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Der Bauer vom Wörthersee

Von Oliver Stock
Tilo Berlin ist Bauer und Banker: In seiner Freizeit züchtet der 48-Jährige Hochlandrinder, abseits der Weide ist er erfolgreicher Geschäftsmann. Vor kurzem kaufte der Hannoveraner die österreichische Hypo Group Alpe Adria, die fünftgrößte Bankengruppe des Landes ? und machte sich selbst zum Chef.
Tilo Berlin, Chef der österreichischen Hypo Group Alpe Adria in Kärnten. Foto: ap
KLAGENFURT. Tilo Berlin hatte aus gegebenem Anlass sein zünftiges Tweedjackett angezogen. Es geht um den Verkauf der österreichischen Hypo Group Alpe Adria. Das ist eine Bank aus Kärnten, die es in den vergangenen zehn Jahren vor allem durch ihr Engagement in Südosteuropa zur fünftgrößten Bankengruppe des Landes gebracht hat. Weil sie zwischendurch im Überschwang Verluste produzierte, die sie weder überschaute noch ordentlich verbuchte und darüber der Börsengang bis auf Weiteres geplatzt war, suchte sie nun nach einem Investor. Den Verkaufsprozess betreute ein Investmentbanker der altehrwürdigen britischen Großbank HSBC.An der Tür klopften die üblichen Verdächtigen: Corsair, Cerberus, Flowers. Jene Finanzinvestoren, mit denen es Investmentbanker vom Schlage des vornehmen Londoners laufend zu tun haben. Man kennt sich, man schätzt sich. Aber wer bitte ist dieser Mann im karierten Tweedjackett und den wilden Locken? ?Ich bin ein Bauer vom Wörthersee?, sagt Thilo Berlin.

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Falsch ist das nicht. Der 48-Jährige züchtet nur einen Steinwurf entfernt von der Klagenfurter Bankzentrale Hochlandrinder. Der Hobbylandwirt hat allerdings in den vergangenen Wochen auch das Geld seiner Kunden um Hunderte von Millionen vermehrt, ist selbst auf einem Vorstandsposten gelandet und hat gemeinsam mit der Bayerischen Landesbank den größten Zukauf in deren Geschichte abgewickelt. Doch der Reihe nach.Vom nüchtern eingerichteten Vorstandszimmer der Hypo-Hauptverwaltung in der vierten Etage ist ein Zipfel seiner Ländereien zu sehen. Tilo Berlin ist Bauer und Banker. Der gebürtige Hannoveraner, der in Wien aufwächst und es in Salzburg zum Juristen und Autorennfahrer bringt, wirbelt elf Jahre für die Deutsche Bank unter Alfred Herrhausen. Eine ?Lichtgestalt? nennt Berlin den ehemaligen Bankchef. Herrhausen angelt sich immer mal wieder an der Personalabteilung vorbei junge Mitarbeiter, von denen er die Wahrheit über das, was in der Bank läuft und was sich die Leute über ihn erzählen, hören will. Er protegiert sie. Berlin gehörte zum Kreis, auf den dieses Licht gefallen war. ?Die da oben sind einsam?, sagt Berlin. Seine Lust dort oben mitzumischen, erhält einen Dämpfer. Aber nur einen kleinen.Nach Herrhausens Ermordung wechselt Berlin zur Landesgirokasse nach Stuttgart und arbeitet mit an der Fusion der Girokasse zur Landesbank Baden-Württemberg. Aus dieser Zeit kennt er einige, die es sich zu kennen lohnt: Ex-WestLB-Chef Thomas Fischer beispielsweise und BayernLB-Chef Werner Schmidt. Beim Bankhaus Warburg knüpft er Kontakte zu den Wohlhabenden dieser Welt und stellt fest: Die kannst Du selbst als unabhängiger Vermögensberater noch besser betreuen. ?Unternehmerisch denkende Kunden haben bei Banken, die letztlich ein Produkt von der Stange verkaufen, irgendwann ein Problem. Da kocht der Chef nicht selbst.? Berlin macht sich im Jahr 1999 selbstständig.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Beim Kauf der Hypo Group Alpe Adria pokert Berlin hoch.Bis hierhin ist der Karriereweg ziemlich ausgelatscht. Der Banker, der auf eigene Rechnung besser klar kommt ? die Geschichte haben schon hundert andere erzählt. ?Es existieren ziemliche Längen darin?, räumt Berlin ein und unternimmt einen Ausflug ins Philosophische: ?Aber im Nachhinein ergibt es Sinn. Man muss seinem Stern folgen und Vertrauen haben.? Glück gehört wohl auch dazu.Berlin gründet gemeinsam mit einem Partner eine eigene Gesellschaft, die sich dem Vermögen wohlhabender Familien annimmt. ?Family Office? nennt sich so etwas im Bankerdeutsch. Einige dieser Familien ? wie etwa die Piëchs aus Österreich ? gehören laut Handelsregister selbst zu den Anteilseignern an der