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Der deutsche Holländer

Von Thomas Knüwer und H.-P. Siebenhaar
Rudi Carrell ist tot. Die Fernsehwelt verliert mit dem Meister der Show den Wegbereiter für die TV-Generation der Jauchs und Raabs ? vor der Kamera wie im Geschäftsleben.
Rudi Carrell bei seiner Tagesshow 1985. Er hatte ein unvergleichliches Gespür für das TV-Gewerbe. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Für Rudi Carrell war die Welt ganz einfach. So schrieb er in seiner Biografie ?Gib mir mein Fahrrad wieder?: ?Ich wurde am 19. Dezember 1934 in dem holländischen Städtchen Alkmaar von meinem Vater beim Standesamt angemeldet, am Schalter Geburt K-Z unter dem Namen Kesselaar ? Vornamen Rudolf Wybrand, Rufname Rudi. Am 17. Oktober 1953 wurde ich Showmaster ? genau wie mein Vater, der sich inzwischen André Carrell nannte, und ich teilte meinem Publikum mit, dass ich Rudi Carrell hieß, erzählte ein paar Witze und kassierte 50 Gulden. Später heiratete ich ein liebes Meisje, bekam zwei Töchter und wurde der größte holländische Fernsehstar, weil ich die größte Gage bekam. 1965 bot das deutsche Fernsehen noch etwas mehr, und ich trennte mich von meiner Heimat ? und meine Frau sich von mir.?Es ist bezeichnend, dass Carrell dies bereits im Alter von 45 Jahren schrieb. Niemand im deutschen TV-Gewerbe hatte solch ein Gespür, was wann funktioniert. Und das nicht nur vor der Kamera: Carrell war das Vorbild für jene Generation der Moderatoren der Jauchs und Raabs, die ihre Sendungen selbst produzieren und so ihr Einkommen beträchtlich mehren. Wie am Montag bekannt wurde, starb Rudi Carrell am vergangenen Freitag im Alter von 71 Jahren an Krebs.

