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Der Dornröschenerwecker

Von Christoph Nesshöver
Ebenso behutsam wie erfolgreich modernisiert Georg Thaller den Töpfehersteller Fissler. Mit exklusivem Kochgeschirr begeistert das Unternehmen mittlerweile auch anspruchsvollste Kunden. Mit Erfolg: Die Traditionsmarke verkauft bald mehr in Asien als in Deutschland.
Erfolgsgarant: Georg Thaller (links), hier mit Wirtschaftsminister Michael Glos, machte aus Fissler eine wahrhaft hochkarätige Marke. Foto: PR
FRANKFURT. Der Cop, der den teuersten Kochtopf der Welt bewacht, trägt goldverspiegelte Sonnenbrille und goldenen Schlagstock zur goldenen Uniform. In null Komma nichts stehen gut 100 Passanten vor dem Schaufenster von Karstadt auf der Zeil in Frankfurt, als er seinen Dienst antritt. 739 Gramm Gold und 270 Diamanten verzieren die Pretiose in seiner Obhut. Mal wienert er das gute Stück, mal droht er allzu neugierigen Fans mit dem Zeigefinger. Was für eine Show.?Das mit dem ,Cop? ist sehr gut?, sagt Georg Thaller und federt zwischen Schaufenster und Schaulustigen hin und her. ?Es muss etwas passieren, damit es nicht langweilig wird.? Der Edeltopf stammt von Fissler, und erdacht hat ihn der Chef persönlich. ?Ich habe vor einiger Zeit im Radio gehört, dass Stars wie David Beckham an ihren Autos Felgen mit Diamanten haben. Da habe ich mir gedacht, so was kann Fissler doch auch.? Schließlich stammt Fissler ja auch aus der Edelsteinmetropole Idar-Oberstein. Gesagt, getan.

