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Der Club der toten Antworten

Stefanie Klein(Deutschland)
"Seeking Responses in Times of Uncertainty" - unter diesem Motto stand der diesjährige ISC Wings of Excellence Award: Hier der Aufsatz der Zweitplatzierten Stefanie Klein aus Deutschland.
"... das waren die neuesten Nachrichten, liebe Hörerinnen und Hörer, noch immer also bleibt die entscheidende Frage bestehen. Von ihrer Beantwortung hängt vielleicht mehr ab, als sich derzeit vermuten lässt. Mit diesen Worten wünsche ich Ihnen ein angenehmes Wochenende und übergebe zur Wetterfee Marion."

Papi, was ist eigentlich eine Antwort genau?

Das ist eine Antwort.

Dann ist also jede Antwort ein Satz?

Ja und Nein. Eigentlich kann alles eine Antwort sein, aber die Menschen neigen dazu nur Worte als Antworten zu akzeptieren.

Kann meine Zeichnung hier also auch eine Antwort sein?

Was ist das, ein Hut?

Nein, das ist ein Elefant in einer Riesenschlange.

Warum hast du sie gezeichnet?

Weil ich schauen wollte, ob der kleine Prinz Recht hatte.

Also hattest du eine Frage! Weißt Du, Antworten sind Reaktionen auf Fragen und Probleme. Es gibt Antworten, die werden immer wieder gesucht, und welche, die werden immer noch gesucht, und es gibt viele gute Antworten, die vergessen oder für unsinnig erklärt wurden.

Warum werden denn gute Antworten vergessen?

Weil die Menschen zu beschäftigt sind, um sich an sie zu erinnern. Und weil sie alles Alte ablehnen. Und vor allem weil sie nicht mehr die richtigen Fragen stellen. So viele Ideen geistern einsam herum und werden nicht entdeckt, weil niemand nach ihnen sucht. Sie sind aus dem Blickfeld geraten, weil die Menschen sich auf andere Sachen konzentrieren. Ich erzähle dir eine Geschichte, dann weißt du, was ich meine.


Es war einmal eine Antwort, die lebte verlassen in einem hohlen Baumstamm im Wald. Sie lebte bereits über 90 Jahre dort, doch niemand interessierte sich für sie. Eines Tages wollte sie nicht mehr alleine in ihrem Stamm hocken, denn alle ihre Glieder schmerzten schon gewaltig. Sie packte etwas Wein ein, nahm ihren wollenen Mantel und zog los. Bald erreichte sie den Waldrand

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Der Blick, der sich ihr eröffnete, erschreckte ihr kleines Antwortherz. Vor ihr erhob sich eine gewaltige Stadt, deren Ausmaße aus ihrer Perspektive nicht ersichtlich waren. Doch wagemutig lief sie direkt auf das Zentrum zu, bis ein hochmodernes Gebäude aus Glas sie stoppte. Das musste sie von innen sehen! Unentdeckt gelangte sie mitten in einen großen Raum, in dem um einen runden Tisch viele Menschen saßen. Alle hatten komische bunten Stofffetzen um den Hals und fuchtelten wichtig in der Luft herum. "Wir müssen den Umsatz in diesem Jahr um zehn Prozent steigern." "An der Produktion liegt es nicht: wir lassen die Einzelteile schon am billigsten produzieren." "Der Marketingabteilung fehlen zwei Millionen für die neue Kampagne, sonst können die Leute nicht wissen, dass sie den "Suprimaten" unbedingt brauchen.

Die Antwort verstand nicht, worüber gesprochen wurde, doch inzwischen hatte sie Durst und wollte ihren Wein gemeinschaftlich teilen. Sie hüpfte auf den Tisch, um besser sichtbar zu sein, doch niemand registrierte ihre Anwesenheit. Ja, man schien sie nicht zu sehen. Die Antwort verließ den Raum

Wieder auf der Straße angekommen, setzte sie sich auf eine Parkbank und belauschte ein Gespräch "Du ich hab da neulich gehört, dass die Flüge schon wieder teurer werden" "Jaja, unsere Steuergelder. Hab ich dir eigentlich schon von unserem letzten Urlaub erzählt?" "Ne, wo wart ihr denn?" "In Kenia, echt tolles Hotel, die haben dir sogar auf dem Klo die Handtücher gereicht. All inclusive: Jörg hat jeden Tag zehn Cocktails getrunken und ich war am Pool und im Solarium. Total luxuriös alles. Morgens gab es Croissants, wie beim Bäcker um die Ecke." "Ach apropos Frühstück, hast du das von der Hungerkatastrophe in Afrika gehört? Ist das nicht da, wo ihr wart?" "Ja, über 10.000 Tote schon, tragisch nicht?" Auch für diese beiden war sie anscheinend unsichtbar

Was sollte sie jetzt tun? Da entdeckte sie in der Ferne ein großes alte Gebäude. Neugierig strebte sie darauf zu. Im Hereingehen fiel ihr auf, dass es in dem Gebäude ganz staubig roch. Als sie dann in einen Saal kam, sah sie wieder Menschen, die fuchtelten. "Also, nach eingehender Analyse des Sachverhaltes erscheint mir doch eventuell eine Unklarheit im Paradigma des Gesagten aufzutreten. Ich denke, die diffuse Darstellung des Themas gerade im Bezug auf vorangehende Thesen erlaubt weder einen direkten Verständniszugang noch ergibt sich eine sinnvoll geformte Gedankenfolge, der zu folgen dem wissenschaftlich gebildeten Individuum möglich wäre. Im Einzelnen erscheint mir doch speziell die Ausdrucksweise choisi als ungeeignet für derart profan gelagerte Problemstellungen."

