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Der Antichrist der Esskultur

Von Kirsten Niemann
Der streitbare Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer wettert gegen Diäten und ignoriert den Feiertagsspeck: "Essen macht satt ? und im günstigsten Fall schmeckt es gut."
HB BERLIN. Auf dem Podium neben ihm sitzen Fachleute fürs Essen. Schlank sind sie, die Gesichter ernst, die Mundwinkel leicht knotig. Die Deutschen werden immer dicker, klagen sie. Also diskutieren sie darüber, wie man schon Kindern beibringen kann, vernünftig zu essen. Obst, Gemüse und Vollkornbrot. Gesundes Essen eben. Doch der, der eben diesen Satz über die Engländer gesagt hat, ist nicht schlank. Pollmer ist ein stattlicher Mensch mit vollem Kinn.Nun ziehen sich seine Augenbrauen energisch nach oben, der Mann schüttelt den Kopf. Bei Gelegenheiten wie diesen wird er kribbelig, sein Sendungsbewusstsein fährt hoch: ?Essen ist nicht gesund und macht auch nicht gesund. Essen macht satt ? und im günstigsten Fall schmeckt es gut.? Wieder Applaus.

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des Handelsblattes vom 06.JanuarWeekend Journal
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Der 52-jährige Ernährungswissenschaftler und Lebensmittelchemiker ist der böse Bube seiner Zunft. Eine Art Reich-Ranicki der Esskultur, ein Anti-Christ, der mit Wollust längst akzeptierte Standpunkte seiner Kollegen in Frage stellt.Vor allem ärgert er sich über die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und Gesundheit (DGE) mit ihren generalisierenden Empfehlungen zu gesundem Essen und der Zurückhaltung bei Fett und Fleisch.Raten die Ernährungsberater zum zügellosen Wasserkonsum, spricht er von der Gefahr einer Wasservergiftung. ?Nehmen wir die Sportler: Die schwitzen Salz aus und überladen sich gleichzeitig mit Wasser.? Das kann, so Pollmer, zu einem Wasserüberschuss im Körper führen. Mit der Folge: tödliche Gehirn- und Lungenödeme.Außerdem gebe es überhaupt nur drei Lebensmittel, denen ? in Maßen konsumiert ? eine gesundheitsfördernde Wirkung nachgewiesen werden konnte. Pollmer zählt auf und lächelt listig: ?Alkohol, Kaffee und Schokolade.?Lesen Sie weiter auf Seite 2:Beifall bekommt der Experte in erster Linie von den Dicken, Diätmüden und unbedarften Allesfressern.Beifall bekommt der Experte in erster Linie von den Dicken, Diätmüden und unbedarften Allesfressern, die nicht über jeden Bissen nachdenken wollen. Pollmers Feindbild Nummer eins: ?magersüchtige Ernährungsberaterinnen?.?Esst endlich normal!? ? so lautet der Titel seines aktuellen Ratgebers, der kürzlich erschienen ist. Pollmers Theorie ist simpel: Wenn auch nach 50 Jahren Ernährungsberatung die Menschen nicht schlanker, sondern dicker werden, sind vielleicht nicht Esslust und Bewegungsmangel daran schuld, sondern die Beratung. Der kühne Schluss: Das Gewicht eines Menschen hat nichts mit seiner Ernährung zu tun.Pollmer ist ein Handelsreisender in Sachen Volksgesundheit. Mit Rollkoffer und Aktentasche tourt er an drei Tagen in der Woche durch die Republik. Doch wenn die anderen von Nahrungspyramiden reden, glaubt er an ein instinktiv korrektes Essverhalten des Einzelnen, das lediglich durch die Empfehlungen der Experten durcheinander gerät.Die böse Folge: Essstörungen. Pollmer hält Seminare und Vorträge und diskutiert auf den Podien in Expertenkreisen. Dort watscht er nicht nur die deutschen Ökotrophologen ab, sondern ärgert auch Kardiologen, Orthopäden und Internisten.Eben