Das Portal von Handelsblatt und WirtschaftsWoche

Der Designer und seine Babys

Von Helmut Steuer, Handelsblatt
Schwarzes Sakko, schwarzes Polohemd, dezente silberne Uhr am Handgelenk. Wer es nicht gewusst hätte, wäre wohl von selbst darauf gekommen, dass Frank Nuovo etwas mit Kunst zu tun haben muss.
ESPOO. Der 43-jährige Italo-Amerikaner mit dem irgendwie zum Outfit passenden Nachnamen ist Chefdesigner bei Nokia, dem weltgrößten Handykonzern, der gerade die erste Krise seiner Geschichte durchlebt.Von Druck ist bei Nuovo nichts zu spüren, obwohl er womöglich selbst nicht ganz schuldlos ist an den unruhigen Zeiten. Der Handyriese aus Espoo bei Helsinki hat den Trend zu aufklappbaren Mobiltelefonen nicht rechtzeitig erkannt und musste in den vergangenen Monaten zusehen, wie der weltweite Marktanteil von knapp vierzig auf nunmehr rund dreißig Prozent schrumpfte. Und doch sagt Nuovo trotzig: ?Wir haben kein Designproblem. Es ist eher ein Problem mit unserem Produktmix.? Greift in die Tasche und zieht ein Nokia 6230 hervor, ?das zurzeit meistverkaufte Handy der Welt?, ein konventionelles Gerät ohne großen technischen Schnickschnack. Nuovo nennt es ?einen Schokoriegel?. Für ihn transportiert es die Botschaft: Erfolg hängt bei Handys nicht vom Klappen ab. ?Das Thema ist stark übertrieben worden.?

Die besten Jobs von allen

Doch der Designchef, der in den vergangenen fast fünfzehn Jahren mit Designpreisen überschüttet worden ist, hat bitter erfahren müssen, wie kurzlebig Erfolg sein kann. Er weiß, dass derzeit die Handywelt auf Nokia schaut, teils schadenfroh zusieht, wie sich der einstige Branchenprimus mit zum Teil drastischen Preissenkungen und einem für die Finnen bisher ungewohnten Schielen auf die Produkte der Konkurrenz lang machen muss. Ein Thema, das inzwischen sogar die internationale Analystenschar interessiert ? hängt doch von den neuen Nuovo-Schöpfungen auch ein Stück weit das Wohl und Wehe Nokias ab. Und die sehen Nuovos Arbeit durchaus kritisch: ?Die neuen Nokia-Telefone sind ein Schritt in die richtige Richtung. Doch es ist noch nicht sicher, ob das neue Design die Kunden ansprechen wird?, sagen etwa die Experten vom kanadischen Marktforschungsunternehmen CIBC World Market.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Autonarr mit "Baby" VertuFür Nuovo, der in Kalifornien aufgewachsen ist und seit 1989 bei Nokia arbeitet, ist die jetzige Situation neu. Erfolgsverwöhnt hat der Amerikaner mit seinen 100 Mitarbeitern in den vergangenen Jahren nahezu freie Schöpferhand gehabt. Er hat Handys mit rund angeordneten Tasten entworfen, genauso wie fast quadratische Geräte. Er durfte mit Farben spielen, neue Materialien wie Leder und Stoff ausprobieren. ?Wir haben die Maßstäbe für Handydesign gesetzt, bis heute?. Er sagt es, als wolle er sich noch einmal selbst überzeugen.Entwarf der Autonarr, der neben einem BMW und einem Porsche auch einen Bentley sein Eigen nennt, die ersten Nokia-Handys noch allein, ist er heute eher für die strategische Designlinie verantwortlich. Gerade ist er auf dem Sprung nach Peking, um sich von seinen dortigen Kollegen in die Wünsche chinesischer Handykunden einweihen zu lassen.Man merkt ihm an, dass er am liebsten selbst zum Zeichenstift greifen würde. Welch ein Glück für ihn, dass sein Arbeitgeber ihm vor zwei Jahren eine ganz eigene Spielwiese schuf. Fast zärtlich geht er mit einer seiner Schöpfungen um und holt aus der Gürtelbox das neue Vertu Signature hervor. ?Das ist mein Baby.?Baby ist gut, das edle Stück aus Platin kommt auf das Gewicht eines Handyriesen. Nuovos dunkle Augen funkeln: Bei der Nokia-Tochter Vertu darf er sich ausleben, darf wie früher für den ganzen Konzern noch immer neue Materialien und Techniken erproben. Und er macht es: Die Tasten sind auf Rubinen gelagert, und das Display ist mit fast unzerstörbarem Saphirglas geschützt. ?Es ist wie in der Formel 1?, sagt er. ?Wir können viel über neue Materialien lernen und später in der Massenproduktion einsetzen.?Lesen Sie weiter auf Seite 3: Madonna haucht in ein EdelhandyNicht nur Madonna haucht in die Edelhandys, viele Promis stehen Schlange, um eine der raren Vertu-Kreationen zu ergattern, die rund 24 000 Euro kosten. Über Verkaufszahlen will Nuovo nicht reden. ?Ich bin Künstler?, sagt er und gibt zu verstehen, dass Zahlen nicht sein Ding sind. Darüber wolle er nicht sprechen.Seine Vision über die Mobiltelefone der Zukunft? ?Wie bei Uhren und Autos?, sagt er, ?müssten gewisse Dinge unabhängig vom Aussehen immer dabei sein.? Konkretes verrät er nicht. Aber einen Blick, wie Nuovo die Handyzukunft sieht, gibt der US-Film ?Minority Report? preis: Für den Streifen durfte er in die Glaskugel schauen und ein Handy für das Jahr 2054 entwerfen. Dass Tom Cruise darin mit einem klappbaren Videophone umherläuft, mag die Ironie des Augenblicks sein.Die meiste Zeit verbringt er nach wie vor in Kalifornien. Auch einen Großteil seiner Leute hat er dort um sich geschart. Mehrmals im Jahr fliegt er nach Finnland, um sich mit der Konzernspitze und Nokia-Chef Jorma Ollila zu beraten. Oder ganz neue Designstudien zu präsentieren.Ob es nicht manchmal langweilig wird, immer wieder aus einem Stück Plastik ein Handy zu formen? ?Es dreht sich nicht um den Plastikklotz, es ist die Faszination, etwas zu gestalten, dass jeder immer bei sich trägt?, sagt er. Und wenn es doch einmal langweilig wird? ?Dann werde ich Stühle entwerfen oder in den Keller gehen und dort Schlagzeug spielen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 25.08.2004