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"Der eigentliche Feind ist der innere Schweinehund"

Interview: Sven Scheffler. Foto: Pixelio.de
Der Journalist Manuel J. Hartung hat eine Betriebsanleitung für eine bessere Welt geschrieben: "Welt retten für Einsteiger". Ein Gespräch über Karriere, asketische Ökos und lethargische Nichtstuer.
Herr Hartung, wie sind Sie heute zum Interview nach Köln angereist?

Mit dem Zug. Ich habe eine Bahncard 100.

Die besten Jobs von allen


Also wieder Punkte gesammelt für ein gutes Gewissen!

Punkte gesammelt für ein gutes Gewissen, aber vor allen Dingen Punkte gesammelt für mich selber, weil ich entspannt ankomme und ich mich nicht hinter ein kleines Frühstückstablett im Flieger zwängen musste oder meine Konzentration irgendwo auf der Autobahn verloren habe. Es gibt ganz viele Fälle, in denen das gute Gewissen zugleich auch das Angenehmste ist.

Zusammen mit Christian Berg haben Sie ein Buch geschrieben - Welt retten für Einsteiger. Das ist so eine Art Klima-Knigge ...

Klimaschutz ist der wesentliche Punkt, aber es geht uns um weit mehr als den. Wir spannen den Bogen relativ weit: Klimawandel, Müllvermeidung, Wirtschaft und auch die eigene Berufung, der eigene Job: Wie kann ich damit umgehen, wenn ich in einem Job arbeite, der mir eigentlich nicht gefällt? Da geben wir ganz klare Handlungsanweisungen.

Zum Beispiel?

Viele Berufseinsteiger definieren sich selbst über das, was sie im Job machen - nicht über das, was sie neben dem Job machen. Gerade sie sollten den Mut haben, die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Jobs auch dann zu stellen, wenn es gut läuft. Viele denken erst daran, wenn es kräftig kriselt im eigenen Leben - und haben dann Erlebnisse, die wir "Hätte ich doch"-Momente nennen: "Hätte ich doch damals lieber mehr Zeit für meine Freunde gehabt ...", oder Ähnliches. Wenn man sich selbst prüft, kann man einen Plan B entwickeln - und den dann peu à peu austesten - entweder indem man an einigen Tagen ein anderes Berufsfeld kennenlernt oder aber im Engagement seine Berufung findet oder aber in seinem Arbeitsfeld neue Möglichkeiten entdeckt. Alles hinzuschmeißen, bloß weil man in irgendeinem Blütenstaubzimmer einen Traumjob gesehen haben will, empfehle ich nicht.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein solches Buch zu schreiben?

Die Idee waberte schon lange in den Köpfen von Christian Berg, meinem Co-Autor, und mir herum. Ein Initialerlebnis für mich war die Begegnung mit einer Frau neben einer großen Mülltonne bei mir im Stadtteil. Sie bugsierte alle möglichen Abfälle in die Tonne, die da überhaupt nicht reingehörten. Sie fühlte sich ertappt, wir redeten, und am Ende sagte sie den denkwürdigen Satz: "Ich würde ja gern was tun - aber was?" Für solche Leute, die keine lethargischen Nichtstuer sind, ist das Buch geschrieben.

Und dann?

Mein Co-Autor Christian Berg und ich haben uns im Think Tank 30 des Club of Rome kennengelernt. Wir haben uns darüber geärgert, dass Ökos immer als verkrampfte Gutmenschen gesehen werden, die Askese, Umkehr und Verzicht predigen und auf Kirchentage gehen. Viele denken, dass man keinen Spaß mehr im Leben hat, wenn man etwas für die Umwelt tun möchte. Wir haben eigentlich sehr viel Spaß im Leben und möchten trotzdem etwas für die Umwelt tun. Mit kleinen Schritten kann es losgehen.

Gibt es eine Sehnsucht junger Menschen nach einem guten Gewissen?

Ganz eindeutig ja, aber das geht quer durch die ganze Bevölkerung. Bundespräsident Herzog hat einmal gefordert, Bildung solle das Megathema werden; eigentlich ist gerade das Megathema aber Nachhaltigkeit. Und die Frage: In welcher Welt wollen wir leben? Das ist sukzessive von einem absoluten Rand- und Nischenthema zu einem Massenthema geworden. Junge und alte Menschen können sich damit identifizieren, auch die Wirtschaft bekennt sich dazu, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motivlagen. Viele haben ein diffuses Gefühl: Ich will etwas tun, ich will mich einbringen, ich will mich engagieren; bislang wussten sie oft nicht, was sie tun sollen.

Das haben Sie auch zum Leitmotiv Ihres Buches erklärt: "Ich will etwas tun, aber was?"

Unser Buch ist eine kleine Handlungsanleitung für die vielen Menschen, die nicht in Lethargie verfallen, sondern was tun wollen. Ohne Verbotslisten und Verzicht. Vielleicht entsteht aus dem Buch heraus eine Spaß bejahende Öko-Bewegung.

Haben Sie bei der Recherche auch Dinge überrascht?

Klar. Etwa beim Thema Wassersparen. Es ist toll, dass die Deutschen mittlerweile so sparsam sind. Aber es wird so viel Wasser gespart, dass Städte und Gemeinden für viel Geld Chemikalien ins Wasser kippen, damit das nicht umkippt, weil so wenig Wasser durch die Rohre fließt. Wassersparen ist zwar für jeden lobenswert, viel wichtiger ist aber, darauf zu achten, dass man das eigene Abwasser nicht zu sehr verunreinigt.

