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Der Dschungel-König

Von Dirk Heilmann, London
Je größer der Tarifwirrwarr im Mobilfunk, desto besser für Charles Dunstone. Dem Briten gehört Europas größte Ladenkette für Handys.
Der riesige, dunkelblaue Flachbau passt zum Namen des Unternehmens: Carphone Warehouse. Drinnen könnte man ein riesiges Hochregallager vermuten oder eben einen Handy-laden im Ikea-Format. Aber es handelt sich um die Firmenzentrale eines der erfolgreichsten englischen Jungunternehmer. Der blaue Kasten beherbergt zwei Großraumbüros, bei denen man kaum bis ans andere Ende sehen kann. Hunderte, meist junge Menschen in Jeans und Pulli bevölkern sie.Start-up-Atmosphäre? Da lacht der Chef und Gründer, Charles Dunstone. ?Wir haben heute unseren Dress-down-Tag und alle spenden für wohltätige Zwecke?, erklärt er. Nein, für Start-up-Flair ist Carphone Warehouse mit seinen rund 14 500 Beschäftigten zu groß. Aber nach Konzern sieht es auch nicht aus. Die Hierarchien sind flach, eine Chefetage gibt es nicht. Dunstone sitzt in einem schmalen Glaskasten neben dem oberen Großraumbüro. Von hier aus hat er alles im Blick.

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41 Jahre alt, untersetzt, mit blauen Augen und gescheitelten, mittelblonden Haaren, trägt er am Dress-down-Tag eine schwarze Anzughose und ein kleinkariertes, hellblaues Hemd mit offenem Kragen. Auf dem Tisch liegt ein Chef-Symbol: die goldfarbene Dolce & Gabbana-Version des Erfolgshandys Motorola Razr.Charles Dunstone ist Milliardär ? in Euro gemessen ? und ein britischer Vorzeigeunternehmer. Er betreibt die größte Handyladenkette Europas mit 1 700 Filialen, sein eigenes Festnetzunternehmen und will jetzt im Breitband-Geschäft angreifen. Am Dienstag werde er vor Analysten in London sein Konzept für eine Breitband-Offensive vorstellen, heißt es. Sie trauen ihm viel zu. Carphone werde das Breitband-Geschäft mit Kampfpreisen revolutionieren, sagt Mal Patel von der Investmentbank Merrill Lynch. Wie viele britische Unternehmer ist Dunstone ein Vollblutverkäufer. Wie Richard Branson, der unter seiner Marke ?Virgin? so verschiedene Produkte wie Zugtickets, Wein und Mobiltelefone verkauft. Wie Stelios Haji-Ioannou, der Gründer von Easyjet, der fast alles vom Leihwagen bis zum Pizzadienst ?easy? gemacht hat.Doch mit ihnen mag sich Dunstone nicht vergleichen. ?Ich bin gar kein richtiger Entrepreneur?, sagt er und meint es nicht kokett. Wirkliche Entrepreneure wollten eine Firma nach der anderen gründen. ?Ich wäre auch zufrieden gewesen, wenn ich Carphone Warehouse als Abteilung eines Konzerns aufgebaut hätte.?Aber an Unternehmergeist fehlt es ihm eigentlich nicht. Schon in der Schule verkauft er Feuerzeuge und Kugelschreiber an Kameraden. Seinen Studienplatz an der Uni Liverpool lässt er verfallen, arbeitet lieber als Verkäufer für den NEC-Konzern aus Japan und findet Gefallen an Autotelefonen, damals ein Nischenprodukt. Dunstone steigt aus und gründet 1989 als 25-Jähriger mit seinem Schulfreund David Ross Carphone Warehouse. ?Wir nannten es Warehouse, damit es nach günstigem Direktverkauf klang?, sagt er heute.Zuerst betreiben sie die Firma von der Wohnung aus und bauen die Telefone bei den Kunden ein. Bald reicht es für einen