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Der Baulöwe

Von Oliver Stock
Strabag-Chef Hans-Peter Haselsteiner will die Launen des Kapitalmarkts und seine eigenen wieder zusammenführen. Sein Ziel: die Nummer eins in Europa werden. Mit Zurückhaltung pur hätte es der 63-Jährige allerdings vermutlich auch nicht geschafft, ausgerechnet in Österreich, wo die nächste Grenze nie weit und die Politik jedem Unternehmer stets zu dicht auf den Fersen ist, einen der größten Baukonzerne Europas zu formen.
Aufzüge sind immer irgendwie eng. Plaudern will in diesen auf- oder abwärts sausenden Kabinen auch niemand wirklich. Und der Mitarbeiter, der im neunten Stock des Strabag-Towers in der Wiener Donau-City auf dem Weg nach unten zusteigt, will heute einfach nur nach Hause. Er bleibt stumm. ?,Grüß Gott? sagt man bei uns?, dröhnt Hans-Peter Haselsteiner ihn an. ?Grüß Gott? murmelt der Angesprochene pflichtschuldig und fühlt: Haselsteiners Selbstbewusstsein macht die schmale Kabine noch ein bisschen enger. Der Strabag-Chef mag viele Qualitäten haben, Zurückhaltung gehört nicht dazu.Mit Zurückhaltung pur hätte es der 63-Jährige allerdings vermutlich auch nicht geschafft, ausgerechnet in Österreich, wo die nächste Grenze nie weit und die Politik jedem Unternehmer stets zu dicht auf den Fersen ist, einen der größten Baukonzerne Europas zu formen. 53 000 Mitarbeiter sagen ?Chef? zu ihm, die meisten davon in Deutschland, wo er bislang zwei Coups gelandet hat: 1998, als er die Strabag in Köln in sein Imperium holte und vor zwei Jahren, als er einen Großteil der Firmen aus der Insolvenzmasse der Walter Bau kaufte. Zehn Milliarden Euro Bauleistung lautet noch so eine Zahl, mit der sich Haselsteiner in der Riege der europäischen Baulöwen sehen lassen kann. ?Ich will?, sagt er und lässt damit wieder so einen Satz fallen, für den jeder Lift viel zu klein wäre, ?die Nummer eins in Europa werden.?

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Um genügend Bares für die hochfliegenden Pläne auf dem Konto zu haben, führt Haselsteiner ?in diesem Jahr? wie es offiziell heißt, seinen Konzern mal wieder an die Börse. Er war schon mal dort, organisierte dann aber den Rückzug, weil seine Launen und die des Kapitalmarkts nicht immer in Einklang zu bringen waren. ?Bis zum Sommer kommt der Börsengang?, wird von Analysten hinzugefügt, von denen allerdings viele kaum noch etwas sagen dürfen, weil ihr Arbeitgeber den Börsengang begleitet. Haselsteiner hat sie alle im Boot. Er hasst nichts mehr als Querschläger.Querschläger, wie jenen Herrn Lenz aus Stuttgart, der ihm partout nicht seinen Anteil an der Baufirma Züblin verkaufen will. ?Herr Lenz kommt mir langsam vor wie ein Mann in einem Ruderboot, der mit einer Walther-PPK-Pistole eine vorbeirauschende Fregatte beschießt und nicht merkt, dass er in ihrem Kielwasser untergeht?, sagt Haselsteiner und freut sich über seine Formulierungskunst.Keine Frage: Haselsteiner hat einen ausgeprägten Machtinstinkt. Die Strabag: Das ist er, jedenfalls nach außen. Ein Mann, der Gelegenheiten nicht ungenutzt verstreichen lässt ? dieser Beschreibung dürfte auch der Sohn einer Lehrerin aus Tirol zustimmen. Einst studierte er Ökonomie, wurde Steuerberater und lernte eine Bauunternehmerstochter aus Kärnten kennen. Die beiden heirateten und Haselsteiner übernahm nach dem Tod des Schwiegervaters die Leitung der Baufirma. 