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Der Dichtmacher

Von Dieter Fockenbrock, Handelsblatt
Handwerkspräsident Otto Kentzler führt die Regentschaft über 54 weitere, natürlich kleinere Präsidenten. Er saniert den Zentralverband des Deutschen Handswerks. Und er baut an Dämmen gegen die Liberalen. Die, so der Dortmunder Kammerpräsident, werden "sicher auch nach der Wahl auf demLiberalisierungstrip sein".
Als Chef des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) führt Kentzler die Regentschaft über 54 weitere, natürlich kleinere Präsidenten, über fast 7 000 Haupt- und normale Geschäftsführer, über Kammern, Fachverbände, Kreishandwerkerschaften und Innungen , über 850 000 Unternehmer ? und über fast fünf Millionen Beschäftigte.Das Handwerk, Kentzlers Handwerk, ist einer der unüberschaubarsten Wirtschaftszweige der Republik. Hemdsärmelige Maurer muss der ZDH-Präsident genauso vertreten wie feinsinnige Musikinstrumentenbauer. Mehr noch: Der sechste deutsche Handwerkspräsident seit dem Krieg muss gleich an mehreren Fronten kämpfen. Gegen Billigkonkurrenz aus dem Ausland, gegen die Liberalisierer aus Brüssel ? und besonders die Deregulierer daheim.

