Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Eispionier, der aus der Garage kam

Von Dietmar Petersen, Handelsblatt
Auf der Internationalen Süßwarenmesse in Köln trat er als Persönlichkeit auf, die niemand übersehen konnte: Auf seinem Stand hielt der weißhaarige Patriarch Hof.
NÜRNBERG. Doch das konnte er sich erlauben: Theo Schöller zählte zu den großen Pionierunternehmern der deutschen Lebensmittelindustrie. Am vergangenen Mittwoch verstarb er im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Nürnberg, teilten gestern die Schöller-Stiftungen mit. Sein Tod kam überraschend, führte er doch bis April die Geschäfte in seinen beiden Familienstiftungen, sagte Gerhard Sußbauer, Vorstandsmitglied der Schöller-Stiftungen.Schöller galt neben Max Grundig und Gustav Schickedanz, dem Gründer des Versandhauses Quelle, als eine der großen fränkischen Unternehmerpersönlichkeiten nach dem Zweiten Weltkrieg. ?Theo Schöller war einer der gestandensten Unternehmer in der Süßwarenbranche?, erinnert sich Hermann Bühlbecker, Eigentümer des Aachener Traditionsunternehmens Lambertz, ?Schöller gehörte zu den Pionierunternehmern des deutschen Wirtschaftswunders. Er begann in der Garage mit Eiscreme und baute ein Weltunternehmen auf.?

Die besten Jobs von allen

Der in Nürnberg geborene Sohn eines Möbelfabrikanten hatte nach seiner Schulausbildung gemeinsam mit seinem Bruder Karl zunächst eine Agentur für Kinowerbung betrieben. Als er in einem Berliner Varieté sein erstes Eis am Stiel aß, begeisterte den damals 18-Jährigen die Idee so sehr, dass er beschloss, selbst eine Eisfabrik zu gründen.Im Jahr 1937 stieg er zusammen mit seinem Bruder in Nürnberg in die Herstellung von verpacktem Eis am Stiel ein. Hergestellt wurden damals die klassischen Geschmacksrichtungen Vanille, Schokolade und Erdbeere, ausgeliefert wurde in Thermosboxen. Anfangs half Schöller seinen Boten noch: auf Fahrrädern mit Hilfsmotoren.Anfang der 50er-Jahre begann Schöller mit der Herstellung von Tiefkühlkost. 1957 kam Schöller auf die Idee, einen Ausgleich zum sommerlichen Eis-Geschäft zu schaffen: Er begann mit der Produktion von Oblaten-Lebkuchen für die Winterzeit. Auf diese Weise konnte er seine Fachkräfte das ganze Jahr über beschäftigen und sicherte so auch die Arbeitsplätze.Auch als er aus der Geschäftsführung ausschied, lenkte Schöller noch lange als Aufsichtsratsvorsitzender und Vorsitzender der Gesellschafterversammlung die Geschicke des Unternehmens. In den 80er-Jahren holte er als Partner die Südzucker AG ins Boot. Der Konzern übernahm 65 Prozent der Schöller-Gruppe, die restlichen 35 Prozent hielten Theo Schöller und seine Ehefrau Friedl. Im Rahmen der Umstrukturierung bei Südzucker ging das Nürnberger Traditionsunternehmen, das Ende der 90er-Jahre weltweit mehr als 6 000 Menschen beschäftigte, mit dem ausdrücklichen Einverständnis Schöllers 2001 an Nestlé.Schöller wirkte in Nürnberg auch als Mäzen für medizinische, soziale und wissenschaftliche Belange. So unterstützte er im Nürnberger Klinikum den Aufbau der Herzchirurgie und spendete für die Bibliothek des Meistersinger-Konservatoriums eine Million Euro. Doch lag auf seinem Lebenswerk auch ein Schatten: Keines seiner vier Kinder, obwohl selbst unternehmerisch aktiv, wollte dem Vater im Unternehmen folgen.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.06.2004