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Der Beißer von der BBC

Von Thomas Knüwer
Mark Thompson will den Staatssender fit machen für das Internet-Zeitalter. Deshalb hat er sich die Strukturen des Senders rigeros vorgenommen. Man könnte meinen, ein ausgehungertes Tier jage nach dem letzten Stück Fleisch in der Nähe. 15 Prozent Etat will er einsparen und 4000 Stellen streichen. Die einen halten ihn für den Retter ? andere für den Henker.
DÜSSELDORF. Wird ein Manager als ?bissig? beschrieben, ist dies für gewöhnlich eine Metapher. Bei Mark Thompson kann es wörtlich gemeint sein. 1998, als Chefredakteur der Neun-Uhr-Nachrichten der BBC, näherte sich sein Mitarbeiter Anthony Massey Thompsons Schreibtisch. Später gab dieser zu Protokoll, sein Chef habe geknurrt und ?die Zähne in meinem linken Oberarm versenkt?, den er befreien musste wie ?einen Stock aus dem Rachen eines Labradors?.Thompson habe die angespannte Stimmung mit einem Scherz aufhellen wollen, lautet die offizielle Version der BBC. Geschadet hat dem Beißwütigen das bizarre Affärchen nicht ? denn seit 2004 ist er die Nummer eins beim britischen Sender.

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Und seitdem hat er sich die Strukturen seines Arbeitgebers vorgenommen wie ein Labrador ein Stück blutiges Fleisch. Der an Elite-Unis in Oxford auf Führung getrimmte Journalist will die BBC ?bereit machen für das digitale Zeitalter?. Während die einen ihn für den größten Reformer eines öffentlich-rechtlichen Senders weltweit halten, sehen seine Kritiker in ihm einen arroganten und sich selbst drastisch überschätzenden Henker, der die Feste der Qualität zum Rummelplatz macht.Die Diskussionen flammten am Mittwoch in neuer Heftigkeit auf. Thompson gab bei einem Treffen mit der Belegschaft eine komplette Umstrukturierung des Senderkonglomerats bekannt. Markanteste Maßnahmen: Sport und Nachrichten werden in einer Division zusammengelegt, ebenso die Bereich Fernsehen und TV-Produktion. Und schließlich wird sich ein neuer Bereich ?Future Media and Techology? um Internet & Co. kümmern. Neue Chief Operating Officer wird die bisherige Strategiedirektorin Caroline Thomson: Sie ist die neue Schlüsselfigur ihres Chefs, sie soll die Umstrukturierungen bis April kommenden Jahres durchdrücken.Es sind harte Zeiten in der gläsernen Zentrale in White City am Rande Londons. 15 Prozent des Etats will der BBC-Chef sparen, 4 000 Stellen fallen weg. Mindestens. Vergangenes Jahr gab es einen eintägigen Generalstreik, eine weitere Abstimmung über Kampfmaßnahmen konnte vorgestern gerade noch verhindert werden. Im Gegenzug musste Thompson Einsparungen beim Rentenprogramm zurückziehen.Zeitgleich mit Entlassungen und unpopulären Maßnahmen wie dem Umzug der neuen Nachrichtendivision nach Manchester stiegen aber die Gehälter der Top-Manager. Nur Thompson verzichtete auf seinen Bonus 2005: Leisten kann er es sich, mit 459 000 Pfund Gehalt ist er der drittbestbezahlte Manager eines Staatsunternehmens im Königreich.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Gerade hat der ?Guardian? Thompson zum mächtigsten Manager der britischen Medienbranche gekürt. Gerade hat der ?Guardian? Thompson zum mächtigsten Manager der britischen Medienbranche gekürt ? was ja nicht gleichbedeutend mit ?beliebtestem Manager? ist. Als er 2004 antrat, schien er genau der zu sein, auf den die alte Tante BBC gewartet hatte: exzellenter Journalist, durchsetzungsfreudig, offen ? und einer mit Stallgeruch.Als Trainee war er 1979 eingestiegen und hatte sich so beharrlich hochgearbeitet, als habe er immer nur ein Ziel vor Augen gehabt: den BBC-Chefsessel. Selbst sein Wechsel zum Privatsender Channel 4 schien nur Mittel zum Zweck, um sich begehrter zu machen.Doch nach ganz oben hätte es vielleicht nicht gereicht, wäre nicht sein Vorgänger Greg Dyke über jenen Bericht gestolpert, in dem der britischen Regierung vorgeworfen wurde, sie habe Irak-Dossiers aufgemotzt, um einen Grund für den Angriff auf Saddam Hussein zu finden ? in der Folge brachte sich der Waffenexperte David Kelly um.Die Bahn war frei für Thompson. Und für seine Vision einer digitalen BBC: ?Es wird einen großen Schock geben? für klassische Medien, glaubt er: Die zweite Welle der Digitalisierung werde ihnen das Fundament entziehen. Und deshalb soll die BBC im Netz angreifen: ?Sie ist die einzige europäische Marke, die es mit Google und AOL aufnehmen kann.? Weshalb immer mehr Inhalte des Senders frei zugänglich im Internet stehen. Für Bands ohne Plattenvertrag soll die BBC-Seite gar erste Anlaufstelle werden, Bürger sollen sich mit eigenem Material zu Wort melden. Die neue Future-Media-Division darf sich trotz Sparmaßnahmen auf eine Erhöhung ihres Etats freuen: von 250 Millionen auf fast 400 Millionen Pfund.?Wir tun auf diesem Feld mehr, als jede andere Medienorganisation auf der Welt?, sagt der BBC-Chef ? und will mehr Geld: 2007 wird das Parlament über die TV-Gebühren der kommenden zehn Jahre entscheiden. Thompsons Forderung: eine jährliche Erhöhung von über zwei Prozent plus der Inflationsrate ? die Kritiker wüten. ?Aufgeblasen? nennt die ?Sun? die BBC, viel zu teuer sei sie und viel zu bürokratisch. Doch die ?Sun? gehört Rupert Murdoch. Und der macht sich Sorgen, die BBC könne in seinem Geschäft wildern: Schließlich wird mancher Teenager das TV meiden, weil er die Zeit auf Murdochs Jugend-Plattform Myspace verbringt.Andere halten Thompsons bisherige Arbeit für bemerkenswert. So meint der Branchendienst ?Aqute Research?: ?Bei der BBC tun sich aufregende Dinge.? Sie sei eine ?der wenigen Online-Innovationen in Großbritannien.? Thompson wird noch viel Biss brauchen, um seinen Weg weiterzugehen. Aber den hat er ja. Mittwoch verkündete er den Mitarbeitern: ?Wenn Ihnen all das nicht gefällt, sollten Sie darüber nachdenken, ob die BBC noch der rechte Platz für Sie ist.?
Dieser Artikel ist erschienen am 21.07.2006