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Der Diplomat tritt ab

Von M. Fasse, J. Hofmann; Handelsblatt
Nach fast 35 Jahren in Diensten von Daimler übergibt Manfred Gentz das Finanzressort an Bodo Uebber.
FRANKFURT/M. Sein verschmitztes Lausbuben-Lächeln ist bei offiziellen Auftritten selten zu sehen. Manfred Gentz trägt ohne viel Mimik vor, korrekt, nah an den Fakten und mit wenig Raum für Interpretationen. ?Er ist bei Gesprächen zu hundert Prozent konzentriert, Beiläufigkeiten gibt es bei ihm nicht?, sagt einer, der ihn seit Jahren kennt.Und dann das: Am 28. Oktober, exakt sieben Wochen vor seinem letzten Tag als Finanzchef des Daimler-Chrysler-Konzerns, rutscht ihm scheinbar unbedacht ein Satz heraus. ?Alle Alternativen müssen in Betracht gezogen werden?, sagt er über die Kleinwagenmarke Smart auf einer Analystenkonferenz. Alle. Das heißt: auch der Verkauf oder das generelle Aus.

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Beiläufig und unbedacht? Niemals, sagen jene, die ihn kennen. Gentz, der Stratege, habe die mutmaßlich letzte Möglichkeit genutzt, um vor Analysten und Journalisten ?aus seiner Sicht eine Botschaft zu senden?. Sie hieß: Smart ist ein Verlustbringer, passt nicht ins Konzerngefüge. Vielleicht hat er dabei in sich hineingelächelt. Gesehen hat es niemand ? es war eine Telefonkonferenz.Das lautstarke Dementi eines möglichen Endes von Smart überließ der stets elegant gekleidete und eher ruhige Gentz anderen. Daimler-Chef Jürgen Schrempp beeilte sich aufgebracht, höchstselbst seinen Finanzchef zu korrigieren. Es war nicht das erste Mal, dass die beiden Spitzenmanager nicht einer Meinung waren. Doch das erste Mal, dass es deutlich wurde.Gentz und Schrempp ? ein Duo wie Wasser und Feuer, hier der zurückhaltende Pflichtmensch, da der Visionär und Lebemann ? werden am heutigen Donnerstag ihren letzten gemeinsamen Arbeitstag haben. Gentz verabschiedet sich nach fast 35 Jahren bei Daimler in den Ruhestand. Gemeinsam traten sie 1995 an der Spitze bei Daimler an. Und während Gentz in seinem Finanzressort nach Altlasten aus der Ära des ?integrierten Technologiekonzerns? suchte, bastelte Schrempp an der Strategie der ?Welt AG? Daimler.Als Schrempp drei Jahre später die ?Ehe, die im Himmel geschlossen wurde?, verkündete, hielt sich Gentz im Hintergrund. Der Fusion mit Chrysler folgte die Übernahme des Kleinwagenprojektes Smart, die Beteiligung am japanischen Autokonzern Mitsubishi und die Zusammenarbeit mit dem koreanischen Autobauer Hyundai. Alles, so verkündete der Daimler-Chef, im Sinne des Shareholder-Values, zum Wohle der Aktionäre also.Finanzvorstand Gentz war es schließlich, der die Folgen der Einkaufstour und der himmlischen Ehe, den Milliardenschwund an Aktionärsvermögen, verbuchen und präsentieren musste. Nun, da sich die Zahlen zunehmend bessern, wird sie ein anderer verkünden: Bodo Uebber. Der 45-Jährige ist Chef der Daimler-Chrysler Services AG und seit Dezember vergangenen Jahres stellvertretendes Vorstandsmitglied im Konzernvorstand. Der diplomierte Wirtschaftsingenieur war zuvor viele Jahre in der Raumfahrtindustrie tätig.Er löst einen Mann ab, der dem Konzern auf verschiedenen Vorstandsposten diente. Gentz entwickelte als Arbeitsdirektor Modelle flexibler Arbeitszeiten und stellte als oberster Kassenwart von Daimler-Chrysler die Bilanzen auf ? stets preußisch pflichtbewusst.In allen Wirren blieb er immer der seriöse Finanzexperte. Sachlich und korrekt breitete der gelernte Jurist Gentz vor Aktionären und Analysten die zuweilen trostlose Realität des deutsch-amerikanischen Abenteuers aus. Er beschönigte nichts und erntete dafür in der Finanzgemeinde ehrlichen Respekt. Nur Spötter versuchten, ihm den Stempel der ?personifizierten Gewinnwarnung? aufzudrücken.An seiner Glaubwürdigkeit änderte das nichts. Im Unternehmen umgibt ihn die Aura des Unnahbaren eines Diplomaten. Er braucht keine großen Gesten, um seinen Willen durchzusetzen. Wer mit ihm zusammenarbeitet, spürt den Druck, den er ausübt, auch so.Selbst schwierigste Aufgaben löst Gentz leise. So war er Ende der neunziger Jahre genau der Richtige, um eine der heikelsten Missionen in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte zu bewältigen: Er wurde an die Spitze der Stiftung zur Entschädigung der NS-Zwangsarbeiter gestellt. Gentz bewältigte die Herausforderung ohne jegliches falsches Pathos. Der Flüchtlingssohn empfand den Auftrag als moralische Verpflichtung. Nach zähen Verhandlungen stellten die deutschen Unternehmen Milliarden zur Entschädigung zur Verfügung ? im Gegenzug erhielten sie Rechtssicherheit. Gentz hat auch diese Aufgabe gemeistert und übergibt jetzt seinem Nachfolger Uebber ein wohl geordnetes Vorstandsressort. Eigentlich könnte sich der 62-Jährige dem Müßiggang widmen. ?Aber das würde absolut seinem Charakter widersprechen?, sagt ein Vertrauter.Der Pensionär hat längst vorgesorgt. Am 19. April soll er an die Spitze des Verwaltungsrats von Zurich Financial Services (ZFS) gewählt werden. Um keine Interessenkonflikte heraufzubeschwören, muss er sich von anderen Aufgaben trennen. Er hat angekündigt, dass er sein Mandat im Aufsichtsrat der Hannoverschen Lebensversicherung ebenso abgibt wie das im Aufsichtsrat der Zürich Beteiligungs-Aktiengesellschaft.Der Posten bei ZFS ist wohl der wichtigste in seiner zweiten Karriere, aber nicht der einzige. Im Mai wird er Aufsichtsrat beim Sportartikelhersteller Adidas. Und seit Oktober ist er Präsident der Internationalen Handelskammer Deutschland. So wird er häufiger nach Paris zum Hauptsitz der Dachorganisation der Handelskammern reisen. Auf die Besuche in der Museumsstadt freut sich der Kunstkenner besonders.Doch sein Herz gehört weder Paris noch Stuttgart, sondern seiner Heimatstadt Berlin. Da koordinierte er den Wiederaufbau des Potsdamer Platzes, in seinem Berliner Haus wird der Vater zweier erwachsener Kinder wieder mehr Zeit verbringen. Und er wird sich stärker an der Technischen Universität im Verwaltungsrat engagieren. Eigentlich wollte er, der von sich sagt, dass ihm Machtstreben völlig fremd sei, Wissenschaftler werden, gestand er vor kurzem. Eine Managerkarriere war nicht geplant. Sie war eher zufällig ? getrieben von der Pflichterfüllung.
Dieser Artikel ist erschienen am 16.12.2004