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Der die Welt schmiert

Von Christoph Hardt
Ernst Prost hat aus dem kleinen Ölunternehmen Liqui Moli ein global tätiges Unternehmen geformt. Wer zwei Minuten mit dem Mann verbringt, wird jede Angst vor der Globalisierung verlieren.
MÜNCHEN. Doch damit hat der gelernte KFZ-Mechaniker seinen Weg gemacht ? und was für einen. Durch dick und dünn ist er für seine Aufträge gegangen, an einer Tankstelle in der jordanischen Wüste sogar durch knöcheltiefen Ölschlamm. Für seinen Kalender hat er halbnackte Models in Werkstattumgebung fotografiert ? auch nicht schlecht. Und seine Werbespots hat er beim Araberfernsehen Al Dschasira untergebracht.Es gibt sie also noch, die deutschen Unternehmer. Aus einem verträumten Nischenanbieter hat Ernst Prost binnen weniger Jahre ein in 81 Ländern aktives Mittelstandsunternehmen geformt, das 200 Mitarbeiter beschäftigt, 100 Millionen Euro Umsatz erzielt und, weil er für die Formel 1 ziemlich viel Geld locker macht, im vorigen Jahr drei Millionen Euro verdient hat. Das Ende der Verschuldung ist auch so schon absehbar. Die Firma heißt Liqui Moly.

