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Der arme Molkerei-König

Von Peter Reinhardt, Handelsblatt
Zehn Jahre lang hat er sich vor diesem Untreueprozess gedrückt. Jetzt hat der frühere Südmilch-Chef Wolfgang Weber ein Geständnis abgelegt. Vor Gericht entwirft er dabei das Bild eines verarmten Mannes am Ende eines Berufslebens.
Wolfgang Weber auf dem Weg ins Gericht. Foto: dpa
STUTTGART. Einen kurzen Moment zögert der hoch gewachsene Mann mit der noch immer stattlichen Figur und dem markanten kahlen Schädel. Doch den Journalisten will er in der Pause nicht einmal die Frage nach seinem persönlichen Befinden beantworten. ?Das Gericht ist die richtige Adresse für mich?, sagt Wolfgang Weber nur. Vor dem Stuttgarter Landgericht legt der langjährige Vorstandsvorsitzende der Südmilch AG dann gleich zu Beginn seines Untreueprozesses ein Geständnis ab: ?Der Anklagevorwurf ist prinzipiell begründet.?Zehn Jahre lang hat Weber sich vor diesem Satz und diesem Prozess gedrückt. Im August 1993 flieht er Hals über Kopf nach Paraguay, noch ehe die Stuttgarter Staatsanwälte ihm den Haftbefehl präsentieren können. Auf bis heute ungeklärte Weise hat er bei einem Zwischenstopp in Frankreich Wind davon bekommen.

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Erst zehn Jahre später, am 16. September dieses Jahres, kommt er freiwillig zurück. Der internationale Haftbefehl wird gegen eine Kaution von 100 000 Euro ausgesetzt. Schon bald machen Gerüchte die Runde, Weber komme mit einer Bewährungsstrafe davon. ?Dazu sage ich nichts?, gibt sich Oberstaatsanwalt Martin Klose gestern wortkarg. Dass es ein kurzer Prozess wird, deuten die drei Verhandlungstage an.Bei Weber geht es jetzt nur noch um den Vorwurf der Untreue. Die Südmilch, so stellt es Klose in der verlesenen Anklageschrift dar, hat sich von der Sachsenmilch ziemlich wertloses Molkereiwissen mit 19,4 Millionen Euro bezahlen lassen, um die marode Bilanz des Jahres 1991 aufzubessern. ?Es handelte sich um allgemein zugängliches und bei der Sachsenmilch bereits vorhandenes Fachwissen?, erläutert Klose.Der Angeklagte Weber bestätigt den Vorgang. Im Sommer 1991 habe die Südmilch einen gravierenden Umsatzeinbruch und erheblichen Bilanzverlust verkraften müssen. ?Deshalb entstand die Idee einer Bilanzhilfe?, gesteht der 68-Jährige mit leiser Stimme im größten Saal des Landgerichts. Eine Überforderung der Sachsenmilch habe er billigend in Kauf genommen. Schleppend kommen die Worte über die Lippen des einst so selbstbewusst auftretenden Molkerei-Managers, der die bäurischen Milchlieferanten um den Finger wickeln konnte.Das schwammig formulierte Geständnis dürfte Webers Angebot im Deal mit der Staatsanwaltschaft sein. Im Gegenzug lässt sie den Vorwurf des Betrugs fallen. Das Gericht akzeptiert diesen Deal so kurzfristig, dass selbst auf der Tagesordnung für den Prozess noch von Betrug die Rede ist. Im Hintergrund steht ein Schaden von 42 Millionen Mark, den die Deutsche Bank durch unvollständige Angaben für den Börsenprospekt erlitten hat.Der Prozess ist das letzte Kapitel in einem spektakulären Wirtschaftskrimi, der mit Weber als Hauptdarsteller vor bald 15 Jahren seinen Anfang nahm. Seit 1970 ist er Vorstandschef der Südmilch und macht sie bis Ende der achtziger Jahre zur größten Molkerei Deutschlands mit einem Umsatz von gut 600 Millionen Euro. Selbst die Verurteilung wegen Steuerhinterziehung im Juni 1991 übersteht der Alleinherrscher. Zwei Jahre auf Bewährung samt 1,2 Millionen Euro Geldstrafe hatte ihm das Landgericht Stuttgart damals aufgebrummt. Aber die bäurischen Aufsichtsräte lassen ihn gewähren. Sie zieht der wortgewaltige Vorstandschef immer wieder auf seine Seite, indem er gute Milchpreise garantiert. Weber kann schalten und walten, wie er will.Dabei knirscht es im Sommer 1991 schon im Unternehmen. Die nach der deutschen Wiedervereinigung aufgeblähten Umsätze brechen ein, beim Molkereineubau der Tochter Sachsenmilch in Leppersdorf laufen die Kosten aus dem Ruder. Statt der veranschlagten 260 Millionen Mark verschlingt das Projekt 400 Millionen Mark. Trotzdem bringt Weber die Sachsenmilch als erstes Unternehmen aus den neuen Ländern an die Börse. Webers Triumph währt nur kurz. ?Leppersdorf hat ihm das Genick gebrochen?, blickt Ernst Geprägs, der langjährige Präsident des Bauernverbandes im Südwesten, zurück.Doch noch einmal kriegt Weber die Kurve. Er flüchtet im August 1993 nach Paraguay, ehe ihn die Staatsanwälte hinter Gitter bringen können. In dem südamerikanischen Land hat er bereits eine Adresse: Estancia Remonia S.A., Ruta Neun, km 511,5, wo sein Vater eine Viehzucht aufgebaut hat. Weber wird als Ranchbesitzer eingebürgert und genießt den Schutz der Politik. So kann er Besuchern seine Ländereien vorführen und sich nach einer zweistündigen Rundfahrt brüsten: ?Wir sind gerade mal ums Haus gefahren.?Doch auch in Paraguay laufen die Geschäfte nicht so glänzend. Im Stuttgarter Gerichtssaal schildert er gestern die Realität: Statt 25 000 Rinder, wie Anfang der 90er-Jahre, weiden heute nur noch 8 000 auf seiner Ranch. Um die Schulden zu bezahlen, muss er drei Viertel der einst 40 000 Hektar Grundbesitz verkaufen.So schwammig wie Weber sein Geständnis formuliert, so präzise sind seine Angaben zur Vermögenslage. Er entwirft das Bild eines verarmten Mannes am Ende eines Berufslebens. Dabei habe er ?über 60 Jahre in schwieriger Zeit für die Bauern? geackert. Die Ranch in Paraguay gehöre der vom Vater gegründeten Familienstiftung. In Deutschland sei ihm kein Besitz geblieben.?Derzeit lebe ich von den 1 919,03 Euro, die mir jeden Monat die BfA überweist?, beklagt sich der Ex-Chef des einst größten deutschen Molkereikonzerns bei den Richtern.
Dieser Artikel ist erschienen am 22.10.2003