1977 kaufte er das insolvente Kärtner Bauunternehmen Soravia. Zehn Jahre später gründete er seine Bauholding.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Niemals Aufträge unter Preis Was ihn für die Branche prädestiniert, beschreiben seine Verhandlungspartner so: Haselsteiners Firmen akquirieren niemals Aufträge unter Preis ? die Bereichschefs halten sich immer an die Strategie des Patrons. Der, so beschreibt es ein Verhandlungsteilnehmer, höre aufmerksam zu, schaue mit wasserblauen Augen über den Brillenrand, dann werde er nervös, dann haue er auf den Tisch, dann verlasse er den Raum ? und dann kann?s wieder weitergehen. Oft mit dem Erfolg, dass sich die Waage ein wenig zu Gunsten von Hans-Peter Haselsteiner geneigt hat.Mit so etwas macht er sich natürlich nicht nur Freunde, besonders in Österreich, ?wo der Schmäh noch rennt?, wie Haselsteiner es fröhlich beschreibt. Als Duzfreund des unberechenbaren Rechten Jörg Haider wurde er hier einst beschimpft. Der österreichische Grünen-Politiker Peter Pilz ? von der politischen Richtung alles andere als ein Freund des Baulöwen ? beschreibt seinen Landsmann mit Blick auf Osthilfe-Garantien, die Haselsteiner gern in Anspruch nahm, so: Haselsteiner, sagte Pilz, sei ein typischer Österreicher. ?Er sagt, der Staat soll sich raushalten. Und gleichzeitig will er, dass der Staat ihm bei jeder Gelegenheit unter die Arme greift.?Als gescheiterter Hobbypolitiker gilt Haselsteiner bei den Grünen, seit er mit seiner Partei, dem liberalen Forum, Österreich auf Trab bringen wollte. Das misslang: Zumindest das Forum existiert nicht mehr. Warum? Falsche Frage. ?Sie können versuchen, mir eine richtige Frage zu stellen. Ich werde dann entscheiden, ob ich sie beantworte?, sagt Hans-Peter Haselsteiner.Eine Frage, die er sich jetzt vor dem Börsengang allerdings stellen muss, ist die, wie korruptionsanfällig sein Riesenkonzern mit Arbeitsschwerpunkt in Deutschland, Russland und dem restlichen Osteuropa ist. In Chemnitz bekam die Strabag neulich unangemeldeten Besuch vom Staatsanwalt, der sich dafür interessierte, wie das Vergabeverfahren zum Bau einer Autobahn ablief. Inzwischen mussten einige Verantwortliche bei der Strabag abdanken. Schön ist das dennoch nicht in einem Markt wie Deutschland, der für den Konzern der wichtigste ist. Mit neuen Ethikstandards, in denen jeder Mitarbeiter geschult wird und die er in den nächsten Wochen zugesandt bekommt, will Haselsteiner solche Vorfälle künftig verhindern.Aber Haselsteiner macht auch deutlich, in welcher Zwickmühle er steckt. Russland ist für die Strabag der Markt der Zukunft. Der Chef ist mächtig stolz, dass er ausgerechnet in Moskau direkt gegenüber vom Kreml ein Strabag-Plakat an einer Baustelle so platziert hat, dass es den Millionen Touristen, die vor dem roten Platz spazieren, genauso ins Auge fällt wie dem russischen Präsidenten auf dem Weg in sein Büro. ? Wie er in Russland an Aufträge komme? ?Wir tun nichts, womit wir ein Problem hätten, es zu erklären?, sagt er, aber schränkt ein: ?Um an Aufträge zu kommen, akzeptieren wir Vermittler, und wir müssen eine gewisse Subunternehmerstruktur akzeptieren. Das ist nicht immer ideal. Aber akzeptiere ich das nicht, kann ich den Markt in Russland vergessen.?
Dieser Artikel ist erschienen am 02.04.2007