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Der dritte Anlauf

Georg Weishaupt
Theo Müller versucht, seine Nachfolge im Milchkonzern zu regeln – wieder einmal. Wären nicht Informationen aus einem internen Schreiben nach außen gelangt, die Öffentlichkeit bliebe weiter im Dunkeln über den künftigen obersten Chef des bayerischen Molkerei-Konzerns Müller-Milch.
Theo Müller plant seine Nachfolge im Milchkonzern. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Kein Lebenslauf, keine noch so dürre Pressemitteilung. Erst nach mehrmaligem Nachfragen ein bescheidenes Porträtfoto im Brustbild-Format: wie ein Staatsgeheimnis wird die Personalie Christoph Weiß gehütet.Über das Branchenblatt ?Lebensmittelzeitung? sickerte aber der Name Weiß durch. Und dass der promovierte Diplomkaufmann seit einem Jahr den Beirat von Müller-Milch leitet. Hauptberuflich führt der 50-Jährige mit der jugendlich-ovalen Brille und dem forsch in die Stirn gekämmten Haar derzeit den Werkzeugmaschinenhersteller TTS Tooltechnic Systems AG im schwäbischen Wendlingen. Wer weiter gräbt, entdeckt seine Vergangenheit als McKinsey-Berater und als Autor des Buches ?Verdammt zur Spitzenleistung?, das sich an Familienunternehmer wendet, die ihr Lebenswerk sichern wollen.

