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Der Dampfmacher von Toshiba

Von Nicole Bastian
Seit einem halben Jahr steht Atsutoshi Nishida an der Spitze des Elektronikriesen Toshiba. Nach 30 Jahren im Unternehmen ist er Herr über 42 Milliarden Euro Umsatz und ein breites Geschäftsportfolio. Und nicht nur durch den Kauf des Kraftwerksbauers Westinghouse mischt er den Konzern auf.
TOKIO. Damals allerdings war Nishida selbst noch Nichtraucher. Heute nicht mehr, erzählt der 62-Jährige, während er sich einen Zigarillo ansteckt: ?Wenn ich jetzt in die USA fahre, sitze ich selbst alleine auf der Bank.? Er nimmt es mit Humor.Unterwegs ist Nishida derzeit viel. Denn seit einem guten halben Jahr steht er an der Spitze des Elektronikriesen Toshiba. Nach 30 Jahren im Unternehmen ist er Herr über 42 Milliarden Euro Umsatz und ein Geschäftsportfolio, das von Halbleitern und Computern über Fernseher und Handys bis zu Aufzügen und Bahnsystemen reicht.

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Gerade erst hat Toshiba beim Kampf um den Atomreaktor-Konstrukteur Westinghouse gesiegt. Heute wird die Offerte von rund fünf Milliarden Dollar dem Board von Westinghouse-Besitzer British Nuclear Fuels zur Genehmigung vorgelegt. Derweil verhandelt Toshiba mit möglichen Mitinvestoren, um den Batzen nicht allein schultern zu müssen: Die Ratingagentur Standard & Poor?s hat wegen des hohen Preises bereits mit einer schlechteren Krediteinstufung gedroht.Nishida ist bereit, Geld in die Hand zu nehmen. Dies hat er bereits mit der Milliardeninvestition für die Produktion von Flash-Speicherchips gezeigt. ?Nach Jahren der Strukturreform muss sich Toshiba jetzt stärker aufs Wachsen konzentrieren?, meint er.Das heißt nicht unbedingt Übernahmen. Das bestehende Geschäft soll weiter internationalisiert werden, der Auslandsanteil am Umsatz von 44 auf 50 Prozent steigen. In Europa will Nishida etwa mit digitalen Kopierern, Kassensystemen, Fernsehern, DVD-Geräten sowie Laptops wachsen. Indem er alte Abläufe aufbricht, will der neue Chef konzernintern für mehr Dynamik sorgen. So sollen Produktion und Verkauf von Anfang an bei der Produktkonzeption beteiligt sein ? ein Graus für manchen Ingenieur.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Aus den USA bringt er Kontakte zu Schwergewichten wie Bill Gates.Seine Ideen sucht sich der Bücherwurm aus vielen Quellen zusammen. Von anderen breit aufgestellten Unternehmen, zum Beispiel: Toyota, GE ? oder auch Siemens. ?Aber Siemens-Chefs schreiben nicht so viele Bücher, und für Treffen mit ihnen gibt es für mich leider kaum Gelegenheit?, sagt Nishida. Mehrere Sachbücher parallel liest er, auf Japanisch wie Englisch.Nicht nur die Englischkenntnisse bringt er aus seinen Jahren in den USA mit ? auch die Kontakte zu Schwergewichten der Computerbranche wie Bill Gates. Empfohlen für den Chefposten hatte sich Nishida zuletzt durch die Sanierung der PC-Sparte Toshibas. Er war es, der vor zwanzig Jahren den ersten Toshiba-Laptop konzernintern durchsetzte. Deutschland war Premierenland ? und Nishida arbeitete für die Europazentrale in Neuss.Der Bezug zu Deutschland ist noch älter. Das deutsche politische System nach der Französischen Revolution war der Fokus seines Masterstudiums an der Uni Tokio. Für japanische Verhältnisse verschlug es ihn mit 32 Jahren erst relativ spät in die Geschäftswelt.Der Familienvater zweier Kinder gilt als energischer, direkter und führungsstärker als viele seiner Vorgänger. Vorträge hält er gerne frei ? eine Ausnahmeerscheinung in Japan. Wenn er zuhören muss, wird er schnell ungeduldig. Er selbst redet schnell und selbstbewusst. Wenn er zu Ende gesprochen hat, scheint er schon auf die nächste Frage zu warten. Zeit ist ein kostbares Gut. Als passionierter Frühaufsteher kommt er jeden Tag Stunden vor den Kollegen ?zwischen 6.30 und 6.45 Uhr? in die Firmenzentrale. Und dann glüht bald schon der erste Zigarillo. Bis zu 30 Stück raucht er heute ? und weil er in Japan arbeitet, muss er nicht raus auf die Bank.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.01.2006