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Der Eine-Milliarde-Dollar-Mann

Von C. Nesshöver, Handelsblatt
Unter Bernard Mariette fordert der Trendsportausrüster Quiksilver die Giganten Adidas und Nike heraus. Aber Größe kann auch zerstören. Kann Quiksilver zugleich groß und cool sein?
SAINT-JEAN-DE-LUZ. Schon ist er wieder oben auf, finden die dunkelbraunen Augen des 41-Jährigen den Spaß am Geschäft mit Surfen und Strand zurück. ?Wir werden in diesem Geschäftsjahr einen Umsatz von 950 Millionen US-Dollar machen. Es fehlt nur noch wenig bis zu einer Milliarde?, sagt Mariette. ?Nach Börsenkapitalisierung schaffen wir die Milliarde schon jetzt.? Der Franzose kann es kaum erwarten, seine Firma mit neun Stellen hinter den Geschäftszahlen geadelt zu sehen. ?Dann durchbrechen wir die Schallmauer.?Der Eine-Milliarde-Dollar-Mann liebt rasante Richtungswechsel ? ob auf dem Snowboard oder bei einer Strategiebesprechung. Und er gewinnt gerne. Wettbewerber der Surfbranche wie O?Neill, Billabong, Oakley und Hurley hat der Quiksilver-Chef abgehängt. ?Das ist wie im Sport: Wir waren die Besten in der zweiten Liga, jetzt spielen wir in der ersten, und da gelten andere Benchmarks. Die heißen nun Nike und Adidas?, sagt der Firmenchef. Heute endet das Geschäftsjahr 2002/2003 für die Surfer-Kultmarke. Ab morgen, im neuen Geschäftsjahr, will Mariette die Großen der Sportbranche herausfordern.

