sind diese Veranstaltungen ein Teil seiner beruflichen Routine geworden. Hunderte dieser Mitarbeiter-Essen hat er nach eigener Zählung bereits hinter sich in seinen verschiedenen Jobs. In immer wechselnder Besetzung simuliert er so herrschaftsfreien Diskurs, machtneutral und universal-menschlich. Philosophie à la Habermas für den Betrieb. Viele Unternehmensberater lieben das.Auch Bernotat hat seine Agenda. Wie wirkt der Konzernumbau auf die Leute?, fragt er sich. ?Es hat sich was getan bei Eon, nur zu langsam?, sagt er und ?Veba (das Vorläuferunternehmen) war eher förmlich. Form ging vor Inhalt. Das hat sich etwas verändert.? Bernotat mag es demonstrativ nicht förmlich. Er hat Eon den ?Casual Friday? geschenkt. Er will anders sein als die traditionsbewussten Wirtschaftsführer des Ruhrgebiets. Ein Manager aus einer anderen Welt? Einen ?Angestellten im Dienste des Profits? nennt ihn ein alter Eon-Fahrensmann.Als Vorspeise ein Pilzsüppchen. Die zwei Kellnerinnen tragen die Suppe auf, wie alles Folgende gehobene Kantinenkost im edlen Porzellanmantel. Jeder am Tisch stellt sich vor, auch Bernotat: ?Wenn es Sie interessiert, sage ich Ihnen etwas über mich.? Geboren als Sohn eines Richters in der südniedersächsischen Provinz, hat auch er Jura studiert. Fast abgebrochen habe er das Studium, menschelt er, zu viele Jobs beim Rundfunk. Aber schließlich doch Abschluss mit Promotion. Dann mit Shell rund um den Erdball, später zu Veba Oel, zu Stinnes, zehn Jobs in 20 Jahren.Eine Anekdote nur reicht er zum gebutterten Weißbrot. Dass er mit Gerhard Schröder in Göttingen in der gleichen Jura-Lerngruppe war. Jetzt, bei einem Treffen im Kanzleramt, habe man sich an ein gemeinsam erlebtes Fußballspiel erinnert. Es war die ?Wasserschlacht? während der WM 1974, 1:0 gewann Deutschland gegen Polen. ?Er war Juso-Vorsitzender, hatte lange Haare und hat viel diskutiert?, so sieht er den Schröder von ?74.Er redet knapp, im Ton distanzierter Freundlichkeit, lässt den anderen mehr Raum für ihre Vorstellung. Alle arbeiten in der Düsseldorfer Zentrale: Eine Sekretärin, um die 30, ziemlich blond, ganz viele Goldringe, sie feiert gerne Karneval; ein Controller, dunkles, kaum zu bändigendes Haar, auch um die 30; die Leiterin des Datenschutzes, Betriebswirtin, mittleres Alter, kecke Stoppel-Frisur, wie man sie von Verdi-Funktionärinnen kennt; der Leiter der Treasury, verantwortlich für die Absicherung aller Finanztransaktionen, ein sportlicher Familienvater; der Chef der Restauration, ein kräftiger Typ, um die 30; und eine dunkelhaarige Sekretärin, die, anders als die anderen, bis zum Ende des Essens ihre Nervosität nicht ablegen kann.Als Hauptgang Kalbsmedaillons mit Wirsing und gebratene Spätzle. Genau schaut Bernotat jeden an, sanftes Interesse im Blick und dazu eine Miene, mit der er pokern könnte. Ihr wäre nichts zu entnehmen, als dass er Gefallen am Spiel findet: Ein Mann unter Gleichstrom. ?Ach, dann haben Sie neulich die Vorlage gemacht?, sagt er zum Controller. ?Ja, ich gestehe?, antwortet der. ?War doch nicht schlecht?, beruhigt Bernotat. Dann will er wissen: ?Wie läuft es denn mit den Kollegen der Ruhrgas auf Ihrer Ebene??Womit man sich Bernotats Hauptarbeitsfeld nähert. Er muss aus dem Energiekonzern, den sein Vorgänger Ulrich Hartmann intelligent zusammengekauft hat, eine Einheit formen. Die Ruhrgas beispielsweise gehört erst seit einem Jahr zu Eon, zuvor war sie wegen ihrer sich gegenseitig neutralisierenden Aktionärsstruktur frei in ihren Entscheidungen wie ein inhabergeführter Mittelständler. Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann war ein König des Ruhrgebiets. Jetzt ist er einer von Bernotats Kurfürsten.Von Schwierigkeiten dringt jedoch auch inoffiziell wenig nach außen. ?Die Integration läuft sehr gut?, sagt der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Ralf Blauth, was er auf den Kunstgriff zurückführt, dass Bergmann in den Eon-Vorstand einrückte. Liebe ist daraus nicht geworden, auf keiner Ebene. ?Da ist noch ein bisschen Vorsicht und Zurückhaltung?, antwortet der Controller auf Bernotats Frage. Die Ruhrgas liefere Informationen nur, wenn ein Vorstandsbeschluss existiere.Der Controller war früher beim Ruhrgas-Konkurrenten Wintershall, einer BASF-Tochter. Bernotat freut sich, als er erfährt, dass Vorstandsvorlagen über Investitionsprojekte dort sechs Wochen vor der Sitzung fertig sein mussten; bei Eon sind es zwei Wochen. Künftig soll es noch schneller gehen.?Speed, Speed, Speed?, das Thema von Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp könnte auch Bernotats sein. Er hat sich einen anderen Anglizismus als Lebensmotto gewählt: ?Just do it?, der Nike-Slogan: Machen, nicht ewig beratschlagen, diese Lehre hat er aus der angelsächsischen Managerwelt hinübergerettet. Von allzu ausführlichen Vorstandsvorlagen fühle er sich entmündigt, sagt er, während die Runde mit den letzten Spätzle die Sauce aus den Tellern wischt. Er könne sich seine eigenen Gedanken machen.Als der Leiter der Treasury von ?Perfektionsdenken? berichtet und der Controller davon, dass bei seinem Chef oft ?bis abends um elf Uhr Licht brennt?, antwortet Bernotat ganz Chef-unüblich: ?Vielleicht müssen wir unser Anspruchsniveau herabsetzen.? Die Eon-Leute gelten in der Branche ?als Vorbild?, wie der Manager eines kleineren Konkurrenten sagt, aber auch als ?perfektionistisch mit einem Hang zur Arroganz?.Der Eon-Chef selbst arbeitet, anders als Getriebene wie sein Kollege von EnBW, Utz Claassen, nicht mehr als elf, zwölf Stunden täglich, wie ein Mitarbeiter erzählt. Doch wer glaubt, er könne sich nun, nach den intensiven Hartmann-Zeiten, ausruhen, täuscht sich. ?Er gibt klare Ziele vor, wer die erreicht, wird belohnt. Wer sie verfehlt, bestraft?, sagt einer aus dem Top-Management. Und: ?Er ist sehr diskussionsfähig, aber dann wird exekutiert.?So war es im Sommer, als 70 Führungskräfte des Konzerns auf Mallorca ihr Strategie-Konzept diskutierten, ?on top? genannt. Einer, der damals dabei war, erinnert sich an lange Debatten. ?Bernotat lässt oft erst einmal die Sache laufen?, sagt er. Doch Ende vergangenen Jahres ist, ganz planmäßig und ganz geräuschlos, das gesamte Projekt vom Vorstand und Aufsichtsrat abgenickt worden. Der Führungsstil Hartmanns, heute Aufsichtsratschef, war egozentrischer.Nur was ?on top? bedeutet, wissen noch die wenigsten seiner Beschäftigten, erfährt Bernotat auch aus der Mittagsrunde. ?Sehr politisch?, ?nichts Greifbares?, heißt es. Bedeutet es mehr Macht für die Zentrale, die bisher die Töchter wie Eon Energie oder Powergen im Stile einer reinen Finanzholding führte? Bernotat verneint und sagt doch zugleich: ?Das Gesamtoptimum geht der Optimierung der kleinen Einheit vor.? Das irritiert.Eine gewisse Unruhe herrscht in den oberen Etagen bei Eon zudem, seit Berater von Egon Zehnder die Top-80-Manager des Unternehmens unterhalb des Vorstands in zweistündigen Gesprächen auf ihre Leistungsfähigkeit hin überprüft haben. Die Ebene darunter, 220 weitere Führungskräfte, folgt jetzt. Wer will ins Ausland? Wie ambitioniert ist der Manager? Wie teamfähig? Das wollen die Berater hören, zum Ärger mancher Manager, die nun Außenstehenden Rede und Antwort stehen müssen. ?Haben wir die richtige Qualität