Die besten Jobs von allen

?Jeder Mensch braucht ab und zu ein bisschen Schwein?, intonierte er in einem seiner Schlager Schwein, davon hatte er viel. 1965 entdeckt ihn Produzent Mike Leckebusch beim TV-Wettbewerb in Montreux. Der Radio-Bremen-Mann verspricht seinen Chefs: ?Ich habe eine Show gesehen, die kostet nichts.? Das Nichts waren 65 000 Mark pro Sendung, 25 000 davon bekommt der schlacksige Moderator. In seiner Heimat war Carrell aufgefallen durch eine TV-Show und den vorletzten Platz beim Schlager-Grand-Prix 1960.Früh erweist er sich nicht nur als begnadeter Unterhalter, sondern auch als Mann mit Gespür fürs Geschäftliche. Radio Bremen als kleiner Sender lässt ihm alle Freiheiten, doch um seine Ideen umzusetzen, braucht er einen finanzstarken Partner ? also hält Carrell gute Kontakte nach Köln: ?Wir haben in Bremen produziert, aber ich habe immer dafür gesorgt, dass der WDR bezahlt?, sagte er über ?Rudis Tagesshow?.Carrell wird zum überleitenden Element, zum ?Vorbild für alle nach ihm kommenden Generationen von Showmastern und Entertainern?, wie ZDF-Intendant Markus Schächter sagt. Er löst die in feinem Zwirn gewandeten Show-Master mit ihren Show-Treppen und Show-Girls ab, ersetzt Glitter durch Witz und wird so zum Vorboten einer Generation der Stefan Raabs, bei denen das Verschieben der Grenzen System ist.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Carrell liefert eine zentrale Idee für die Show von Harald Schmidt Politisch korrekt ist Carrell nie. Er kommt von den Tingeltangelbühnen, bricht mit 17 die Schule ab und macht Programm ? feingeistiger Humor gedeiht auf solchem Boden nicht. In einer Diskussion mit Alice Schwarzer tupft er sich mit einem BH den Schweiß von der Stirn. Später muss sich die Bundesregierung beim Iran entschuldigen, weil Carrell in ?Rudis Tagesshow? Ajatollah Khomeini mit Damenunterwäsche bewerfen lässt. Günter Jauch prophezeit er früh Erfolg und Anke Engelke den Absturz mit ihrer Late-Night-Show. Dass Harald Schmidt mit Manuel Andrack einen Ansprechpartner installiert, ist Carrells Idee.Auch geschäftlich ist er stets auf der Höhe der Zeit. Als die Privatsender kommen, erkennt er den Geist der neuen Zeit. Statt gewaltiger Abteilungen bei den Öffentlich-Rechtlichen, produzieren kleine, wendige Firmen die Sendungen. Carrell verbündet sich mit Landsmann Joop van Ende und gründet 1992 die Produktionsfirma JE Entertainment. Drei Jahre später geht sie auf im neuen Unterhaltungsriesen Endemol. Das Auftragsvolumen von 25 Millionen Mark stammt zum großen Teil von RTL. Später gelingt es ihm einerseits, RTL Sendungen zu verkaufen und bei der ARD ?Herzblatt? und ?Rudis Tiershow? zu präsentieren.Als Chef ist Carrell gefürchtet, sein rauer Charme verwandelt sich in cholerische Anfälle: ?Eine Show zu machen ist immer mit viel Verantwortung verbunden. Da muss es ein Arschloch im Studio geben?, gesteht e: ?Ich bin sehr diszipliniert, ich denke deutsch, fühle mich deutsch.? ?Rudi Carrell war ein Workaholic, der sich und andere nicht schonte?, sagt Fritz Pleitgen, WDR-Intendant.Als er längst in der öffentlichen Wahrnehmung zum Fossil geschrumpft ist, landet er noch einen Quoten-Coup: die RTL-Kalauersendung ?7 Tage, 7 Köpfe?. Er produziert sie mit der Rudi Carrell GmbH und der RC Recherchen Casting.Im Februar hat er sich verabschiedet vom Publikum, der bewegende Auftritt bei der Verleihung der Goldenen Kamera ließ selbst die schlucken, die ihn als Stammtisch-Witzereißer abtaten. Mit beißender Ironie ging er, kaum noch zum Sprechen fähig, über seine Krebserkrankung hinweg: ?Mit dieser Stimme kann man in Deutschland immer noch Superstar werden?, sagt er. Und dass er überhaupt auf der Bühne stehe, verdanke er seiner Krankenkasse, der Pharmaindustrie und dem Klinikum Bremen-Ost. Dort ist er am Freitag sanft eingeschlafen.Lesen Sie weiter auf Seite 3: LebenslaufRudi Carrell1934 wird er am 19. Dezember in Alkmaar geboren.1951 springt er bei einem Varieté-Gastspiel für seinen Vater ein und wird dann Entertainer, Zauberkünstler und Bauchredner.1959 startet die ?Rudi-Carrell-Show? im niederländischen Fernsehen.1964 gewinnt er die Silberne Rose von Montreux.1965 geht er zu Radio Bremen. Neben Shows spielt er in Filmen mit.1974 startet ?Am laufenden Band?.1981 erhält er für ?Rudis Tagesshow? zum ersten Mal Lob von der TV-Kritik.1987 beginnt seine sechsjährige Zeit als ?Herzblatt?-Moderator.1993 wechselt er zu RTL. ?Die Post geht ab? und ?Rudis Urlaubsshow? floppen.1996 landet er mit ?7 Tage, 7 Köpfe? wieder einen Quoten-Hit.2002 verkündet er seinen Rückzug aus dem Showgeschäft.2005 wird bekannt, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist.2006 stirbt er am 7. Juli im Klinikum Bremen-Ost.
Dieser Artikel ist erschienen am 11.07.2006