Die besten Jobs von allen

?Wir machen so viel wie nur möglich selbst?, sagt der Chef und lacht. Ernst Prost lacht viel, da kann der Ölpreis sogar die Marke von 60 Dollar überschreiten, was ihm und seiner Firma wehtut. Egal, Prost bleibt ein freundlicher Mann, er kann herrliche Geschichten erzählen. Doch eines ist auch klar: Ohne ein erkleckliches Maß an Härte wäre dieser Geschäftsmann nicht das geworden, was er heute ist. ?Ohne Vorkasse geht hier kein Container raus.? Der Cash-Flow soll ordentlich sein.Prost ist 1957 in Altötting geboren. Der Vater Maurer, die Mutter Fabrikarbeiterin, Prost ist ein Flüchtlingskind. ?Die haben geschafft bis aufs Blut, ich wollte da raus?, sagt er. Er bringt es immerhin zum Realschulabschluss, doch aus der Banklehre wird nichts ? damals zählt Herkunft noch etwas in Bayern. So lernt er KFZ-Mechaniker, das ist auch ein Traumberuf. Nur: Er ölt sich nicht gerne die Finger ein.Er spürt, dass er lieber mit den Kunden redet, statt in einer Werkstatt an ihren Autos zu schrauben. Darum wechselt er, kaum ist die Lehre vorbei, zum Politurhersteller Sonax. In den Außendienst. Verkaufen wird sein Metier, ein paar Jahre, und der kräftige Mann aus Altötting hat sich zum Verkaufsleiter hochgeschafft.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Zuhören lautet das Geheimnis.?Sie müssen hingehen und zuhören, dann noch eine Portion Bescheidenheit, am Ende haben sie das Vertrauen des Kunden gewonnen?, erläutert er sein Erfolgsgeheimnis. 1990 wechselt er zur Konkurrenz nach Ulm, die Firma heißt Liqui Moly.Fangen wir mit dem Namen an: Der leitet sich vom bemerkenswerten Stoff Molybdän-Disulfid her, ein Pulver, das bereits im Zweiten Weltkrieg Flugmotorenöl zugemischt wurde, um bei Ölverlust die Schmierung des Motors sicherzustellen. Mitte der 50er hat der Ulmer Justizbeamte Hans Henle genug vom Dienst im Gefängnis und macht sich mit Molybdän-Disulfid selbstständig ? indem er es Autoschmieröl zumischt. Seine Firma heißt Liqui Moly, sie wächst auf schwäbische Art: stetig und bescheiden.Als Prost einsteigt in Ulm, erlöst die Firma 30 Millionen Mark im Jahr, vor allem in deutschen Supermärkten. Größter Kunde: Metro. Als der Handelsriese Liqui Moly überraschend aus den Regalen wirft, ist die Krise da. ?Man muss Risiken streuen, dafür braucht man kein BWL studiert zu haben?, kritisiert Prost im Rückblick die Abhängigkeit vom Großkunden. Haarscharf schlittert die Firma an der Insolvenz vorbei, Prost wird sich das merken.Wenig später überwerfen sich die Firmenerben, Henle will Liqui Moly verkaufen. Prost zögert nur einen Augenblick, es ist die Deutsche Bank, die ihm den Management-Buy-out in zwei Zügen vorfinanziert: ?Ich zweifle, ob die das heute noch einmal täten.?Mit einer Hand voll Leuten setzt sich Prost danach zusammen, um eine Strategie zu entwerfen. Peter Baumann, heute Marketingchef, soll dabei gesagt haben: ?Kommt, jetzt gehen wir raus in die weite Welt.?Und so bricht Liqui Moly aus seiner engen Vertriebswelt aus und wächst dem Erfolg der deutschen Autoindustrie hinterher. Meist sind es unabhängige Vertreter, die den Verkauf in fernen Ländern organisieren.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ständiger Kampf mit der Konkurrenz.Ob in den USA oder Vietnam, immer kämpft Liqui Moly gegen scharfe Konkurrenz: ?Unsere Wettbewerber heißen Shell und Exxon?, sagt Prost. Wie gut, das Liqui Moly eine Nische gefunden hat, die zu besetzen den Riesen nicht wirklich wehtut.Daheim aber hat Prost eine Organisation entwickelt, die schlank und bescheiden vor allem auf Vertrauen und Kommunikation basiert. Die Hälfte seiner Mitarbeiter ist im Außendienst, jeder neue Vorschlag, den sie vom Kunden mitbringen, wird vom Chef gehört.Zwei Dutzend Angestellte bilden das Rückgrat des Unternehmens, der Rest macht Produktion in den Werken Ulm und Saarlouis. Prost hasst Bürokratie: ?Kostenstellendiskussionen sind hier bei Todesstrafe verboten.?Zwei Minuten Prost, und schon geht jede Angst vor der Globalisierung flöten. Jeder, der es hören will, bekommt von ihm gesagt, dass, wer in Deutschland bleibe, schon verloren habe. ?Wir suchen neue Länder, neue Märkte, neue Ideen, jeden Tag.? Auch deshalb haben die Ulmer vor zwei Jahren darauf verzichtet, weiter als Trikotsponsor von 1860 München aufzutreten. ?Das war teuer und zu national.? Die Formel 1, in Form des Sponsoring des Midland-Teams, dem Nachfolger des Jordan-Rennstalls, dagegen sei ein ?absoluter Selbstläufer?.Ob Singapur oder Mexiko: Bei vielen Tankstellen auf dem Globus steht Liqui Moli heute für deutsche Qualität. Kürzlich erst eröffnete im German Center von Schanghai das China-Büro. Nun versuchen die Ulmer, mit der chinesischen Polizei ins Geschäft zu kommen ? das wäre ein Traum.Einen anderen hat Ernst Prost vor wenigen Tagen wirklich gehabt: ?Ich träumte, wir gehen an die Börse.?Lesen Sie weiter auf Seite 4: Zur Person Ernst Prost.Ernst Prost
  • 1957: wird er am 14. Februar im bayerischen Altötting geboren. Sein Vater ist Maurer, seine Mutter Fabrikarbeiterin.
  • 1969: endet seine Zeit auf der örtlichen Volksschule.
  • 1973: macht er seinen Realschulabschluss.
  • 1976: beendet er erfolgreich seine Ausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker. Anschließend ist er sechs Monate lang arbeitslos. Danach findet er eine Stelle als Monteur und Baustellenleiter im Bereich Schwimmbadtechnik.
  • 1978: geht er zum Autowachsspezialisten Hoffmann Sonax Chemie KG in Neuburg. Dort steigt er auf bis zum Vertriebsleiter.
  • 1990: wechselt er als Marketingleiter und Verkaufsleiter Fachhandel zum Ölunternehmen Liqui Moly nach Ulm.
  • 1993: wird er dort Geschäftsführer.
  • 1996: übernimmt er den Posten als geschäftführender Gesellschafter der Liqui Moly.
Dieser Artikel ist erschienen am 04.01.2006