Schnell weg, dachte sich die Antwort, und bald darauf lief sie an einem Gebäude mit Gittern an den Fenstern vorbei. Interessiert stapfte sie hinein. Es wurde ihr nicht sofort klar, doch beim Anblick ans Bett gefesselter Menschen mit erschreckend leeren Augen, identifizierte sie es ziemlich bald als Irrenhaus. Hier hat sich also nicht viel verändert, murmelte sie vor sich hin. Als sie in einen großen Aufenthaltsraum trat, erlebte sie jedoch ein Überraschung. Dort mitten zwischen den Menschen saß eine wie sie: eine Antwort

Sie lauschte gerade einem Gespräch und schien sich prächtig zu amüsieren. So ging sie zu dem Tisch und stellte sich vor. "Ich bin das Wesentliche." Daraufhin "Guten Tag, ich bin das Andere. Die Menschen nennen mich zumeist anormal und das bedeutet gefährlich. Sie können das Andere nicht akzeptieren, obwohl jeder von ihnen es in sich trägt. Du, zum Beispiel, bist nicht ich, aber wir haben eines gemeinsam wir sind Antworten. Hier allerdings fühle ich mich wohl. Ich lebe bereits seit zehn Jahren unerkannt unter den wechselnden Insassen."

Währenddessen lächelte der Mann am Tisch dem Wesentlichen zu. "Was erzählen sich die beiden, die du gerade belauschst?" "Oh es ist faszinierend: Bernard kann mit dem abstrakten Ding der Sprache nichts mehr anfangen. Das Fachwort Aphasie klingt gefährlich genug, um ihn hier festzuhalten. Ihm bedeuten Worte nichts. Er versteht Isabelle aber trotzdem, indem er sich an der Tonhöhe und ihrer Mimik und Gestik orientiert. Und sie ist schizophren und eigentlich drei Persönlichkeiten. Momentan ist sie die kindliche Isabelle. Die beiden spielen gerade Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst. Ja, ich habe meinen Horizont erweitert in den letzten Jahren. Aber wo ich sie zufällig getroffen habe, ist es Zeit, meine Freunde mal wieder zu besuchen und sie mit ihnen zu überraschen. Lassen sie uns aufbrechen."

Das Wesentliche war gespannt, wohin die Reise gehen würde. Enttäuscht blickte es fünf Minuten später auf eine schwere Holztür. Das Andere klopfte mit einem diffizilen Zeichen an. Und siehe da, etwas später knarrte es laut und die Tür öffnete sich. Und dann stand das Wesentliche plötzlich mitten in einer großen Bibliothek und in gemütlichen Sesseln saßen sie alle. Die Phantasie, die Stille, die Contenance, der Mut, die Neugier, die Hilfsbereitschaft, die Offenheit, die Toleranz, der Respekt, die Besonnenheit, die Vernunft und viele mehr.

Sofort erhob sich die Vernunft und kam auf sie zu "Hallo, auf das Wesentliche haben wir ja noch gewartet, wo waren sie so lange? Ach so, vielleicht sollte ich ihnen erst mal erklären, wo sie hier sind: Willkommen im Club der toten Antworten. Den Namen haben wir uns in Anlehnung an einen Film gegeben, gut nicht? Es gibt uns aber schon viel länger. Seit meinen stundenlangen philosophischen Gesprächen mit Kant, bin ich ziemlich einsam geworden. Ich habe mich aber sehr verändert seit dem die neuesten neurophysiologischen Erkenntnisse meine Existenz in Frage stellen. Ich habe sogar mal mit der Phantasie Schach gespielt, aber sie setzt immer alle Figuren falsch!" Stolz und melancholisch zugleich blickte die Vernunft sie an. "Naja, was soll man machen. Möchten sie einen Whiskey? Zigarre?" Sie führte die beiden ins Kaminzimmer und wendete sich an das Andere "Sie haben uns auch lange nicht mehr besucht.