Die besten Jobs von allen

Aber warum diese Geheimniskrämerei? Gut, Müller-Milch sucht ohnehin nie das Licht der Öffentlichkeit. Doch in Sachen Weiß gibt sich das Unternehmen noch verschlossener, geht es doch um einen der schwierigsten Jobs der Lebensmittelindustrie ? und einen der spannendsten: Weiß soll ab heute als geschäftsführender Gesellschafter das Lebenswerk des bayerischen Unternehmers Theo Müller senior sichern. Keiner konnte es dem Firmeninhaber bisher recht machen. Von ?Machtbesessener" über ?legt auf fremde Meinungen keinen Wert? bis ?Choleriker? reichen die Beschreibungen von einigen, die den kleinen, energischen Mann näher kennen gelernt haben. Er sei ?ehrlich, schnörkellos und bodenständig?, sagen andere.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Respekt für die unternehmerische LeistungAber überall findet seine unternehmerische Leistung großen Respekt. Längst dominieren die silbernen Stahltanks und die Fabrikgebäude für Milchreis und den Joghurt mit der Ecke das bäuerliche Dorf Aretsried, westlich von Augsburg. Müller hat die Mini-Molkerei seit Anfang der 70er-Jahre zu einem Milchriesen geformt. Zum Unternehmen gehören Handelsmarken, die Premiumlinie Weihenstephan sowie Werke in Aretsried, England und Europas größte Molkerei in Leppersdorf bei Dresden. 2005 stieg der Umsatz nach eigenen Angaben von 1,97 auf 2,09 Milliarden Euro. Über den Gewinn wird geschwiegen. Außerdem will Müller privat mit Ex-Großbäcker Heiner Kamps einen weiteren Lebensmittelkonzern starten. Erster Bestandteil: die Fischrestaurant-Kette Nordsee. Längst munkelt die Branche, die Kamps-Bäckereien, die der Gründer an den Nudelkonzern Barilla verkaufte, sollen das nächste Puzzle-Teil werden.Nun fällt es dem 66-jährigen Müller aber schwer, sein Lebenswerk in andere Hände zu geben. Sein Pressesprecher und Chefjustiziar Thomas Bachofer formuliert das so: ?Herr Müller ist eben Unternehmer aus Leidenschaft.? Der Patriarch selbst, der nur selten Interviews gibt, will sich nicht äußern.Weiß ist bereits der dritte Versuch, die Nachfolge zu regeln. Kenner des Unternehmens sind skeptisch: ?Müller sucht so etwas wie die Eier legende Wollmilchsau?, sagt ein Headhunter, der mehrmals für ihn arbeitete. Die Kandidaten sollen sich in der Branche auskennen, Format haben und sich unterordnen.Vor drei Jahren war Müller wild entschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen ? privat und geschäftlich. Um die Hürden der deutschen Erbschaftsteuer zu umgehen (?Ich werde enteignet?), zog er mit Lebenspartnerin Ines Hüvel und den beiden gemeinsamen Kindern von Aystetten bei Augsburg in die Schweiz. Dort residiert er seitdem in einer Villa in Erlenbach am Zürichsee. Hüvel, die auch die Firmenzentrale in Aretsried gestaltete, betreibt in Erlenbach die Kunstgalerie Art Academy.Die Geschicke seines Unternehmens überließ er externen Geschäftsführern. Das Team, vier Profis aus der Lebensmittelindustrie, harmonierte wohl recht gut. Müller, der immer alle Zahlen parat hat, wurmte es aber, wie zu hören ist, dass sein Rat in der Firmenzentrale nicht mehr so gefragt war. Einen Umsatzeinbruch nutzte er 2004, um sich wieder ins Geschäft einzuschalten.In kurzer Zeit trennte er sich von allen vier Geschäftsführern: Personalvorstand Falk Pössnecker, heute Personalchef der Gedas AG; Finanzvorstand Klaus Rättig kümmert sich jetzt um die Finanzen von Karstadt Kompakt; Produktionsvorstand Ingo Finger arbeitet heute als Unternehmensberater; zuletzt wechselte Konzernchef Thomas Hinderer an die Spitze des Getränkekonzerns Eckes.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Der zweite AnlaufIm zweiten Anlauf versuchte es der durchsetzungsstarke Unternehmer, der 1995 sogar seinen Entführern entkam, mit seinen Söhnen. Stefan, 38, gehört als Leiter des größten Werkes in Leppersdorf bei Dresden zur Geschäftsführung. Und Theo Müller junior, 33, dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, kümmert sich um Produktion und Technik.Gleichzeitig hat der Senior mit Edgar Lange (Finanzen), Christian Hennerkes (Personal) und Axel Dietz (Marketing, Vertrieb) drei Branchenfremde in die Firmenspitze geholt. Auch dieses Modell scheint nicht nach Müllers Geschmack zu funktionieren. Vor allem der Übergang vom erfahrenen Produktionschef Ingo Finger auf den noch jungen Müller junior bereitet wohl Probleme. Der Sohn wechsele in die Schweizer Holding, ist zu hören. Headhunter suchten bereits einen Nachfolger. Unternehmenssprecher Bachofer will dies nicht bestätigen.Nun also der Branchenfremde Christoph Weiß. Der kommt erst mal nur in Teilzeit, ?immer nur für eine halbe Woche?, wie Bachofer verrät. Denn sein Vertrag als TTS-Chef läuft noch bis Ende 2007. So lange will Müller aber nicht warten.Der Neue, der sich zu seiner neuen Aufgabe nicht äußert, hat einiges zu tun. Dem Unternehmen geht es zwar gut. Aber nach Meinung von Fachleuten hat es Müller, wie andere deutsche Molkereien, versäumt, neben den starken Positionen in Großbritannien und Italien in anderen Ländern Marktanteile aufzubauen. Außerdem fehle es an neuen, umsatzstarken Produkten, um gegen die Danones dieser Welt anzukommen.Manchmal sehen ihn die Leute aus Aretsried, wenn Müller senior mit dem Auto durchs Dorf fährt. ?Hier hat er aber heute kaum noch Kontakt?, sagt Karl Jenuwein im ölverschmierten Blaumann, der einen Landtechnikbetrieb führt und ?als Bub? für Müller arbeitete. Andere erzählen, dass es im Dorf Neider gebe, weil es der Mann, der früher selbst in Stiefeln und Gummischürze Milch auflud, so weit geschafft habe. Josef Fischer, Bürgermeister von Fischach, zu dem Aretsried gehört, freut sich, dass Müller, der Posaune und Geige gelernt hat, ?Musikkapellen und Sportvereine unterstützt?.Auch bei Gehältern gilt Müller, der durchaus charmant sein kann, als spendabel. So ließ sich schon mancher ins grüne Hügelland von Aretsried locken.Ob er selbst mal dorthin zurückkehren wird, ist offen. Sein Schweizer Wohnsitz könnte seine steuerliche Attraktivität einbüßen: Das Zürcher Kantonsparlament hat jüngst beschlossen, die günstige Pauschalbesteuerung für vermögende Ausländer unter die Lupe zu nehmen.Aber auch, wenn er im vornehmen Erlenbach wohnen bleibt: Als aktiver Aufsichtsratschef wird er die Arbeit von Christoph Weiß in Aretsried genau verfolgen. Peter May, Chef der Intes-Akademie für Familienunternehmen in Bonn, ist deshalb skeptisch, ob mit dem heutigen Tag eine neue Ära bei Müller-Milch beginnt: ?Ich bezweifle, dass Herr Weiß eine Halbwertzeit von mehr als einem Jahr hat.?Mitarbeit: Oliver Stock
Dieser Artikel ist erschienen am 03.07.2006