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Der Chef, den die Gewerkschaften lieben

Katharina Kort
Sergio Marchionne hat derzeit viele Jobangebote. Der 56-Jährige Italo-Kanadier wird beim US-Autokonzern General Motors ebenso gehandelt wie bei der Schweizer Bank UBS. Wie lange bleibt er noch Fiat treu?
Sergio Marchionne hasst Krawatten. Foto: ap
MAILAND. Sergio Marchionne ist begehrt. Der Fiat-Vorstandsvorsitzende wird in diesen Tagen immer wieder als Top-Manager für verschiedenste Unternehmen gehandelt. Nicht nur der US-Auto-Koloss General Motors soll den 56-jährigen Italo-Kanadier jüngst kontaktiert haben. Auch für den Posten an der Spitze der krisengeschüttelten Großbank UBS macht sein Name immer wieder die Runde. Doch bisher blieb er Fiat treu.Erst Ende vergangener Woche hat Luqman Arnold, der ehemalige UBS-Präsident und heutige Chef des Investmentfonds Olivant, gefordert, dass Marchionne vorübergehend den Chefposten der angeschlagenen Schweizer Bank übernehmen soll. Bisher hat Marchionne lediglich das Amt des Vizepräsidenten des UBS-Verwaltungsrats übernommen. Und er will nach eigenen Angaben bis zum Jahr 2012 Fiat-Chef bleiben, auch wenn er sich die Hintertür offen lässt. ?Der angestoßene Prozess wird auch ohne mich weitergehen. Ich werde hier nicht ewig bleiben?, zitiert ihn die Zeitung ?La Repubblica?.

Die besten Jobs von allen

Der Prozess: Ende Mai 2004 trat der Mann aus den Abruzzen, der im Alter von 14 Jahren mit seinen Eltern nach Kanada auswanderte, seinen Job in Turin an ? und legte los.Er krempelte das Unternehmen komplett um. Noch im Jahr 2004 steckte Fiat tief in den roten Zahlen. Marchionne schaffte es, den Verlust von 1,6 Milliarden Euro bis zum vergangenen Jahr in einen Gewinn von mehr als zwei Milliarden Euro zu verwandeln. Vor allem die marode Autosparte hat er gründlich saniert und neue Modelle auf den Markt gebracht.Der schroff auftretende Manager ist nicht nur wegen seiner einfachen Herkunft eine Ausnahmegestalt in den Top-Etagen der italienischen Unternehmenselite.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gewerkschaften loben ihn als "guten Kapitalisten" Das zeigt ein Besuch in der Konzernzentrale in Turin. Gäste werden in die normale Betriebskantine geladen, die Marchionne mit neuen Möbeln und Pop-Art an den Wänden sanieren ließ. Das Edel-Restaurant für Manager hat er geschlossen. Die Duschräume für die Arbeiter sind erneuert. Aber für die Fiat-Manager gelten harte Kriterien: Wer nichts leistet, fliegt raus.Kein Wunder, dass ihn Gewerkschaftsführer ebenso loben wie der Erzkommunist und Präsident der Abgeordnetenkammer Fausto Bertinotti, der Marchionne als ?guten Kapitalisten? bezeichnet.Auch im äußeren Auftreten passt der groß gewachsene und kräftig gebaute Manager weder in die Reihe der steifen Ex-Fiat-Lenker noch in die der Schweizer Banker. Ob Marchionne eine renovierte Fabrik einweiht, ob er ein Diplom Honoris Causa oder den Preis ?Car of the Year? für den neuen 500er entgegen-nimmt ? er tritt stets lässig mit Hemd und Pullover auf.Er könne so einfach besser arbeiten, sagt er. ?Ich kann Leute nicht verstehen, die sich mit einer Krawatte den Hals strangulieren?, kommentiert der Manager, der sich am Wochenende gerne beim Rasenmähen in seinem Haus in der Schweiz entspannt.Da hat er sich vielleicht auch seine Strategie ausgedacht. Statt einer großen Allianz mit Aktienbeteiligung wie seinerzeit mit dem US-Konzern General Motors setzt Marchionne nun vor allem auf sogenannte strategische Partnerschaften für einzelne Produkte.Dass Marchionne sich nicht nur im Autosektor zurechtfindet, hat er bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche und als Chef des Aluminiumkonzerns Alusuisse gezeigt. Er ist ein Sanierer mit Bilanzkenntnissen, der in diesen Krisenzeiten hoch im Kurs steht.Deshalb spekuliert so mancher, dass er nach getaner Arbeit in Turin schon bald Lust auf einen Wechsel haben könnte.
Dieser Artikel ist erschienen am 08.04.2008