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Der Apotheker-Schreck

Von Peter Brors und Landgraf
Die Versandhandelsapotheke Doc Morris in Landgraaf bei Kerkrade verkauft zum Leidwesen deutscher Apotheken immer mehr Medikamente per Internet. Ihr Chef Ralf Däinghaus gehört zu Deutschlands erfolgreicheren New-Economy-Gründern.
Eine gute deutsche Apotheke sieht gemeinhin ganz anders aus. Sie hat sich normalerweise nicht in einem abgelegenen Gewerbegebiet niedergelassen, wo der Nachbar auf den Namen DuPont hört und Chemie verkauft. Sie besitzt kein Call-Center, wo junge Frauen auf engstem Raum unter einem schlichten Flachdach zusammensitzen und Bestellungen im Akkord abarbeiten. Sie leistet sich keinen 200 Quadratmeter großen Lagerraum, in dem 10 000 verschiedene Medikamente in Regalen darauf warten, dass die Lagerarbeiter die Vorgabe aus der Chefetage erfüllen: das versandfertige Schnüren von 80 Paketen pro Stunde.Und: Sie hat auch keinen Panzerschrank, in dem Potenzmittel wie Viagra und Cialis extra weggesperrt werden müssen, ?weil derartige Medikamente sonst noch laufen lernen?. Der Mann, der das sagt, heißt Ralf Däinghaus, trägt eine schwarze Woody-Allen-Brille und das blonde Haar ziemlich wirr. Der 36-Jährige gehört zu den erfolgreicheren unter Deutschlands New-Economy-Gründern, weil sein Unternehmen nicht nur besonders schnell gewachsen ist, sondern auch den Niedergang der Internet-Industrie ohne größere Schrammen überstanden hat.

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Heute ist Däinghaus Chef von 160 Mitarbeitern der Versandhandelsapotheke Doc Morris in Landgraaf bei Kerkrade, knapp zehn Kilometer jenseits der Grenze in den Niederlanden. Für den aus dem Bergischen Land stammenden Jung-Unternehmer bisher ein optimaler Standort, da im Nachbarland der Versandhandel von Medikamenten längst erlaubt ist und die deutschen Paketdienste gleich hinter der Grenze die Bestellungen der Kunden aus Deutschland noch annehmen.Ein gefährlicher AngreiferWeil das inzwischen bis zu 3 000 pro Tag sind, übertrifft der Newcomer den Umsatz einer herkömmlichen Apotheke längst um ein Vielfaches. Und rüttelt so wie kein anderer zuvor an den Strukturen einer seit vielen Jahren abgeschotteten und gut verdienenden Branche.Bei der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) gilt er deshalb als gefährlicher Angreifer, der gestoppt werden muss. ?Internetversender wie Doc Morris?, zetert der Verband, ?können nicht bieten, was im deutschen Apothekenwesen praktiziert wird: die rundum sichere Versorgung der Bevölkerung mit Arzneien?. Nach den Worten des Chefs der Apothekerkammer Nordrhein, Karl-Rudolf Mattenklotz, wird ?das bewährte Apothekensystem? auf diese Weise sogar ?mutwillig zerstört?.Und so überzieht die Apotheken- Lobby Doc Morris mit Klagen. Mehrfach steht Däinghaus? Unternehmen vor dem Aus. Doch der studierte Informatiker, der auch schon über die Programmierung von Raketen im virtuellen Raum forschte, findet immer wieder einen Ausweg ? und glaubt sich nun am Ziel.Er sagt: ?Seit die Gesundheitsreform beschlossene Sache ist und damit ab 2004 auch der Versandhandel von Medikamenten in Deutschland, müsste jedem in der Branche klar sein, dass es künftig zwei Vertriebswege geben wird: jenen über die normale Apotheke und jenen über Versender?. Also Firmen, die im Ausland Medikamente ohne Preisbindung günstiger einkaufen können, die keine Rezeptgebühren verlangen und deshalb um bis zu fünfzehn Prozent billiger sind, was die Verbraucherzentrale Berlin für Doc Morris bestätigt ? und die meisten Krankenkassen freut.Die Bestellung bei Doc Morris ist denkbar einfach: Bei einem Rundgang durch die Firma erklärt Däinghaus das Prinzip. In einem Bestellformular, das auch im Internet zu finden ist, notieren die Kunden ihren Medikamentenwunsch und die Lieferadresse. Und schicken, falls für die Bestellung nötig, das Originalrezept des Arztes ein."Es kann nicht hektisch genug sein"Einen direkten Kontakt zur Apotheke gibt es nicht, was, so Däinghaus, ?viele Viagra-Patienten freut. Den ersparen wir den womöglich peinlichen Gang zum Apotheker-Tresen?. Fünf Tage später sind die Pillen beim Kunden, wenn nicht der Server wegen Überlastung zusammenbricht. Däinghaus sagt zwar, das dürfe nicht passieren. Aber so, wie er es sagt, ist er vielleicht auch ein bisschen stolz darauf, dass es schon mal so weit gekommen ist. ?Wenn es nach mir geht, kann es nicht hektisch genug sein. Ich brauche Stress, ich muss ständig was losmachen.?Für Burda New Media leitete er einst das Cyberlab, dann schuf er mit Freunden die Multimediaagentur Yellow Planet, schließlich Doc Morris: drei Managerjobs binnen weniger Jahre ? gut, dass seine Apotheke auch Beruhigungsmittel anbietet. Ein Angestellter sagt: ?Der Chef dreht oft ganz schön hoch, das strengt an, um nicht zu sagen: Es nervt.?Es ist jetzt gegen elf Uhr an diesem schönen Spätsommermorgen. Däinghaus hat zum hellen Anzug ein dezent gemustertes Hemd samt passender hellblauer Krawatte angezogen. Er sitzt in einem fensterlosen Konferenzraum seiner inzwischen viel zu klein geratenen Zentrale und spricht über die Zukunft seines Modells.Spätestens da wird klar, dass für ihn nun der Moment gekommen ist, noch einmal richtig anzugreifen. ?Ganz eindeutig gehören wir zu den Gewinnern der Gesundheitsreform, jetzt geht es erst richtig los? ? und zwar in Deutschland, wo die Firma 75 Prozent ihres Umsatzes macht, der in diesem Jahr bei 45 Millionen Euro liegen wird. Däinghaus und sein Co-Gründer, der Apotheker Jacques Waterval, halten je rund ein Drittel der Anteile, der Rest liegt bei der Risikokapital-Firma Techno Nord. Die Suche nach einem zweiten Standort läuft bereits: irgendwo zwischen dem Rhein-Main- und dem Ruhrgebiet.Doch er ist nicht der einzige Arzneiversender, der schon bald auch von Deutschland aus Medizin verschicken will: Das planen auch die Schweizer Versandapotheke Medi- Service, das Internetportal Gesundheitsscout 24 und sogar Aponet, eine Internet-Initiative ausgerechnet des Apothekenverbands ABDA, der das Doc-Morris-Geschäftsmodell bisher besonders heftig kritisiert hat. Selbst Drogerieketten und der Handelsriese Quelle denken über einen Einstieg nach.Allerdings, und darauf weisen Gesundheitsexperten hin, hat nicht einmal Branchenprimus Doc Morris bislang auch nur einen Cent verdient. Däinghaus räumt ein: ?Die Gewinnschwelle erreichen wir erst im ersten Quartal 2004.?
Dieser Artikel ist erschienen am 29.09.2003