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Der Anti-Pate

Von Katharina Kort
Die Mafia saugt Süditaliens Unternehmen aus. Doch Ivan Lo Bello, Chef des sizilianischen Unternehmerverbandes Confindustria, kämpft dagegen an. Jetzt hat er die Mitglieder seines Verbandes verpflichtet, Schutzgeld-Erpresser sofort anzuzeigen. Ein gefährliches Spiel.
MAILAND. Ein Revolutionär sieht anders aus. Mit ruhiger Stimme und moderaten Gesten erklärt der in dunkles Tuch gekleidete, schlanke Jurist mit Halbglatze, wie er eine der gefürchtetsten kriminellen Organisationen der Welt bekämpft: die Mafia. "Die Mafia ist auf dem Rückzug", sagt Ivan Lo Bello bei einer Stippvisite in Mailand. Und er hat einen Anteil daran.Lo Bello ist in dritter Generation Unternehmer und seit 2006 Präsident des mächtigen italienischen Industrieverbands Confindustria in Sizilien. Lo Bellos Familie betreibt Unternehmen, die vieles herstellen, von Babynahrung bis zu Industrieanlagen. Die Großbank Unicredit ernannte ihn jüngst zum Präsidenten des Verwaltungsrats der Tochter Banco di Sicilia. Und als Präsident des Industriellenverbands geht er in Sizilien einen revolutionären Weg, den er als Modell für andere Regionen sieht.

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In seinem Verband müssen nach dem neuen Ethik-Kodex vom September Unternehmer, von denen die Mafia Schutzgeld verlangt, die Erpresser unverzüglich anzeigen. Wer nicht zur Polizei geht, wird aus der Confindustria ausgeschlossen. "Unsere Mitglieder haben mittlerweile mehr Angst vor dieser sozialen Sanktion als davor, wegen Behinderung der Justiz belangt zu werden", erzählt er mit einem nur angedeuteten Siegerlächeln.Seine Erfolge können sich durch-aus messen lassen: In Palermo, wo sich in den vergangenen Jahrzehnten nur wenige Unternehmer getraut haben, die Geldeintreiber anzuzeigen, haben seit September 35 Unternehmer ihre Peiniger bei der Polizei gemeldet. In dem 50 000-Einwohner-Städtchen Gela waren es sogar 90 Unternehmer.Diesen Erfolg will Lo Bello, der auch auf nationaler Ebene in der Confindustria arbeitet, nun auch nach Kalabrien bringen, wo die mächtige Ndrangheta ihr Unwesen treibt, und nach Kampanien, dem Gebiet der Camorra. "In Kampanien haben unsere Kollegen gleich gesagt, dass sie gerne mitmachen würden", sagt Lo Bello. In Kalabrien sei es dagegen deutlich schwieriger, Unterstützung für das Vorhaben zu finden.Viele Kollegen und Freunde haben ihn gefragt, warum er sich den Kampf gegen die Mafia antue. Der 44-jährige Lo Bello gehört zu jener Generation, die des Wegguckens müde ist. "Ich erinnere mich noch immer gut an Lebero Grassi", erzählt Lo Bello über den Unternehmer, der sich geweigert hatte, Schutzgeld zu zahlen. "Damals hat die Confindustria ihn für verrückt erklärt und ihm die Unterstützung verweigert." Später hat ihn die Mafia auf offener Straße erschossen. Das war 1991 und hinterließ bei Lo Bello einen tiefen Eindruck.Giuseppe Lumia, in diesem Frühjahr stellvertretender Vorsitzender des Anti-Mafia-Ausschusses im Parlament, nennt den Aufstieg Lo Bellos bei der Unicredit-Tochter "ein positives Signal für Sizilien".Die Schutzgelder schädigen die sizilianischen Unternehmer nicht nur moralisch, sondern auch wirtschaftlich: "Schutzgelder kosten sie schätzungsweise eine Milliarde Euro im Jahr", sagt Lo Bello.Wer nicht zahlen will, muss die Erpresser anzeigen - oder die Branche wechseln. "Die Mafia ist archaisch. Sie wird nie ein Software-Unternehmen kontrollieren oder eines, das auf dem Weltmarkt agiert", ist Lo Bello überzeugt. "Die Mafia spezialisiert sich auf lokale Unternehmen, die möglichst staatliche Kunden haben", sagt er.Er selbst kommt aus Siracusa, einer Gegend Siziliens, die lange als verweichlicht belächelt wurde, weil sie eben keine Mafia hatte. Dafür sind hier heute modernere Unternehmen ansässig als in anderen Regionen.Nach eigenem Bekunden hat Lo Bello selbst noch keine Schutzgeldforderung erhalten. "Unsere Kunden sind bei Babynahrung die Endverbraucher und bei den Industrieanlagen Unternehmen weltweit. Das interessiert die Mafia nicht."Dennoch lebt auch der Präsident der Confindustria unter Polizeischutz, worüber er nicht gerne spricht. "Wir wollen die Nachricht herüberbringen, dass es normal ist, nicht mit der Mafia zusammenzuarbeiten", sagt er, während er seinen sonst offenen Blick auf seine Hände senkt. In seiner Freizeit widmet sich der Vater zweier Töchter der Literatur - und bleibt manchmal auch da beim Thema: Das Buch "Gamorra" von Saviano über die Camorra hatte er zwei Tage nach Erscheinen schon ausgelesen. "Manchmal bringen Bücher mehr als Tausende Soldaten", findet er.
Dieser Artikel ist erschienen am 18.06.2008