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Der Betonkopf

Von Anne Grüttner
Florentino Pérez hat eine etwas farblose Aura. Aber wenn der gelernte Straßenbauingenieur etwas wirklich will, dann schafft er es auch. Jetzt will der Dickschädel den spanischen Stromkonzern Iberdrola. Es wäre sein Meisterstück.
MADRID. Leider sind es oft die negativen Beschreibungen, die in die Geschichte eingehen. So passierte es auch mit Florentino Pérez, CEO und Präsident des spanischen Mischkonzerns ACS. Viele rühmen ihn, viele bewundern ihn, doch in den Köpfen der Spanier setzte sich vor allem ein Satz des mittlerweile verstorbenen Ex-Präsidenten von Real Madrid, Ramon Mendoza, aus dem Jahr 1994 fest. "Senor Pérez, Sie sind ein trauriger, grauer Typ mit einer Aura von Mehltau." In der Tat eine wenig schmeichelhafte Charakterisierung, die Mendoza abschätzig seinem damaligen Konkurrenten in der Kampagne um die Präsidentschaft von Real Madrid an den Kopf warf.Allerdings: Vielleicht war es tatsächlich das überzeugende Argument, das Mendozas Sieg gegen Pérez herbeiführte. Und vielleicht war die etwas farblose Aura von Florentino Pérez auch verantwortlich dafür, dass dessen frühere politische Ambitionen in verschiedenen, mittlerweile verschwundenen konservativen Parteien stets ins Leere führten.

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Doch die Episode mit Mendoza beleuchtet zugleich die größte Stärke des gelernten Straßenbauingenieurs aus einer mittelständischen Familie, sein Erfolgsrezept, dass seinen Aufstieg in die Spitzenriege spanischer Unternehmer ermöglichte: Er ist ein Dickschädel, der die Dinge, die er sich vorgenommen hat, mit viel Geduld bis zum Ende verfolgt. Denn Pérez gab sich keinesfalls geschlagen nach der Niederlage um den Spitzenposten des Fußballclubs. Im Jahr 2000 trat er wieder an, mit den gleichen Argumenten - und siegte.Und er war so erfolgreich, vor allem in der Sanierung des finanzschwachen Clubs, aber auch durch die Vertragsschließung mit Fußballstars wie Luis Figo, dass er vier Jahre später mit großer Mehrheit wiedergewählt wurde.Schon lange zuvor hatte Perez? Flirt mit der Politik, insbesondere sein etwa einjähriges Zwischenspiel als Generaldirektor für Transportinfrastruktur im Ministerium für Transport, Tourismus und Kommunikation Anfang der 80er-Jahre, ihm wertvolle Kontakte eingebracht. Sie halfen ihm später beim kontinuierlichen Aufbau seines Bau- und Infrastrukturimperiums. Alte Freunde vergisst man nicht. Anfang der 80er-Jahre kehrt er als Vizepräsident der maroden Baufirma "Construcciones Padros", die er für eine Pesete erwarb, in die private Wirtschaft zurück. In dieser Zeit knüpfte er enge Bande mit der mächtigen Bank Santander, die ihm später seine Expansion in den Energiesektor finanzieren half. Ende der 90er-Jahre schließlich vereinte Pérez das Unternehmen mit den drei Bauunternehmen OCISA, Auxini und Ginés Navarro zu dem heutigen Giganten "Actividades de Construcciones y Servicios", kurz ACS.Lesen Sie weiter auf Seite 2: ACS zählt zu Spaniens rentabelsten UnternehmenDer heute 59-Jährige hält persönlich eine Beteiligung von elf Prozent an ACS, sein gesamtes Vermögen ist in dem Unternehmen geparkt, dem er zu einem beachtlichen Aufstieg verhalf. ACS verzeichnete letztes Jahr einen Umsatz von 20 Mrd. Euro und einen Nettogewinn von 1,5 Mrd. Euro. Die spanische Wirtschaftszeitung "Expansion" stellte den Konzern auf Platz sechs in der Liste der rentabelsten spanischen Unternehmen.Dass der Erfolg von ACS auch in Zeiten wie diesen anhält, in denen es im spanischen Immobiliensektor arg zu kriseln beginnt, das hat das Unternehmen der Intuition von Pérez zu verdanken. Er sorgte dafür, dass ACS als erstes der spanischen Bauunternehmen im Ausland Beteiligungen erwarb, etwa am deutschen Baukonzern Hochtief, sowie stark in den Bereich Industriedienstleistungen und später in den Energiesektor zu investieren begann. 2006 übernahm ACS die Kontrollmehrheit am Energieversorger Union Fenosa, im vergangenen Jahr steigt der Konzern unter der Führung von Pérez zum größten Einzelaktionär des Stromkonzerns Iberdrola auf.Die Präsidentschaft von Real Madrid war der Höhepunkt in Florentinos öffentlichem Leben. "Damit hatte er alles erreicht, was er wollte, den Eintritt in die hohe spanische Gesellschaft, ausgezeichnete politische Kontakte, einen Namen", erklärt Manuel Romera, Professor für Finanzwirtschaft an der spanischen Business-School "Instituto de Empresa" in Madrid, der Pérez? Leben intensiv verfolgt hat. Mit seinem freiwilligen Abgang bei Real Madrid Anfang 2006 verschwand Florentino Pérez aus den Medien, gab keine Interviews mehr, tauchte nur noch zur Verkündung der in der Regel ausgezeichneten Quartalsergebnisse von ACS in den Schlagzeilen auf.Doch sein berufliches Lebenswerk hat der dreifache Familienvater noch lange nicht beendet. Das Meisterstück, so scheint es, geht er jetzt erst an. Es gilt, Union Fenosa, die Nummer drei unter den spanischen Energieriesen, zum nationalen Champion des Landes zu machen. Zu diesem Zweck kaufte sich Pérez im vergangenen Jahr mit acht Prozent bei Iberdrola ein, der Nummer eins auf dem Markt. Zwar ist ACS selbst finanziell kaum in der Lage, größere Teile von Iberdrola zu schlucken, doch es verdichten sich die Gerüchte, dass Pérez mächtige ausländische Verbündete wie den französischen Energieriesen EDF oder die deutsche Eon für einen gemeinsamen Angriff auf Iberdrola zu gewinnen sucht, um anschließend große Teile von Iberdrola mit Union Fenosa zu verschmelzen. Der ACS-Chef bestreitet diesen Plan nicht. Und obwohl die Iberdrola -Führung schon im vergangenen Jahr nach dem Eintritt von ACS eine offensive Verteidigungsstrategie entwickelte, ist Pérez nicht zu unterschätzen. Er hat immer noch mächtige Freunde in der Politik, unter finanzstarken spanischen Investoren und nicht zuletzt in der Großbank Santander. Und er hat vor allem eines bewiesen in seinem Leben: "Einen starken Willen und eine große Ausdauer", weiß Romera vom Instituto de Empresa.
Dieser Artikel ist erschienen am 05.02.2008