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Der entzauberte Musterschüler

Von C. Nesshöver, A. Bohne, Handelsblatt
Einst gefeierter Boss des Ölkonzerns Elf, muss sich Phillipe Jaffré heute in Alstoms Kampf ums Überleben bewähren. Doch selbst wenn die EU-Kommission im Frühjahr 2004 den mehrfach überarbeiteten Rettungsplan genehmigen sollte: Für den 58 Jahre alten Jaffré ist der Alstom-Job schon jetzt eine Niederlage.
PARIS. Für den 58 Jahre alten Top-Manager und früheren Chef des Ölkonzerns Elf Aquitaine ist es eine Qual, den Auftritt dem weniger erfahrenen Kron zu überlassen. Denn in Jaffrés Augen ist es zu großen Teilen sein Sanierungsplan, den Kron den Aktionären präsentiert.Jaffré hat als Alstom-Finanzvorstand mit Kron, dem vom Mineralkonzern Imerys an die Spitze des Anlagenbaukonzerns geholten Vorstandschef, ein komplexes Paket über 3,2 Milliarden Euro geschnürt: Steuergelder, frische Kredite, neues Kapital und eine Wandelanleihe sollen Frankreichs durch Misswirtschaft in Schieflage geratenen Vorzeigekonzern über Wasser halten.

Die besten Jobs von allen

Doch selbst wenn die EU-Kommission im Frühjahr 2004 den mehrfach überarbeiteten Rettungsplan genehmigen sollte: Für den 58 Jahre alten Jaffré ist der Alstom-Job schon jetzt eine Niederlage.Denn als sich Jaffré im Februar 2002 vom damaligen Alstom-Chef Pierre Bilger hatte anheuern lassen, wollte er mit diesem Engagement die Schmach vergessen machen, die er im Zuge der Übernahme seines früheren Konzerns Elf Aquitaine durch Totalfina erlitten hatte. Zudem schielte er auf den Alstom-Chefsessel. Bilger seinerseits wollte mit Jaffré an Bord die schwelende Finanzkrise bei dem Hersteller von TGV-Zügen, Kraftwerken und Ozeandampfern in den Griff bekommen.Doch das ging schief. Bilger musste gehen, sobald die Aktionäre im März 2003 die abgrundtiefen Löcher in der Bilanz bemerkten. Und für Jaffré wurde es zur Karrierebremse, dass ihn der falsche Mann angeheuert hatte.Dabei waren bei Alstom die Vorschusslorbeeren für Jaffré immens gewesen. Die Börse erinnerte sich wohlwollend, dass er knapp zehn Jahre zuvor den staatlichen Ölkonzern Elf Aquitaine saniert und unter der Fahne des Shareholder-Values an die Börse gebracht hatte. Dafür war er als erster an der Elite-Uni ENA ausgebildeter Top-Manager Frankreichs vorzeitig aus dem Staatsdienst ausgeschieden ? ohne Versorgungsansprüche.Bei Elf allerdings nannten sie Jaffré den ?Panzer?, er galt als kaltschnäuziger Tyrann. Mit seiner schroffen Direktheit war er der Stachel im Fleisch der auf Etikette bedachten Pariser Geschäftswelt. ?Sei profitabel, dann fragt niemand nach der Strategie?, befand er 1998.Dann wurde er 1999 gleich zwei Mal Opfer seiner eigenen Philosophie. Zunächst unterlag er im Fusionspoker gegen Total-Boss Thierry Desmarest. Total ist heute dank der Elf-Übernahme mit 102 Milliarden Euro der viertgrößte Ölkonzern der Welt. Desmarest warf Jaffré hinaus, sobald die Übernahme gelungen war. Und schon auf der Pressekonferenz, wo Desmarest Jaffré als Besiegten vorführte, sah sich der Geschasste der Frage gegenüber, die Frankreich seither beschäftigt: ?Ist es wahr, dass Herr Jaffré eine Abfindung von über 200 Millionen Franc erhält?? wollte ein Reporter wissen.Erfolgsbeteiligung oder goldener Handschlag: Seine Aktienoptionen im Wert von 30 Millionen Euro machten den einstigen Mustermanager in der französischen Öffentlichkeit zum Inbegriff des raffgierigen Kapitalisten. Der humorlose, nach Aussage von Mitarbeitern verklemmte Top-Manager war überhaupt nicht begeistert.Obwohl gerade 55 Jahre alt und mit genügend Ehrgeiz für viele weitere Jahre in Spitzenpositionen gesegnet, tauchte Jaffré erst einmal ab. Er gründete eine Mini-Unternehmensberatung für die Vergütung von Top-Managern, die Stock Option S.A. Er ließ sich von Luxuspapst Bernard Arnault zu dessen Familienholding holen: Jaffré durfte sich beim Online-Geldinstitut Zebank versuchen. Dort warf der Shareholder-Value-Evangelist schlechtem Geld viel gutes hinterher. Lorbeeren erwarb er sich damit nicht. Endlich klingelte das Telefon: Jaffré gab sich bei Alstom-Boss Bilger die Ehre. Der drohte gerade mitsamt 110 000 Beschäftigten in fast sechs Milliarden Euro Schulden zu ersaufen, von denen niemand etwas wusste. Doch der von Bilger gewünschte geräuschlose Turnaround, der sicher auch Jaffrés Reputation gerettet hätte, missglückte. Alstom fuhr 2002 den Rekordverlust von 1,4 Milliarden Euro ein. Jaffrés Traum, als Alstom-Boss unter die ?Grand Patrons? zurückzukehren, war ausgeträumt.Nun muss er mit Gläubigern feilschen und Investoren herumkriegen ? und die Ergebnisse Kron zur Unterschrift vorlegen. Die größte Erniedrigung ist für ihn indes, den Finanzminister und überzeugten Privatisierer Francis Mer mit einer kaum verdeckten Staatsbeteiligung an Alstom bei der Stange zu halten. Mit Zustimmung der Aktionäre verschafft Jaffré Alstom so derzeit eine Atempause ? mehr auch nicht. Und wenn sein Plan bei der EU-Kommission durchfiele, würde Jaffré vom Musterschüler der französischen Wirtschaft gar zum Totengräber eines ihrer Paradeunternehmen.
Dieser Artikel ist erschienen am 19.11.2003