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Der Bleistift-Graf

Von Dietmar Petersen
Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell produziert Bleistifte. Wie kaum ein anderer Familienunternehmer aus der Konsumgüterindustrie verkörpert er das Markenimage seiner Produkte. Seine Umgebung zeugt von Extravaganz. Ebenso Edel sind die Schreibgeräte aus seinem Hause.
STEIN/NÜRNBERG. Die Anzüge lässt er beim Londoner Prominenten-Schneider Mayor nähen. Oberhemden und Krawatten kauft er bei Hemden-Raiser in München. Auch der anthrazit-graue Turbo-Audi RS6, den er auf Kurzstrecken selbst steuert, zeugt von Extravaganz.Ebenso edel sind viele Schreibgeräte aus seinem Hause: Bleistifte mit silbernen Verlängerungen und Spitzern, Farbstifte in aufwendigen Holzkassetten und hochwertig gearbeitete Füllfederhalter. Das Geschäft läuft anscheinend gut. Im Geschäftsjahr 2003/04 kam er auf einen konsolidierten Gruppenumsatz von 272 Millionen Euro und eine Umsatzrendite von 8,7 Prozent.

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Das Edel-Image des einstmals einfachen Farb- und Buntstiftherstellers ist sein Werk. ?Der Graf?, wie er in der Firma genannt wird, richtete Anfang der 90er-Jahre das Familienunternehmen, das er in achter Generation führt, strategisch neu aus. ?Weg vom Massenmarkt, hin zum Premiummarkt?, sagt er. Sein Ziel: ?Die Weltmarke?. Heute beschäftigt er in 15 Werken und 18 Vertriebsgesellschaften weltweit 5 500 Mitarbeiter und ist in über 100 Ländern vertreten.?Wir sind eine internationale Unternehmensgruppe mit deutschen Wurzeln?, beschreibt Faber-Castell sein unternehmerisches Credo. Die ersten Bleistifte fertigte der Schreiner Kaspar Faber 1761 in Stein bei Nürnberg im Zeitalter der Aufklärung.Doch erst Kaspars Urenkel Lothar von Faber gelang der Durchbruch. Nach Lehrjahren in London und Paris übernahm er als 22-Jähriger den väterlichen Handwerksbetrieb. Er modernisierte die Produktionsverfahren und entschlackte den Bleistift vom Nürnberger Tand ? Ausdruck für billige und qualitativ mangelhafte Produkte. Er brachte die ersten Qualitätsstifte in Form des heute noch üblichen Sechskantstifts in Deutschland auf den Markt. Zudem bedruckte er seine Produkte mit dem Firmennamen (?A.W.Faber?). Der erste Markenartikel in der Bleistiftbranche war geboren.Lothar von Faber begann auch vor 150 Jahren damit, das Auslandsgeschäft aufzubauen. Aus halb Europa kehrte er mit vollen Auftragsbüchern zurück. 1849 wagte er den Sprung nach Übersee und gründete eine eigene Handelsniederlassung in New York. Agenturen in London, Paris und Sankt Petersburg öffneten das Tor zum englischen, indischen, afrikanischen, russischen und australischen Markt.Lesen Sie weiter auf Seite 2In den dreißiger Jahren investierte der Vater des heutigen Grafen, Roland Graf von Faber-Castell, in Brasilien, nach dem Zweiten Weltkrieg kam Peru hinzu. Das Unternehmen in Brasilien gilt heute als die größte Blei- und Buntstiftfabrik der Welt. Der Graf selbst nahm Asien in Angriff. Drei Monate im Jahr düst er um den Globus, als Markenbotschafter in eigener Sache (?Graf von Faber-Castell Collection?), denn: ?Marketing ist Chefsache.?Unter zehn Geschwistern wählte ihn sein Vater als künftigen Unternehmenschef aus. Der Weg des Investmentbankers aus London zurück ins Fränkische hatte ihm zumindest die Boulevardpresse nicht zugetraut. Sie jubelte ihn in seiner Sturm-und-Drang-Zeit als ?begehrtesten Junggesellen Deutschlands? hoch, als er mit einer Prinzessin aus dem Stamm Aga Khan liiert war, das eine oder andere Nachtschattengewächs der Schwabinger Schickimicki-Szene pflückte und mit Gunther Sachs und anderen Jetset-Größen durch die Schlagzeilen zog. Auch diese Imagebildung kam dem Produktimage des Bleistifts zugute. So machte er aus einem Wachstumsprodukt der Vorindustrialisierung ein Markenprodukt des 21. Jahrhunderts.Seinen Führungsstil bezeichnet der Graf als ?wohlwollende Diktatur?: Er halte ?konsequent an unkonventionellen Ideen fest ? schließlich geht es um mein Geld?. Dennoch praktiziert er die Firmenkultur eines Familienunternehmers. Kodifiziert hat er sie in einer ?Sozialcharta? ? unterschrieben von ihm und der IG Metall. In allen Firmen der Gruppe, auch in der Dritten Welt, gelten die von der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) empfohlenen Arbeitsbedingungen.Die muss der 63-jährige Graf zwar nicht für seine eigene Arbeit akzeptieren. Aber eine Herausforderung muss er meistern: die Regelung seiner Nachfolge. Die Aufgabe wird dadurch erschwert, dass zwei Mitstreiter im Top-Management ebenfalls die Altersgrenze erreicht haben. Des Grafen ältester Sohn Charles, 24 Jahre, das Studium in Amerika abgeschlossen, scheidet erst einmal aus. Er muss nach Vaters Meinung zehn Jahre Erfahrung im internationalen Geschäft sammeln.An allen Weichen werde gearbeitet, beteuert der Graf ? auf deutsch: Er ist dabei, den ersten familienfremden Konzernchef in der über 243-jährigen Firmengeschichte zu suchen. Und er erweckt dabei den Eindruck, als möchte er am liebsten die Gesetze der Biologie für sich selbst außer Kraft setzen.
Dieser Artikel ist erschienen am 29.12.2004