Sie schreiben, "der eigentliche Feind sind nicht die, denen man sonst immer gerne die Schuld gibt, sondern ..."

...der innere Schweinehund.

Und dennoch setzen Sie auf die ökonomische Einflussnahme jedes Einzelnen. Ökonomen nennen das "Voting by the feet".

Das hängt zusammen: Wie sollen Unternehmen etwas verändern, wenn sie die Macht der Konsumenten nicht spüren? Wir selber bestimmen, wie unsere Gesellschaft aussieht. Natürlich kann man immer alle Dinge, die nicht funktionieren, auf andere schieben. Auf die Politik, die zu wenig tut, die Wirtschaft, die nichts als Profit im Sinn hat, den Job, der einen nicht erfüllt und keinen Sinn macht. Das sind alles Schutzbehauptungen, mit denen man sich zurückziehen kann, um selber nichts zu tun.

Die Ideen sind von den Mitgliedern des Think Tank 30 zusammengetragen worden. Was verbirgt sich dahinter?

Das ist sozusagen eine Art Jugendorganisation des Club of Rome, junge Leute zwischen 20 und 40, die sich den Leitgedanken des Club of Rome verpflichtet fühlen. Also: eine bessere Welt, Nachhaltigkeit. Wir sind etwa 30 Leute aus ganz unterschiedlichen Bereichen: Theologen, Ingenieure, Physiker, Journalisten, Unternehmensberater, Naturwissenschaftler. Die versuchen, aus ganz verschiedenen Richtungen Probleme anzudenken.

Wie sah die Zusammenarbeit aus?

Insgesamt haben 13 Leute aus dem Kreis des Think Tank 30 an dem Buch mitgewirkt. Jeder hat sich einem Thema gewidmet: Eine hat sich damit beschäftigt, wie man die zunehmende Digitalisierung im Beruf nutzen kann, andere haben sich damit beschäftigt, wie man seine Berufung finden und verwirklichen kann oder wie man sinnvoll investiert. Christian Berg hat selbst recherchiert und die Fakten verifiziert, ich habe geschrieben.

Stichwort Think Tank 30. Wie kann ich Mitglied werden?

Wer Interesse hat, kann sich bewerben; jedes Jahr werden neue Mitglieder ausgewählt. Allerdings wollen wir eine überschaubare Größe bewahren, damit man nicht nur ein großes Palaver veranstaltet, sondern auch Ideen voranbringt. Infos kann man auf unserer Webseite finden.

Bedingt Erfolg heutzutage auch, dass man sich über mehr Gedanken macht, als seinen konkreten Job, und auch bereit ist, eine gewisse Verantwortung zu übernehmen?

Mein persönliches Motto ist: Karriere ist etwas Herrliches, aber man kann sich in einer kalten Nacht nicht an ihr wärmen. Ich glaube, das spiegelt das Lebensgefühl einer ganzen Generation wieder. Es reicht eben nicht, nur beruflichen Erfolg zu haben - irgendetwas Sinnstiftendes muss schon noch dabei sein.

Was würden Sie jemandem sagen, der argumentiert: "Ist ja alles schön und gut, aber ich habe so viel zu tun in meinem Job - ich habe dafür überhaupt keine Zeit."?

Mir sind Leute suspekt, die ständig behaupten, sie hätten keine Zeit. Zeit hat jeder, das ist eine Frage der Organisation und wie man Wichtiges von Unwichtigem trennt. In unserem Buch haben wir einen Gutes-Gewissen-Faktor definiert: Es gibt Dinge, die muss man nur einmal tun, die aber trotzdem eine große Wirkung haben. Zum Beispiel das Haus dämmen und damit Unmengen an Klimagift einsparen. Das kostet im besten Fall nur eine Überweisung an den Handwerker. Jeder kann etwas tun, egal wie wenig Zeit er zu haben meint.

Wofür haben Sie persönlich ein furchtbar schlechtes Gewissen?

Ganz akut damit, dass ich heute zu Hause losgefahren bin, und die ganze Spüle steht noch voll schmutzigem Geschirr. Doch das ist nicht unbedingt unnachhaltig. Eine andere Sache fällt mir tatsächlich schwer: Christian Berg hat mich davon überzeugt, weniger Fleisch zu essen. Ich lerne jetzt gerade, vegetarisch zu kochen. Ich muss noch ein bisschen üben.

Manuel J. Hartung, 26, besuchte nach Abitur und Zivildienst die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und arbeitete dann als jüngster Redakteur bei der Wochenzeitung "Die Zeit". In Bonn und an der New York University studierte er Geschichte, Jura und Psychologie. 2006 wurde er stellvertretender Chefredakteur von "Zeit Campus", dem Studentenmagazin der "Zeit", seit Juli 2007 ist er dessen Chefredakteur. Er engagiert sich im Think Tank 30 Deutschland des Club of Rome, wo er mit Christian Berg "Welt retten für Einsteiger"" konzipiert hat. Er hat die Recherchen der Kollegen aus dem Think Tank in den Text umgesetzt. "Welt retten für Einsteiger" ist nach seiner Erzählung "Uni-Roman" das zweite Buch Hartungs. Der Think Tank 30 Deutschland ist ein Netzwerk junger Leute um die 30, die sich mit Zukunftsfragen auseinandersetzen. Die Gruppe ist ein nationales Forum, das interdisziplinär und interkulturell ausgerichtet ist.
Dieser Artikel ist erschienen am 31.01.2008