Die besten Jobs von allen

Pfiffig, aber behutsam schiebt Thaller die Marke in die Zukunft, seit er vor fünf Jahren die Geschäftsführung übernahm. Er modernisierte die etwas großmütterliche Produktpalette und internationalisierte die Traditionsmarke mit so großem Erfolg, dass der Umsatz in Asien in diesem Jahr den in Deutschland übersteigen dürfte. Auf der ?Ambiente? ? mit 4 600 Ausstellern die größte Konsumgütermesse der Welt, die heute schließt ? gehört die Marke Fissler auch ohne diamantenbesetzte Töpfe zu den Stars.Innerhalb von fünf Jahren hat Thaller den Umsatz von 112 Millionen Euro auf 152 Millionen Euro getrieben. ?Das vergangene Geschäftsjahr war das erfolgreichste der Firmengeschichte?, sagt Thaller ? und das will etwas heißen in 163 Jahren. Gegründet bereits 1845, schrieben die Fisslers mit Erfindungen wie der Gulaschkanone (1892), dem Schnellkochtopf (1953) und Topfgriffen, die nicht mehr heiß werden (1983), Koch-Geschichte.Doch in den 90er-Jahren war der graue Geist des Linoleums, der viele Gänge am Firmensitz am Idarbach auf ewig zu versiegeln scheint, etwas zu mächtig geworden. Die Eigentümerfamilie Fissler, die bis heute 100 Prozent der Firmenanteile hält, suchte einen sanften Geisteraustreiber ? und fand ihn in Georg Thaller.Der hatte gerade seinen Job bei Melitta selbst abgeschafft. Thaller prüfte ein neues Geschäftsfeld: Gäbe er grünes Licht, hätte er sich selbst einen Geschäftsführerposten schaffen können, erzählt sein damaliger Kollege Peter Weichert. Thaller analysierte ? und riet seinem Arbeitgeber ab: nicht lukrativ. Und verstellte sich so seinen eigenen Aufstieg.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ?Qualität, Qualität, Qualität?Der kam 2003 bei Fissler. Der erste Eindruck des neuen Chefs? Er fand eine ?Marke mit großem Potenzial? vor, sagt Thaller. Eine, die jedoch auch ein wenig dem Dornröschen ähnelte, das wachgeküsst werden wollte. So ein Märchenprinz braucht recht viel Charme, und küssen darf er nur ganz sanft, schon weil er den Hofstaat nicht überrumpeln darf. Das gelang Thaller. ?Er ist kein Zug, der die Anhänger vergisst, wenn er aus dem Bahnhof dampft?, sagt Ex-Kollege Weichert.Langsam, aber entschlossen zog ?Prinz Georg? Fissler aus dem Bahnhof Heimatmarkt hinaus in die Welt. Mit der Maxime ?Qualität, Qualität, Qualität? und dem Siegel ?made in Germany?, das auf dem Boden jedes Topfes und jeder Pfanne prangt, ist Fissler heute in 70 Ländern präsent ? oft als Luxusmarke.Das gilt besonders für Asien. In Südkorea wird Fissler wie selbstverständlich in einem Atemzug mit Gucci, Prada und Rolex genannt. In China inszeniert Thaller Fissler als Lifestyle-Marke ? samt Werbespots, in denen Models in roten BHs Töpfe schwenken. In Schanghai brach einst der Verkehr zusammen, weil Autofahrer einen riesigen Tannenbaum aus Fissler-Töpfen anstarrten. Und im ?schwierigen Markt? USA ist die Marke vergangenes Jahr ebenfalls erfolgreich gestartet.Daheim in Deutschland sind die Wachstumsraten ? in Korea schaffte Fissler 2007 ein Umsatzplus von elf Prozent ? viel moderater. Doch hier hilft der Trend: Mit Alfred Biolek fing es an, nun gibt es fast mehr Kochshows im Fernsehen als Nachrichtensendungen. Die Kunden kaufen wieder Qualität ? auch wenn das fünfteilige Fissler-Töpfe-Set ?Intensa? bei Karstadt 479 Euro kostet.Um die Kundschaft zu locken, verpflichten die Topfmacher die Herd-Promis: Jamie Oliver tritt für Tefal an, Johann Lafer für Fisslers Hauptkonkurrenten WMF. Thaller hält mit dem Mainzer Frank Buchholz dagegen. Der kochte auf dem Fissler-Stand bei der ?Ambiente? nicht nur Fisch mit Bundeswirtschaftsminister Michael Glos. Er erkochte sich jüngst auch seinen ersten Stern ? natürlich mit Fissler-Werkzeug. Denn: ?Töpfe und Pfannen sind Werkzeuge, keine Spielzeuge?, sagt Georg Thaller.Thallers liebstes Werkzeug ist das Marketing. Wenn der Fissler-Chef ?Ich komme aus dem Vertrieb? sagt, klingt es wie ein Glaubensbekenntnis. Für Ferrero putzte er einst Kundenklinken in München. Er kennt die Tricks. Als er während der Messe ?inkognito? beim Kaufhof in Frankfurt vorbeischaute, schärfte er seinem zuständigen Vertriebler ein, dem Großkunden nichts zu sagen ? aber der petzte dennoch: Der Fissler-Auftritt war natürlich blitzblank. Ärger? I wo. ?Ich hätte es genauso gemacht?, sagt Georg Thaller und lacht.Keinen Spaß versteht er hingegen, wenn er die Qualität gefährdet sieht. Als ihm ein Kunde auf der Ambiente vorhält, dass die neue Luxus-Topfserie ?Solea? eigentlich zu spät starte ? sie kommt im Frühsommer ?, wird Thaller ernst: Fissler-Produkte kämen erst auf den Markt, wenn sie auch wirklich spitze seien. Dafür verzichtet Thaller auch mal einige Monate lang auf Umsatz.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Spülmaschinenfeste DiamantenDass es in ihm manchmal kocht wie in einer Kasserolle, verraten seine Füße und Hände. Als er auf der Messe mit einem Großkunden über die jüngste Werbung ? Thaller: ?Treuepunktaktionen machen wir nur, wenn es der Marke nicht schadet? ? der Werhahn-Marke Zwilling mit der Handelskette Rewe diskutiert, wippt sein Fuß unter dem Tisch im verärgerten Stakkato.In der Einsatzbesprechung für den goldenen Cop bei Karstadt auf der Zeil lässt Thaller einen Flaschenöffner immer wieder durch die Hände flutschen. So wenig Zeit und noch so viel zu verkaufen.Apropos verkaufen: Den teuersten Topf der Welt gibt es natürlich ebenfalls bei Fissler zu kaufen. Preis? 150 000 Euro. Lieferzeit? Nur sechs Wochen, sagt Georg Thaller.Und was passiert mit den 270 Diamanten und dem ganzen Gold in der Spülmaschine? ?Der Topf ist natürlich spülmaschinenfest.?Keinen Spaß versteht er hingegen, wenn er die Qualität gefährdet sieht. Als ihm ein Kunde auf der Ambiente vorhält, dass die neue Luxus-Topfserie ?Solea? eigentlich zu spät starte ? sie kommt im Frühsommer ?, wird Thaller ernst: Fissler-Produkte kämen erst auf den Markt, wenn sie auch wirklich spitze seien. Dafür verzichtet Thaller auch mal einige Monate lang auf Umsatz.Dass es in ihm manchmal kocht wie in einer Kasserolle, verraten seine Füße und Hände. Als er auf der Messe mit einem Großkunden über die jüngste Werbung ? Thaller: ?Treuepunktaktionen machen wir nur, wenn es der Marke nicht schadet? ? der Werhahn-Marke Zwilling mit der Handelskette Rewe diskutiert, wippt sein Fuß unter dem Tisch im verärgerten Stakkato.In der Einsatzbesprechung für den goldenen Cop bei Karstadt auf der Zeil lässt Thaller einen Flaschenöffner immer wieder durch die Hände flutschen. So wenig Zeit und noch so viel zu verkaufen.Apropos verkaufen: Den teuersten Topf der Welt gibt es natürlich ebenfalls bei Fissler zu kaufen. Preis? 150 000 Euro. Lieferzeit? Nur sechs Wochen, sagt Georg Thaller.Und was passiert mit den 270 Diamanten und dem ganzen Gold in der Spülmaschine? ?Der Topf ist natürlich spülmaschinenfest.?
Dieser Artikel ist erschienen am 12.02.2008