Die besten Jobs von allen

Angreifen will er über den Fernsehbildschirm. Seine jungen Kunden ? meist zwischen zehn und 24 Jahre alt ? sollen erst von Quiksilver träumen, dann kaufen. ?Und zum Träumen brauchen sie Bilder?, sagt Mariette. Trotz seiner Rugbyspieler-Statur wirkt er wie ein kleiner Junge, der von seinem Lieblingsspielzeug schwärmt, wenn er von Beach-Shorts, T-Shirts oder Surfbrettern erzählt. Sein linkes Handgelenk umschließt ein gelbes Bändchen, das ihm ein Nachbarsmädchen schenkte. ?Das muss ich jetzt so lange tragen, bis es abfällt.?Vergangenes Jahr schuf Quiksilver eine eigene TV-Produktionsfirma. In den USA beliefert sie bereits Kanäle wie Fox Sports und MTV mit Trendsportshows und Teenie-Surfer-Sagas. ?Das funktioniert unglaublich gut?, staunt Mariette. Surfen ist Teil jugendlicher Alltagskultur geworden. Seitdem sich der Mainstream fürs Surfen interessiert, sind auch die Begehrlichkeiten der Großen geweckt. So kaufte Nike im vergangenen Jahr Quiksilver-Konkurrent Hurley. Auch Quiksilver selbst ist für die Marktführer ein interessanter Übernahmekandidat.?Wenn der Preis stimmt, würden sich unsere Aktionäre freuen?, sieht Mariette die Lage sportlich. Dennoch erwartet er keine Übernahme. ?Auch kleine Fische sind manchmal schwer zu verdauen?, orakelt er und blickt hinüber zum Aquarium in seinem Büro in Saint-Jean-de-Luz.Auch wenn der Chef in seinem Büro Korbmöbel mag und in der Eingangshalle ein hawaiianisches Kanu über den Köpfen der Besucher hängt: Surfen ist längst nicht mehr das Hauptgeschäft von Quiksilver. Im ?Boardriders Club?-Laden auf den schicken Champs-Élysées in Paris hängen neben Shirts, Shorts und Boards Jeans und Skijacken. Es gibt Muschel-Schmuck und Designer- Uhren. Die eigene Turnschuhkollektion attakiert direkt das Kerngeschäft von Adidas und Nike. Die Mädchen-Marke Roxy macht schon ein Drittel des Umsatzes aus. Damit nicht genug. Mit der Marke Fidra stieg Quiksilver 2000 ins Golfgeschäft ein, um auch ältere Kunden zu erobern. Mittelfristig will Mariette auch ins Servicegeschäft ? etwa mit Reisen. Das soll in zehn Jahren bis zu einem Viertel des Umsatzes ausmachen. Doch auch wenn Bayern Münchens baskischer Linksverteidiger Bixente Lizarazu Quiksilver-Sonnenbrillen trägt ? Mariette zieht klare Grenzen. ?Fußball werden wir nie ins Sortiment aufnehmen. Das würde unsere Marke zerstören.?Größe kann auch zerstören. Kann Quiksilver zugleich groß und cool sein? ?Absolut. Denken Sie nur an Chanel Nr. 5: Es ist das meistverkaufte Parfum der Welt und ist dennoch mystisch geblieben?, urteilt Mariette. Die Marke sei sich immer treu geblieben. Ehe er zu Quiksilver kam, arbeitete Mariette als Finanzchef beim Kosmetikriesen L?Oréal. Marken und ihre Geschichte sind seine Leidenschaft.Die kleinen Anfänge der Marke Quiksilver liegen 34 Jahre zurück. 1969 gründeten zwei australische Surfer, Alan Green und John Law, das Unternehmen. 1976 kauften die US-Amerikaner Robert McKnight und Jeff Hakman die US-Rechte, brachten das Unternehmen 1986 an die Börse. Im Jahr 2000 übernahmen sie die Quiksilver-Anteile der beiden Gründer.Mit dem Kauf von Na Pall 1991 in Frankreich landete Quiksilver in Europa, wo heute 40 Prozent des Umsatzes erzielt werden ? Tendenz steigend. 56 Prozent sind es in den USA. Zwischen 1998 und 2002 wuchsen die Verkäufe um 120 Prozent, um nun mit etwa 950 Millionen an der Milliarden-Marke zu kratzen. Im heute zu Ende gehenden Geschäftsjahr dürfte der Gewinn wieder kräftig steigen. Allein im dritten Quartal stieg er von 8,8 auf 11,9 Millionen Dollar.Trotz des rasanten Wachstums: Bei Quiksilver geht es demonstrativ entspannt zu. Auch wenn man den Chef in seiner Kreativität schon einmal bremsen müsse, sagt Europa-Chef Peter Bloxham. Die einzige Krawatte im Firmensitz hängt an einer Türklinke. Der Chef trägt Jeans. Mitarbeiter wie Verkaufsmanager Stephen Le Bot parken ihr Surfbrett im Büro, um in der Mittagspause schnell mal zum nur Minuten entfernten Atlantikstrand zu pilgern und ein paar Wellen mitzunehmen. Bei Quiksilver lebt der New- Economy-Charme noch.Locker will Bernard Mariette nun auch den deutschen Markt erobern. ?Endlich?, wie er meint. ?Das habe ich in meinen bisherigen Jobs nie geschafft?, gibt Mariette zu, der den dunklen, surferkompatiblen Teint seiner indischen Großmutter verdankt. ?Aber die Ergebnisse werden besser: Jetzt macht es auch in Deutschland Spaß.? Bei Kaufhof und Sport-Scheck gibt es schon Quiksilver, und neue eigene Geschäfte wie das in Berlin gegenüber dem KDW sind auch geplant. Die Standorte Frankfurt, Köln und Hamburg hat Mariette ins Auge gefasst.Noch liegt Deutschland im europäischen Ranking hinter Frankreich, Großbritannien und Spanien zurück. Aber allein im vergangenen Jahr verdoppelte sich der Umsatz. Aus Klein soll nun endlich Groß werden. Denn, sagt Mariette: ?Man kann auch klein sein und gar nicht cool.?
Dieser Artikel ist erschienen am 31.10.2003