und Zusammensetzung im Management?? will Bernotat wissen. Die Antwort behält er sich noch vor. Entlassungen aber sollen nicht das Ziel sein.Zum Nachtisch reichen die Kellnerinnen Eis mit lauwarmen Früchten. Bernotat verzichtet und hört der vorsichtigen Klage des Kantinenchefs zu, dem gerade eine Stelle gestrichen wurde. Sparen, besonders in der Zentrale, das war bisher der Hauptjob. Schon gingen im Übereifer einmal die Bleistifte im Tagungszentrum aus. Bernotat kennt die genauen Posten, bis hinunter in fünfstellige Euro-Bereiche ? ungewöhnlich für den Chef eines Konzerns mit rund 47 Milliarden Euro Umsatz.Verliert er über dem Kleinklein des Sparens die Fähigkeit zur Vision, wie ein langjähriger Unternehmenskenner befürchtet? Die meisten Analysten sehen das anders. Sie erfreuen sich an den klaren, nachprüfbaren Zielen, die er Eon bis 2006 vorgegeben hat: höhere Kapitalrendite, höheres Betriebsergebnis, höhere Dividende. ?Die Stoßrichtung ist deutlich geworden?, sagt Nils Machemehl von M.M. Warburg. Hier und da wird zugekauft oder verkauft (wie jetzt gerade 27 000 Wohnungen des eigenen Immobilienunternehmens Viterra), aber die ?big shots? fehlen. Noch ist unklar, ob das Unternehmen in Russland investieren will und ob es in den USA engagiert bleibt.Bernotat erklärt, anders als sein Vorgänger, den Finanzanalysten gerne seine Ziele, in Englisch und sehr professionell. Dafür ist er politisch sehr viel weniger präsent, als Hartmann es war. Sogar im Bundeswirtschaftsministerium wundert man sich, wie wenig konkret und wie leise die Energiebranche ihre Interessen vertritt. RWE-Chef Harry Roels hält sich völlig raus. Am präsentesten wirkt noch Vattenfall- Europe-Chef Klaus Rauscher. ?Wir haben da einen leiseren Weg gewählt. Das ist vielleicht der erfolgreichere? , sagt Bernotat.Der Espresso wird aufgetragen. Bernotat nimmt einen doppelten und zündet sich einen Zigarillo an, eine Sumatra Light. ?Was halten Sie denn von der Veranstaltung?? fragt Bernotat noch. Lob von allen Seiten. Der Restaurationschef erzählt, dass er auf Eon-Kosten einen Sommelier-Lehrgang besucht hat. ?Nützt uns das etwas? Bekommen wir jetzt bessere Weine?? fragt der Vorstandsvorsitzende. Er meint: günstigere.Der Mensch
  • 1948 wird Wulf Bernotat am 14. September als Sohn eines Verwaltungsrichters in Göttingen geboren. Er wächst auf im Kreis Alsfeld, studiert dann Jura in Göttingen.
  • 1976 beginnt der promovierte Jurist seine Karriere in der Rechtsabteilung von Shell in Hamburg. 20 Jahre lang arbeitet er für den Ölmulti, meist im Ausland.
  • 1996 Vorstand der Veba Oel.
  • 1998 wird er Chef der Mülheimer Logistikfirma Stinnes.
  • 2003 wird er auf Betreiben seines Vorgängers Ulrich Hartmann Eon-Chef.
Bernotat lebt mit seiner Ehefrau zur Miete in einer Krupp-Villa im Essener Süden und hat zwei erwachsene Töchter. Als Hobbys gibt er Golfen, Skifahren, Politik an.Das Unternehmen
  • Der Größte: Eon ist mit einem geschätzten Umsatz von 47 Milliarden Euro der größte deutsche Energiekonzern vor RWE. Unter dem Dach der Eon AG versammeln sich die fünf Töchter Eon Energie (zuständig für Kontinentaleuropa), Sydkraft (Skandinavien), Powergen (Großbritannien), LG&E Energy (USA) sowie die Ruhrgas. 64 000 Beschäftigte hatte das Unternehmen zum Stichtag 30.9.2003.
  • Die Ziele für 2006: Eon will seine Kapitalrendite von 9,3 Prozent (2002) auf mindestens 10,5 Prozent steigern. Das Ebit (Gewinn vor Zinsen und Steuern) soll bei mindestens 6,7 Milliarden Euro liegen gegenüber 4,7 Milliarden, die Dividende pro Aktie bei wenigstens 2,60 Euro gegenüber 1,75 Euro.
Dieser Artikel ist erschienen am 07.01.2004