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Der Bewerber als Glücksritter

Von Winfried Gertz
Den innigen Wunsch, der Karriere mal einen Kick zu geben, hegen viele Spezialisten. Abenteuerlustige riskieren sogar einen Branchenwechsel ? doch ohne Fortune hilft selbst die beste Vorbereitung nicht.
Vorstellungsgespräch. Foto: gms
Solche Kandidaten erobern Personaler eigentlich im Sturm: Norbert Brand ist gelernter Maschinenbauingenieur und präsentiert eine lupenreine Vita in der Druckluftbranche. Heute ist der Business Development Manager in Helsinki, morgen in Bologna, um Kunden zu betreuen und Vertriebspartner zu schulen. Brand weiß, mit seinem Profil stünden ihm viele Türen offen. Soll er?s riskieren?Ingenieure, Vertriebspezialisten, Berater und Informatiker sind derzeit die am heißesten gehandelte Ware auf dem Arbeitsmarkt, wie Tanja Blum beobachtet. ?Doch Firmen und Spezialisten finden nur selten zueinander?, kritisiert die Geschäftsführerin der Personalberatung Beckhäuser in Würzburg. Hier fehlten Fachkräfte, dort käme man gar nicht auf die Idee, mal aus dem gemachten Nest zu springen.

Die besten Jobs von allen

Die Chancen für einen Quereinstieg waren lange nicht so gut, meint auch Markus Frosch, Vorstand der auf Talentberatung spezialisierten Promerit AG in Frankfurt. Oft stünden Unternehmen so unter Rekrutierungsdruck, dass ein Branchenwechsler eigentlich wie gerufen käme. ?Tatsächlich können sich viele Personalverantwortliche mit Quereinsteigern aber nicht anfreunden.?
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Für Frosch ein typisch deutsches Phänomen. Während es im angelsächsischen Raum nicht ungewöhnlich sei, etwa mit einem Studium der Kunstgeschichte ins Management aufzusteigen, ?misstrauen deutsche Firmen oft jeglicher Abweichung von der Norm?. Wer sich hier beruflich umorientieren möchte, treffe auf hartnäckige Vorbehalte. Der Chirurg als Kongressorganisator, der Sozialpädagoge als Projektmanager ? welch absurde Idee!Dass es höchste Zeit ist, dieser angestaubten Rekrutierungspraxis frische Impulse zu verleihen, bestätigt eine aktuelle Umfrage der Personalberatung Personal Total. Nur in 180 von rund 30 000 untersuchten Stellenanzeigen für Fach- und Führungskräfte werden Quereinsteiger konkret aufgefordert, sich zu bewerben. Auf mittlere Sicht werde der zunehmende Fachkräfteengpass jedoch Personaler zur Einsicht bewegen, heißt es in der Studie zuversichtlich.Schon heute werden Quereinsteiger bei der Münchener BMW-Tochter Softlab GmbH mit offenen Armen empfangen. Der IT-Dienstleister berät Banken, Industrie- und Telekommunikationsfirmen und entwickelt komplexe Softwarelösungen. Dringend gesucht seien Berater mit ?Stallgeruch?, erklärt Personalleiter Uwe Kloos, ?denen die Geschäftsprozesse der jeweiligen Branchen vertraut sind?.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einserkandidat sucht EinserkandidatAngenommen, Softlab würde für einen Kunden aus der Druckluftbranche arbeiten, hätte auch Maschinenbauingenieur Brand hervorragende Karten für den Beraterjob. Bedingung: Neben einer gewissen Affinität für IT müsse er überzeugend vermitteln, dass sein Einsatz am Ende des Tages Geld in die Kasse spült. Noch bleiben Firmen wie Softlab die Ausnahme. ?Aus Kostengründen wollen Unternehmen niemanden einarbeiten?, bricht Blum eine Lanze für die Personaler. Die Chefetage erwarte schließlich, dass offene Positionen schnell besetzt werden. ?Also kann der Kandidat nur überzeugen, wenn er diesen Nachteil durch besonders begehrte Kompetenzen ausbügeln kann.? Beispiel: Plant eine Molkerei aus dem Allgäu, eine Niederlassung in China aufzubauen, hätte auch Brand gute Chancen. Doch der Betriebswirt, der fließend Mandarin spricht oder bereits drei Jahre in Shanghai in operativer Verantwortung stand, sticht ihn spielend aus.Um die Personaler für sich zu gewinnen, empfiehlt Blum, im Bewerbungsgespräch selbstbewusste Töne anzuschlagen. Höflich und zurückhaltend aufzutreten, ?wie wir alle erzogen worden sind?, sei hingegen kontraproduktiv. ?Die Firmen suchen Macher?, sagt die Beraterin, Leute mit ausgeprägten Schlüsselkompetenzen. Jemanden, der seinen Nutzen fürs Unternehmen auf einen Schlag offenbare. Wie der Sozialwissenschaftler, der als Event-Manager nicht nur ein stimmiges Messekonzept entwickelt, sondern auch die Ärmel hochkrempelt beim Standaufbau. Kloos erwartet von Quereinsteigern, dass sie sich selbst und die Firma exzellent verkaufen könnten. ?Es kostet schließlich eine Stange Geld, etwa einen Ingenieur für den Beraterjob fit zu machen.? Diese Hürde würde Brand leicht nehmen, denn im Vertrieb fühlt er sich pudelwohl.Wer mit solchen Talenten auftrumpfen kann, sollte eigentlich die größten Skeptiker für sich gewinnen. Und keinen Personaler interessiert, mit welcher Akribie die Bewerbungsshow tatsächlich vorbereitet worden war. Denn das ist laut Headhunterin Blum die Pflichtübung vor der Kür: vergleichbare Stellenangebote penibel auf geforderte Qualifikationen abklopfen, einstige Mentoren zu Rate ziehen, ?das Networking niemals vernachlässigen?.Dennoch bleibt der Personaler unkalkulierbar. Anders als vielfach angenommen gebe es keine objektive Personalauswahl, behauptet Blum. Einserkandidat sucht Einserkandidat, Exot neigt zu Exot. ?Ist der Personaler selbst Quereinsteiger, gibt er grünes Licht.? Auf dieses Glückspiel will sich Norbert Brand nicht einlassen: Die Idee, es vielleicht einmal in einer anderen Branche zu versuchen, schlägt er sich schnell aus dem Kopf.
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Dieser Artikel ist erschienen am 13.09.2006