Die besten Jobs von allen

Denn die äußerst erfolgreichen Angriffe der rot-grünen Bundesregierung auf das Grundgesetz der Handwerker, die Handwerksordnung, sollen sich unter einer CDU/FDP-Regierung nicht wiederholen. Dachexperte Kentzler ? sein Betrieb in Dortmund baut seit 130 Jahren Dächer ? will seinen leckgeschlagenen Verband wieder sturmtauglich machen. Das heißt vor allem: Dämme bauen gegen die FDP.Der ZDH hat schwere Jahre erlebt. Wirtschaftsminister Wolfgang Clement kippte völlig unerwartet in vielen Handwerksberufen den Meisterzwang ? ein Privileg, das Hunderttausende Betriebe vor Konkurrenz bewahrte. Die einem Gesetz gleichgestellte Handwerksordnung legt fest, dass nur Handwerker mit Meisterbrief einen Betrieb führen dürfen. Von 94 Berufen sind heute 53 zulassungsfrei. ?Keiner?, sagt ein Handwerksfunktionär über Clement & Co., ?hat jemals damit gerechnet, dass die ernst machen.?Und nicht nur politisch, auch finanziell war der ZDH geschwächt, als Kentzler im Januar den Präsidentenjob übernahm. Sein Vorgänger Dieter Philipp brockte ihm auch die Pleite mit dem Internetportal handwerk.de ein. 8,7 Millionen Euro verschlang die Insolvenz. Zum ersten Mal in der über 100-jährigen Geschichte des Verbandes hatte die Basis den Aufstand geprobt. ?Die dachten wohl, da sammeln wir mal lächerliche zehn Euro von jedem Betrieb ein und schon ist das gelaufen?, brüstet sich heute einer der Aufständischen. ?Aber so lief das nicht.? Philipp kostete das Versagen den Kopf. Kentzler rückte nach und ist jetzt Präsident eines der größten deutschen Wirtschaftsverbände.Nur war der wuchtige Kammerpräsident aus Dortmund ?Unter den Linden? anfangs ein Nobody. Mit wehendem Mantel eilte der 64-Jährige also von Termin zu Termin durchs politische Berlin. Jetzt ist er wer. Seit Kentzler in Talkshows den Part der ruhenden deutschen Eiche übernommen hat, drehen sich selbst Touristen auf dem Prachtboulevard der Bundeshauptstadt nach ihm um.SPD-Chef Franz Müntefering machte Kentzler gar schon zum Regierungschef. ?Nun lassen Sie mal den Kanzler ran?, raunte er seinen Kontrahenten Edmund Stoiber vor laufender Kamera an, weil der preußische Präsident dem bayerischen Ungestüm einfach nicht gewachsen schien. Kentzlers Kalkül geht auf.Denn so harmlos, wie der Kentzler da manchmal bei Maybrit Illner oder Sabine Christiansen wirkt, so harmlos ist er gar nicht. Im Frühsommer etwa warf er die Einführung von Karenztagen im Krankheitsfall in den politischen Debatten-See ? und erntete reichlich Wellen.Dass sich der gelernte Klempner und studierte Maschinenbauer damit nicht beliebt machte, störte ihn nicht. Es machte ihn ja bekannt. Und dem, wie er sich selber nennt, ?ungeduldigen Handwerker Kentzler? sind Taktieren und politischer Firlefanz ohnehin eher fremd.?Otto der Erste?, wie er inzwischen anerkennend in der Handwerksorganisation genannt wird, ist so gar kein typischer Berliner Lobbyist, will nicht immer und überall politisch korrekt, diplomatisch, verbandskonform sein. Erst recht nicht in diesen Zeiten. ?Ich kann nicht gottergeben dasitzen und abwarten, bis die Wahlen vorbei sind?, sagt der ZDH-Präsident.Vor der Bundestagswahl am 18. September ist ihm gar ein wenig bang ? obwohl man das bei seiner beeindruckenden Statur kaum vermuten würde. Große Sorgen bereitet ihm eine mögliche Regierungsbeteiligung der FDP. Die Freidemokraten, vermutet Kentzler, werden ?sicher auch nach der Wahl auf Liberalisierungstrip sein?.Zwar war die Liberalisierung unter Rot-Grün nur eine im Light-Format. 660 000 Betriebe, das sind 80 Prozent, fallen in Deutschland immer noch unter das Meister-Gebot. Selbst für Friseure gilt weiter der Schutzzaun, obwohl das bei Jugendlichen äußerst beliebte Gewerbe weder besondere Gefahren für die Kunden birgt noch im Ruf höchster technischer Anforderungen steht.Das Handwerk und sein Präsident sehen für ihre Branche dennoch schon genug Unheil. Kentzler warnt vor gefährlich sinkendem Qualitätsniveau, spricht von einem neuen Selbständigen-Proletariat und klagt über den wachsenden Wettbewerbsdruck aus Osteuropa. Tatarenmeldungen aus den einzelnen Kammerbezirken sind seine Belege. So stieg im Kammerbezirk Düsseldorf, einem der größten der Republik, 2004 die Zahl der Neuanmeldungen von Handwerksbetrieben um 500 Prozent.Das sollte die Funktionäre eigentlich freuen. Doch tatsächlich wird die nordrhein-westfälische Hauptstadt von einer wahren Invasion der Fliesenleger heimgesucht, darunter viele mit polnischem Pass und Einzelunternehmer. Und ? welche Überraschung ? viele wohnen an ein und derselben Adresse. Alles ?Scheinselbstständige in einer Billig-Baukolonne?, wettert Düsseldorfs Kammerpräsident Wolfgang Schulhoff und setzt Zoll und Ordnungsamt auf die frisch eingetragenen Handwerker an.Nur: Was die polnischen Handwerker im Rheinland treiben, ist völlig legal ? dank der Abschaffung des Meisterzwangs bei Fliesenlegern und der Osterweiterung der Europäischen Union. Nach ZDH-Angaben stammt inzwischen jeder fünfte Neuanmelder eines Handwerksbetriebs aus Osteuropa.Kentzler fürchtet nun, dass ihm Schwarz-Gelb eine zweite Deregulierungswelle aufzwingt. Bürokratieabbau und Entschlackung von Vorschriften stehen bei CDU und FDP ganz oben auf der Agenda. Und zaghaften Andeutungen aus der Union, die Novelle der Handwerksordnung noch mal zu prüfen, traut Kentzler noch nicht so recht. ?Der Tiefschlag der Regierung Schröder steckt allen noch sehr in den Knochen?, sagt ein ZDH-Funktionär.Überrumpelt werden, das hat Kentzler sich vorgenommen, soll das Handwerk nicht noch einmal ? schon damit ihm selbst das Schicksal seines Vorgängers Philipp erspart bleibt. Die nächste politische Front scheint schon klar: ?Vor allem muss man Gedankenspiele zur Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft sehr ernst nehmen?, sagt ein altgedienter Kammerchef.Immer wieder stand die Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft in den Handwerkskammern zur Diskussion. Zuletzt machte sich der wirtschaftsnahe Seeheimer Kreis der SPD dafür stark. Besonders in der FDP war das Thema lange populär. Vor der Wahl äußert sich zwar keine Partei dazu, aber danach?Eine Alternative zur Pflichtmitgliedschaft wären Wirtschaftskammern nach österreichischem Muster ? die müssen sich selbst finanzieren. Gebühren für Verbandsleistungen zu begründen ist wesentlich mühseliger, als Zwangsbeiträge zu kassieren. Freiwillig will da keiner der Handwerksfunktionäre einen Systemwechsel.Bisher traute sich keine Bundesregierung, das öffentlich-rechtliche Kammerwesen anzutasten ? bisher. Zu schwer wurden auch die Vorteile einer Selbstverwaltung der Wirtschaft gewichtet, etwa bei Ausbildung oder Existenzgründung. Zu groß waren auch die Widerstände, weil Handwerk und Industrie- und Handelskammern hier eine gemeinsame Abwehrfront bilden. Obendrein könnte die Abschaffung der Pflichtmitgliedschaft Tausende Arbeitsplätze und Lobbyistenjobs gefährden. Allein das Handwerk betreibt bundesweit 55 Kammern und 345 Kreishandwerkerschaften.Otto Kentzler aber ist wachsam. Er traut der Ruhe nicht. ?Wenn wir bis zum Herbst nicht selbst wissen, was wir wollen, dann finden wir uns in Wirtschaftskammern wieder.?
Dieser Artikel ist erschienen am 05.09.2005