Viel passiert ist nicht. Bis auf zwei längere Besuche vom Frieden. Er meinte, er will sich schon mal seine neue Umgebung gewöhnen. Und wir hatten ein paar Menschen hier, aber lange nicht ausreichend, um die Hoffnung wieder aus unseren Reihen zu entlassen." Und dann blickte sie das staunende Wesentliche an "Sie müssen nämlich wissen, dass hin und wieder jemand klopft und manchmal verschicken wir auch Einladungen, an Menschen, die die richtigen Fragen gestellt haben. Sie kommen dann vorbei und bei Speis und Trank diskutieren wir bis in die frühen Morgenstunden." Mit einem noch melancholischeren Ausdruck setzte sie sich, nicht jedoch ohne vorher eine einladende Geste in Richtung der anderen zwei Stühle zu machen. "Es ist aber sehr still geworden in letzter Zeit. Vielleicht heitern sie uns etwas mit ihrer Geschichte auf ?"

Fragend blickte sie das Wesentliche an. Doch bevor diese sprechen konnte, entstand ein Tumult am Tisch. "Ahhhh, das Andere, wie habe ich sie doch vermisst mein Herr. Ohne sie bin ich nichts." mit einem Knicks verbeugte sie sich. "Frau Perspektive, welch Freude für meine Augen. Meine Liebe gehört immer noch ganz Ihnen" mit einem galanten Handkuss bat das Andere sie, sich mit an den Tisch zu setzten. "Ich bin schon ganz gespannt" die Perspektive blickte das Wesentliche neugierig an. "Gut dann lassen sie mir etwas Zeit, mich zu erinnern. Also richtig los, ging das bei mir eigentlich erst 1675. Ein Herr Angelus Silesius, übrigens ein Mönch mit Künstlernamen, schrieb innerhalb einer Sammlung von Epigrammen auch den Satz: Mensch werde wesentlich. Er kam damals zu mir und suchte Ratschlag. Eigentlich das erste Mal, dass mich jemand als Antwort so richtig wahrnahm. Bald darauf wurde allerdings das wesentlich vom vernünftig verdrängt, woran ihr alter Freund Kant nicht ganz unschuldig war.

Entschuldigend schaute es die Vernunft an "Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, aber was die Entwicklung nach der Aufklärung angeht, scheint sie mir vor lauter Vernünftigkeit auch das langsame Vergessen meiner Wenigkeit zu beinhalten. Nichts für ungut. Etwa zweihundertdreißig Jahre später hat dann Ernst Stadler ein Gedicht geschrieben, in dem er den Spruch von Silesius aufgreift, ihn gar zum Thema des Poems macht. Er hatte mich wiederentdeckt. Es schien, dass ich zumindest für ihn immer noch genug Aktualität besitze. Übrigens ein sehr sympathischer Bursche. Heutzutage werde ich noch im Zusammenhang mit Zeitmanagement genannt, ohne das auch irgend jemand mich mal gefragt hat, was ich dazu denke. Ich bemerke schon, dass ich einer dringenden Anpassung an das Zeitgeschehen bedarf, aber ich sehe mich da in einer anderen Rolle, als bei Managertagungen das Bonmot zu mimen, an dem sich alle festhalten, um ihre Umsätze zu steigern. Hätte ich nicht soviel Verantwortungsgefühl würde ich nach Tibet emigrieren, dort ist das Wesentliche wohl seit langem ein zentraler Begriff. Und zwar für das Leben der Menschen. Hat mir mal jemand erzählt. Leider kann man sich ja nicht aussuchen, wo man geboren wird."

Nachdem sie geendet hatte, herrschte eine kurze Weile Stille. "Ja, so geht es vielen hier" säuselte die Vernunft. "Leider sind wir nur Antworten, uns fehlt die notwendige PR-Abteilung und eine ausgefuchste Vertriebsleitung. Wir sitzen hier in einem Salon und trinken Tee. Das ist restlos altmodisch. Aber letztlich müssen nicht wir nach den Antworten suchen, denn wir sind sie ja schon." "Durchaus nicht. Die Menschen müssen bloß fragen. Wir haben uns immerhin schon zusammengetan. Bei dem Chaos da draußen sind Fragen eigentlich die einzige Konsequenz. Trotzdem tut unser erster Vorsitzender, der Zusammenhang alles, um uns von allein sichtbar zu machen." betonte die wieder zum Leben erwachte Vernunft. "Oh ja, ich würde so gerne leuchten." sagte das Andere. "Das dürfte wohl noch einige Zeit in Anspruch nehmen" konterte die Vernunft. Das Wesentliche war um einen ironischen Beitrag nicht verlegen "Wenigstens hat die Hoffnung auf unsere Seite gewechselt"


Kurz nachdem die Geschichte zu Ende war, klingelte es an der Tür.

Papi guck mal ein Brief für mich.

Mach ihn auf

Sehr geehrte junge Dame, wir möchten sie hiermit ganz herzlich einladen, uns in unserer Sommerresidenz am Meer zu besuchen. Bei Kuchen und Kakao sollte Ihre Neugier gestillt werden.
Der Club der toten Antworten heißt Sie nächsten Sonntag um drei in der Winkelgasse herzlich willkommen.
P.S.: Ihren Vater dürfen Sie natürlich mitbringen.
Mit herzlichen Grüßen


Andere & Perspektive
i. A. Andere & Perspektive
Dieser Artikel ist erschienen am 23.05.2003