Vermögensverwaltung Berlin & Co. Veit Sorger, Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung zählt auch zu den Kunden. Mehr als vier Prozent hält allerdings niemand an Berlins Geldmaschine. Der Einfluss der Superreichen bleibt begrenzt. Aber sie mögen den Mann, der ihre Milliarden vermehrt und der sich am schönen Wörthersee, von wo auch seine Frau stammt, in ihren exklusiven Kreisen bewegt.Das alles weiß der HSBC-Investmentbanker nicht, als er ihn fragt, für wie viel Prozent der Anteile an der Hypo Group Alpe Adria sich ?Mr. Berlin, a local farmer from the Wörthersee? denn so interessiere.?Wenn der Preis stimmt, für alles?, sagt Berlin, der in dieser Minute hoch pokert. Er hat in den Wochen vor diesem entscheidenden Gespräch Millionen Euro ausgegeben, um Anwälte und Wirtschaftsprüfer zu beschäftigen. Sie haben bestätigt, dass die Hypo Group Alpe Adria wegen ihrer Tochterfirmen in Südosteuropa eine intakte Wachstumsstory bietet. Sie haben aber auch darauf hingewiesen, dass die Bank mit ihrem chronisch klammen bisherigen Haupteigentümer, dem Land Kärnten, nur über knappe Eigenmittel verfügt und dass die Verquickung von Politik und Wirtschaft das Geldhaus nicht unbedingt vorangebracht hat. Alles, was zu haben ist, würde heißen, dass Berlin langfristig 800 Mill. Euro auftreiben muss. Kurzfristig sind es immerhin 130 Mill, die er garantieren muss. Soviel hat er nicht. Er ist nicht Jack Snow von Cerberus, dessen einzige Sorge darin besteht, möglichst schnell, möglichst viel Geld, möglichst sinnvoll anzulegen. Berlin erhält von dem misstrauischen Investmentbanker eine Woche Zeit, um den Nachweis zu erbringen, über das nötige Kapital zu verfügen. Er muss gewinnen, sonst hätte er einen herben Verlust eingefahren, den seine Kunden gar nicht schätzen würden.Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein ganz bisschen Heuschrecke?In so einer Situation steigt der Adrenalinpegel so hoch, dass alle Zweifel verschwinden?, sagt Berlin. Er setzt sich an den Bildschirm, verschickt Mails, ruft Kunden an. Er erhält Absagen, wie etwa die eines Reeders aus dem hohen Norden: ?Reichlich komplex und dann auch noch auf dem Balkan?, schreibt der ihm. Er legt nach. ?Darf?s noch ein Eitzerl mehr sein?, fragt Berlin seine Österreicher, die verstehen, dass sie noch einmal zehn bis 20 Millionen Euro drauflegen sollen. Nach einer Woche steht die Finanzierung tatsächlich. Die Tilo-Berlin-Gruppe wird Großinvestor bei der Hypo Group Alpe Adria. Als Berlin später mit einer zweiten Tranche nachlegt, erhält er mehr Zusagen, als er brauchen kann.Der Rest ist schnell erzählt. Die Bayerische Landesbank, die im Retailgeschäft wachsen will, kommt beim Verkauf der österreichischen Bank Bawag nicht zum Zug. Hier ist Cerberus erfolgreich. Landesbankchef Schmidt klopft bei Berlin an, den er aus frühen Jahren kennt. Er bietet rund 1,6 Mrd. Euro für die Mehrheit an der Kärntner Bank. Und er verpflichtet Berlin, dem er vertraut, den Vorstandsposten zu übernehmen. Berlin willigt ein. Er sei eben nur ein ganz bisschen eine Heuschrecke.
Eiszeit zwischen Wien und KlagenfurtNummer 5: Die Hypo Group Alpe Adria ist mit einer Bilanzsumme von 30,6 Mrd. Euro die fünftgrößte Bank in Österreich. Die Ergebnisse des vergangenen Jahres wurden durch Bilanzmanipulationen belastet. Das Betriebsergebnis sank von 305 auf 299 Mill. Euro. Wegen einer schwachen Eigenkapitalausstattung hat die Bank eine Kapitalerhöhung vorgenommen, die Investor Tilo Berlin zum Einstieg nutzte.Bayern steigt ein: Tilo Berlin sowie die anderen Eigentümer ? das Land Kärnten und der Versicherer Grazer Wechselseitige ? verkauften die Mehrheit an der Bank im Frühjahr an die Bayerische Landesbank, die hofft, dadurch wieder einen Wachstumstreiber zu erhalten. Die Banken in Wien hatten in letzter Minute versucht, den Kauf durch ein eigenes Angebot zu verhindern, kamen aber zu spät. Seither herrscht zwischen Klagenfurt und Wien Eiszeit. In Wien frohlockte man, als Kroatien der Landesbank den Kauf der dortigen Hypo-Group-Töchter untersagte. Das Problem ist inzwischen gelöst. Die Klagenfurter werden einen neuen Übernahmeantrag in Kroatien stellen, der genehmigt werden dürfte.
Dieser Artikel ist erschienen am 01.08.2007