Laden in London. ?Nach zwei, drei Jahren bekamen wir das Gefühl, dass das ein echtes Geschäft wird?, sagt Dunstone. Als der Handyboom einsetzt, geht das Unternehmen ab wie eine Rakete.Das Geschäftsmodell: In den Carphone-Läden ? die im Ausland ?The Phone House? heißen ? werden die Kunden unabhängig beraten, welches Angebot für sie am günstigsten ist. Die Fachzeitung ?Retail Week? hat die Ladenkette gerade zum ?Einzelhändler des Jahres? gekürt. Carphone lotst die Kunden durch den Tarifdschungel der konkurrierenden Mobilfunkkonzerne ? je dichter das Unterholz ist, desto besser für den Dschungel-König: ?Wir fühlen uns auf reifen Märkten wie in Westeuropa am wohlsten.?Lesen Sie weiter auf Seite 2:In zehn Ländern ist das Unternehmen heute vertreten. In Deutschland hat es gerade den 100. Laden eröffnet und hat 1,3 Millionen Handykunden. Den Landesgesellschaften lässt Dunstone Leine. ?Wenn ich im Ausland in einen Laden gehe, erkennt mich da keiner?, sagt er, ?und das ist gut so.?Deutschland-Chef Ralf-Peter Simon beschreibt Dunstone als ?feinen Kerl, ein Typ von nebenan, wie ihn jeder gerne im Freundeskreis hat?. In Besprechungen löse er auch schwierige Konflikte mit Humor und dem Blick fürs Wesentliche.Die Konkurrenz hat gelernt, Dunstone nicht zu unterschätzen. In Großbritannien heizt er Marktführer British Telecom ordentlich ein. Mit der Marke ?Talk Talk? hat er nach der Übernahme der Anbieter Onetel und Tele 2 zehn Prozent Marktanteil im Festnetz. Der Hit: kostenlose Gespräche zwischen Talk-Talk-Kunden.Viel Zeit fürs Privatleben hat Dunstone nicht. Er lebt zwar als Junggeselle im schicken Londoner Stadtteil Holland Park, in den Klatschspalten der Hauptstadt-Presse aber findet er nicht statt. Seine Entspannung ist das Hochsee-Segeln. ?Wenn ich in einem Rennen am Steuer meines Boots stehe, dann habe ich keine Chance, an die Arbeit zu denken.? Die Pokale von Regatten schmücken die Wand hinter seinem Schreibtisch. 2003 siegte er mit seiner 23-Meter-Yacht im legendären Fastnet-Rennen über die Irische See. Er gewann eine Spezial-Rolex ? und spendierte jedem Team-Mitglied die gleiche Uhr. Teamwork ist ihm auch im Unternehmen wichtig. Etwa 2 000 Mitarbeiter haben Carphone-Aktien. ?Der gute Ruf des Unternehmens liegt in den Händen jedes Einzelnen?, lautet einer der fünf Leitsätze von Car-phone Warehouse.Manchmal macht sich Dunstone mit Blick auf das Großraumbüro Sorgen, dass sein Unternehmen zu groß werden könnte. Sein Schutz gegen das Konzerndenken: ?Ich muss eben versuchen, unvernünftig zu bleiben.?Vita Charles Dunstone1964
Er wird in einer Kleinstadt in Essex geboren. Einen Studienplatz in Liverpool tritt er nicht an. Stattdessen wird er Verkäufer beim japanischen Elektronikkonzern NEC.
1989
Nach vier Jahren gründet er mit seinem Schulfreund David Ross Carphone Warehouse, eine Firma zum Verkauf und Einbau von Autotelefonen. Nach einem Jahr eröffnen sie den ersten Laden im Londoner Stadtteil Marylebone.
1996
Sie gründen die ersten Auslandsfilialen in Paris und Dublin. Zwei Jahre später folgen Schweden und die Niederlande.
<2000
Carphone Warehouse, längst vor allem ein Handyhändler, geht an die Londoner Börse.
2003
Festnetzgespräche und Mobilfunkverträge kommen hinzu.
Dieser Artikel ist erschienen am 10.04.2006