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Der Drogeriekönig erweitert sein Reich

Von Chr. Schlautmann
Anton Schlecker gilt als einer der skurrilsten Einzelhändler. Seit einigen Jahren muss Schlecker herbe Rückschläge verkraften. In Deutschland stößt er mit seiner Drogeriekette an die Grenzen der Expansion. Wachstum schafft sein Unternehmen nur noch durch eine Methode.
Anton Schlecker. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Seine leitenden Angestellten bedenkt er gern mit Kalendersprüchen, vor Weihnachten geht in dem Drogerieimperium regelmäßig die Furcht um, vom Unternehmenschef einen Management-Fernkurs geschenkt zu bekommen. Die Villa des Familienoberhauptes im schwäbischen Ehingen schirmen nicht nur Mauer und Kamera ab. Auch mit Stacheldraht hält der Unternehmer allzu Neugierige auf Distanz. Seinen Fuhrpark zieren Automarken wie Aston Martin, Porsche und Ferrari. Und im Ländle sieht man ihn fast nie ohne eines seiner bunten Versace-Hemden.Anton Schlecker, 62, gelernter Metzger und mit einem von ?Forbes? geschätzten Vermögen von 3,8 Milliarden Dollar auf der heimischen Milliardärsliste auf Platz 24, gilt als einer der skurrilsten deutschen Einzelhändler ? und als mindestens ebenso geizig wie die Aldi-Gründer Theo und Karl Albrecht.

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Dabei kommt Europas Drogeriemarktkönig, der gestern die Übernahme von Ihr Platz verkündete und auf dem gesamten Kontinent mit 14 000 Läden zuletzt 6,9 Milliarden Euro umsetzte, aus denkbar kleinen und biederen Verhältnissen. Sein Vater, nach Berichten von Einheimischen wie der Sohn ein Autonarr und Geizkragen, betrieb in der Bahnhofstraße eine Metzgerei. Hinter der Theke bediente Schleckers Mutter, die vor drei Jahren im Alter von 90 Jahren starb, die schwäbische Kundschaft.Der Aufstieg von Anton Schlecker kam erst, als 1974 die Bindung des Einzelhandels an die Herstellerpreise fiel. Der findige Unternehmer öffnete seine erste Filiale im baden-württembergischen Kirchheim unter Teck, setzte auf Discountpreise und expandierte wie kein Zweiter.Statistisch gesehen ist in deutschen Städten alle drei Kilometer eine der in blau-weiß gehaltenen, schmucklosen Schlecker-Filialen zu finden. Und das Unternehmen sucht weiter nach Ladengeschäften. Jährlich werden europaweit rund 50 000 Angebote überprüft. Aktuell kontrolliert Schlecker 47 Prozent des deutschen Drogeriemarktes ? auch wenn er gestern in einer Pressemitteilung behauptete, es seien 70 Prozent. Das Unternehmen verdient längst nicht mehr nur mit klassischen Drogerieartikeln wie Shampoo, Körperpflege-Lotion, Haushaltsreinigern und Kräutertees sein Geld. Multimedia-Produkte gehören mittlerweile ebenso zum Angebot wie Staubsauger oder Konzertkarten für von Schlecker gesponserte Tourneen etwa der ?Jungen Tenöre?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Verdi als FeindbildIn der Öffentlichkeit ist wenig über Europas größte Drogeriekette mit mehr als 52 000 Mitarbeitern bekannt. Und noch weniger über den Chef selbst. Vor allem seit der Entführung seines damals 16-jährigen Sohns Lars und der 14-jährigen Tochter Meike 1987 meidet er die Öffentlichkeit. Fünf Millionen Euro Lösegeld wurden gezahlt. Die Kinder konnten sich selbst befreien. Erst elf Jahre nach der Entführung wurden die Täter gefasst und verurteilt.Als Feindbild gilt Anton Schlecker der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Deren Sprecher bezeichnen den Unternehmer schon mal als ?Tyrannen mit frühkapitalistischen Allüren?. Etwas über die Arbeitsbedingungen bei Schlecker kam 1998 ans Licht: Die Stuttgarter Justiz hielt Anton und seiner Ehefrau Christa ? einer selbstbewusst-energischen Fremdsprachenkorrespondentin aus Essen ? vor, Hunderte Mitarbeiter jahrelang unter Tariflohn bezahlt zu haben.Die Schleckers kassierten daraufhin eine zur Bewährung ausgesetzte Freiheitsstrafe wegen Betrugs und mussten zwei Millionen Euro für gemeinnützige Zwecke zahlen. Seit einigen Jahren muss Schlecker herbe Rückschläge verkraften. In Deutschland stößt er an die Grenzen der Expansion. Wachstum schafft sein Unternehmen nur noch durch immer neue Läden, die zusätzliches Geld kosten.Hinzu kamen Fehler in der Sortimentsgestaltung. Vor wenigen Jahren schwatzte ihm eine Unternehmensberatung auf, zusätzlich zu Haarspraydosen und Deorollern Lebensmittel in die Regale zu stellen. ?Ein hanebüchener Blödsinn?, urteilt ein Handelsexperte. Inzwischen hat Schlecker dies eingesehen, führt Lebensmittel aber noch. ?Food war ein Fehler, das können Lidl & Co. besser?, bereute er in einem Interview.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.10.2007