Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Dompteur des Raubtiers namens ?Bild?

Von Claus Larass
?Bravo?, ?Bild?, ?Welt?, ?Bunte?: Peter Boenisch, einer der großen Blattmacher der Nachkriegszeit, ist gestorben. Er war ein Publizist, der sich nie einordnen ließ, der sich Feinde machte, um sich später mit ihnen auszusöhnen und sie zu verteidigen.
Peter Boenisch. Foto: dpa
Die Trauerrede hält Bundeskanzler Gerhard Schröder und ehrt damit einen Publizisten, der sich nie einordnen ließ, der als Chefredakteur von ?Bild? eine Hassfigur für Studenten und Intellektuelle in den 60er- und 70er-Jahren war, sich später mit vielen von ihnen aussöhnte und manche sogar gegen neue Angriffe von rechts verteidigte.Manchmal sah man ihn am Tegernsee im Auto sitzen, zwischen zwei Terminen schrieb er einen seiner populären Kommentare. Wenn die Zeit drängte, schrieb er auch im Restaurant. Dann nahm er die Rückseite der Speisekarte oder eine Papierserviette. In den letzten Wochen schrieb er im Krankenbett. Seine letzte Kolumne trug den Titel ?Danke, Kanzler?.

Die besten Jobs von allen

Er hat alles gehabt im Leben und manchmal mehr, als ihm lieb war. ?Ich bin wie ein Liftboy?, sagte er einmal, ?mal geht es nach oben und dann wieder hinab.? Zwischenstationen gab es selten, Mittelmaß nie. Mit 17 erhielt er als Fallschirmjäger das Eiserne Kreuz an der Front gegen die Russen, mit 77 das Große Bundesverdienstkreuz für die Aussöhnung mit Russland.Mit Axel Springer verband ihn eine enge Freundschaft, die Nachfahren warfen ihn in einer würdelosen Aktion aus dem Haus. Als Regierungssprecher gab er der CDU/FDP-Regierung von Helmut Kohl Weltläufigkeit und Glanz, ein Steuerverfahren zwang ihn nach 18 Monaten zum Rücktritt.Freunde blieben ihm das Leben lang verbunden, die Gegner wechselten, geringe waren es nie: Erst die Studentenbewegung von 1968, dann schrieb Heinrich Böll den dünnen Band ?Bild, Bonn, Boenisch?, in den letzten Jahren misstrauten ihm eher Teile der Konservativen.Peter Boenisch wurde 1927 in Berlin geboren. Seine Mutter war Russin, sein Vater Ingenieur. Berlin blieb seine Sehnsucht, die sich nicht stillen ließ. Als er mit 70 zum ersten Mal Vater wurde, kaufte er sich am Botanischen Garten ein Haus. Auch seine Kinder sollten in der Stadt aufwachsen, wo er Kind war.Boenischs Karriere spiegelt die Nachkriegszeit wider. Die Menschen waren hungrig auf ein neues Leben, und sie waren jung. Rudolf Augstein gründete mit 24 den ?Spiegel?, Axel Springer mit 35 seinen Verlag. Peter Boenisch schrieb mit 18 in Berlin für die ?Allgemeine Zeitung?, bekam seinen ersten Chefredakteursvertrag mit 22 in Rendsburg, übernahm mit 28 Jahren die ?Revue? in München, gründete die Jugendzeitschrift ?Bravo? und war erst 34, als ihn Axel Springer mit der Leitung der ?Bild? betraute. Das Raubtier Bild hatte seinen Dompteur gefunden. Das Massenblatt war schon vor ihm groß, durch ihn erhielt es Charakter. ?Der Mond ist jetzt ein Ami? titelte Boenisch nach der Mondlandung der Amerikaner 1969. Die Auflage kletterte auf fünf Millionen.Mitte der 60er-Jahre änderte sich das Klima in Deutschland. Die SPD wurde hoffähig. Sie ließ sich nicht mehr als verlängerter Arm des Kreml diskriminieren (?Ollenhauer sät, und Moskau erntet?). Die Jungen in den Unis stellten die Nachkriegsordnung in Frage: ?Unter den Talaren der Muff von 1 000 Jahren.?In diesen Jahren vollzog sich der Bruch des Medienkonzerns Springer mit einem großen Teil der bundesdeutschen Gesellschaft. Lag es an der zunehmenden Isolierung Axel Springers, an der Verletzung seines ästhetischen Anspruchs durch die Demonstranten, oder gehört es zum Wesen eines Massenblatt-Verlages, alles Neue erst einmal abzulehnen, weil das vermeintliche Volk eher beharrend ist?Man prügelte munter aufeinander ein. Für ?Bild? waren die Studenten ?Jungrote? und ?politische Spinner?. Die Demonstranten forderten ?Enteignet Springer?. ?Bild?-Fahrzeuge gingen in Flammen auf, im Hamburger Springer-Haus explodierten später zwei Bomben.Die Auflage ging zurück und Peter Boenisch gab Anfang der 70er-Jahre seinen Chefposten bei ?Bild? ab. Er bekannte sich zu diesem Abschnitt seines Lebens: ?Ich handelte aus Überzeugung und die anderen eben auch. So konnten wir uns später wieder in die Augen schauen, hatten Respekt voreinander.?Die nächsten Posten erscheinen im Rückblick eher als Episoden. Als Chefredakteur versuchte er die ?Welt? zu entstauben. Auch bei ?Bunte? gab er ein kurzes Gastspiel.Dennoch genoss Peter Boenisch in den nächsten Jahrzehnten hohe Achtung bei Journalisten, Politikern und Unternehmern. Er gründete mit Michail Gorbatschow den ?Petersburger Dialog?, um die deutsch-russische Aussöhnung zu fördern.1998 heiratete er in dritter Ehe die Journalistin Julia Schramm. Da war er 70 Jahre alt. Zwei Töchter wurden geboren. Eine Ehe voller Liebe und ein Vater, der mit kaum verhüllter Zärtlichkeit über die Erlebnisse mit seinen Kindern erzählte.Das schier Unfassbare: Vergangenes Jahr stirbt Julia Boenisch. Peter Boenisch zieht an den Tegernsee, um seinen Töchtern Heimat und Vertrautheit zu geben. ?Mit 70 bin ich Vater geworden, und mit 77 Mutter?, sagte er. Er wollte nicht bemitleidet werden. Dazu war er zu stolz.Er legte alle Ämter nieder, auch den Vorsitz des ?Petersburger Dialogs?. Gorbatschow schrieb ihm: ?Durch unser gemeinsames Wirken haben wir die Arbeit des ,Petersburger Dialogs? in Gang gebracht und uns dabei ausgezeichnet verstanden. Es ist verständlich, dass deine Töchter jetzt viel mehr bekommen sollen. Ich umarme dich!?Als Boenisch den Brief erhielt, wusste er schon von dem zerstörerischen Krebs in seinem Körper.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.07.2005