alle, die Übergewicht für Krankheiten wie Diabetes, Schlaganfall und Herzinfarkt verantwortlich machen. Ein schwergewichtiger Polemiker sei er, der die Statistiken umdeute, um das eigene gutbürgerliche Essverhalten zu rechtfertigen. Ein Spinner, ein Radaubruder, sagen die Kritiker. Wer es freundlich mit ihm meint, der hält ihn vielleicht noch für einen Komiker. Pollmer mag zwar unterhaltsam sein, wenn er pointiert und mit sonorer Stimme die Argumente der anderen zerpflückt.Aber er meint das alles nicht lustig. Schon 1981, kurz nach seinem Staatsexamen für Lebensmittelchemie, verblüffte Pollmer die Fachwelt. ?Iss und stirb!? hieß sein erster Ratgeber, den er damals mit der Kollegin Eva Kapfelsperger verfasst hatte. Es war das erste Buch, das sich wissenschaftlich mit Schadstoffen in unserer Nahrung auseinander setzte, und wurde ein Bestseller.Lesen Sie weiter auf Seite 3:Damit rückte Pollmer zunächst in die Nähe der Ökos. Damit rückte Pollmer zunächst in die Nähe der Ökos. Aber die mögen ihn heute auch nicht mehr. ?Die Ökos schüren das Misstrauen gegenüber unserem Essen. Nur deshalb kommen die Leute doch auf die Idee, sie bräuchten Vitaminpillen.? Natürlich brauchen sie die nicht. Und ob Bio-Nahrung gesunder sei als herkömmlich produzierte, sei ?alleine eine Frage der Lebensanschauung?.Aber Pollmers Haltung ist keine Frage der Lebensanschauung. ?Ich kann meine Thesen belegen?, behauptet er. Dann vergräbt er sich in den Bibliotheken zwischen München und Hannover. Es folgen Buchtitel wie ?Prost Mahlzeit?, das ?Lexikon der Ernährungsirrtümer? und das ?Lexikon der Fitnessirrtümer?.Pollmer weiß nicht, wie viel er wiegt. Es interessiert ihn auch nicht. Sport? Das war früher mal, der Mensch ändert sich. Und wenn der Ernährungsexperte zu Hause seinen Kühlschrank nach Resten durchforstet und schließlich Eier, Speck und Kartoffeln in die Pfanne haut, dann möchte man ihm zurufen: Halt! Cholesterin! Nicht so viel Butter!Kann man sich glatt schenken. Selbst wenn sein fünf Jahre altes Töchterchen nur Pommes isst statt Gemüse, bleibt der Experte cool. Er argumentiert mit dem ?Darmhirn?. ?Unser Körper holt sich, was er will. Wer fettbewusst zur Halbfettbutter greift, isst zum Ausgleich Croissants.? Soll heißen: Wer Lust auf Bratkartoffeln hat, der isst keinen Apfel.Jeder Versuch, den Bauch mit dem Kopf zu steuern, scheitert. Was rät er den Menschen, die über die Feiertage mit Hilfe von Gänsebraten und Stollen zugelegt haben? Nichts. Eine Gewichtszunahme sei völlig normal im Winter. ?Im Frühjahr geht das automatisch wieder weg.?
Vita UDO POLLMER, Jahrgang 1954, ist seit seinem Examen für Lebensmittelchemie in München (1981) selbstständig tätig als Wissenschaftsjournalist, Buchautor, Unternehmensberater und Dozent. Sachbücher u. a.: ?Iss und stirb ? Chemie in unserer Nahrung?, ?Prost Mahlzeit ? krank durch gesunde Ernährung?, ?Liebe geht durch die Nase ? was unser Verhalten beeinflusst und lenkt?, ?Mythos Cholesterin ? die zehn größten Irrtümer?.Seit 1995 arbeitet er als wissenschaftlicher Leiter des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (EU.L.E.). Heute ist der Lebensmittelchemiker der renommierte Kritiker von Ernährungsberatern und deren Empfehlungen für gesundes Essen. Insbesondere die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) ist seit Jahren Zielscheibe seiner Kritik. Pollmer lebt mit seiner Frau ? ebenfalls Lebensmittel-Technikerin ? und der fünfjährigen Tochter bei Heilbronn.
Dieser Artikel ist erschienen am 06.01.2006