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Der Anstifter zum Stiften

Von Georg Weishaupt
Arend Oetker ist in allen Welten zu Hause: Er steuert eine große Firmengruppe, kümmert sich um Völkerverständigung und Wissenschaft ? und fördert die Kunst, wo er nur kann. Das Geld dazu verdient er mit Marmelade, Fruchtzubereitungen und Müsliriegeln aller Art. Dem schlanken 67-Jährigen sieht man das Faible für solche Extreme nicht an.
Direkt gegenüber auf der Wand geht es ganz sachlich und friedlich zu: Fotokünstler Thomas Struth hat ein Häuserlabyrinth in Japans Megametropole Tokio eingefangen.?Ich mag diese Gegensätze?, sagt Arend Oetker über die Kunstwerke im Vorraum zu seinem Arbeitszimmer in seiner Berliner Villa, die er ?Wohnhaus mit angehängtem Büro? nennt.

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Dem schlanken 67-Jährigen sieht man das Faible für solche Extreme nicht an. Er macht eher einen konservativen Eindruck: dunkler Anzug, Krawatte mit kleinem Blümchenmuster, leise, angenehme Stimme ? Typ hanseatischer Geschäftsmann.Aber Arend Oetker ist aufgeschlossen, spontan und beweglich wie nur wenige im Lande: Er ist leidenschaftlicher Unternehmer, Förderer von Kunst und Wissenschaft und sieht sich ?als Brückenbauer zwischen Politik, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft?. In dieser Rolle reist er viel, manchmal sogar an einem Tag: von seinen Schwartauer-Werken bei Lübeck zur Galerie für Moderne Kunst nach Leipzig und dann zu einer Sitzung des BDI nach Berlin.?Wenn er im Haus ist, schaut er immer mal schnell vorbei, öffnet seinen Alu-Koffer und holt noch eben ein paar Arbeitsaufträge heraus?, plaudert Stephan Frucht, Geschäftsführer des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, über den agilen Unternehmer, der den Kulturkreis mit einer Stiftung fördert.Das Stiften und vor allem ?das Animieren zum Stiften?, wie es Oetker nennt, ist ihm besonders wichtig. ?Ich versuche, jedes Jahr wenigstens ein bis zwei neue Stiftungen zu initiieren.? Stiften ist seine Mission und Profession: Er ist Präsident des Stifterverbandes der Deutschen Wissenschaft, der über das Deutsche Stiftungszentrum 400 Stiftungen in Deutschland verwaltet.Und als im Interview, das der Kunstsammler auf einem schwarzen Sofa unter dem blutroten Gemälde führt, das Stichwort Stifterverband fällt, ist er in seinem Element. Er springt auf, eilt zur Tür und lässt sich von einer Vorzimmerdame die Broschüre ?Stiften wirkt? geben.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie viel Oetker schon selbst gestiftet hatDas könnte sein Wahlspruch sein. Er hat manches Finanzinstitut zu einer Stiftung ermuntert und viele mitgegründet und mitfinanziert: die Stiftung Atlantik-Brücke in Hamburg zur Förderung deutsch-amerikanischer Beziehungen, die Stiftung des Bach-Archivs in Leipzig und die Kulturstiftung der Deutschen Wirtschaft.Die Kulturstiftung liegt dem Multitalent, der als Gymnasiast mal im Opernchor sang sowie Klavier und Querflöte spielte, besonders am Herzen. Oetker war lange Vorsitzender des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI, der viele Werke der von den Nazis verbotenen ?entarteten Kunst? zurückkaufte und deutschen Museen zur Verfügung stellte.Außerdem fördert der Kulturkreis Künstler und Künstlerinnen aus den Bereichen Architektur, bildende Kunst, Musik und Literatur. Einige Förderkandidaten wie Georg Baselitz und Rosemarie Trockel haben es zu Stars der Kunstszene gebracht.?Als die Spendenbereitschaft nachließ, habe ich die Kulturstiftung der deutschen Wirtschaft gegründet?, sagt Oetker. Inzwischen hat er weitere Stifter gefunden. Aber er sucht noch mehr Geldgeber, die jeweils rund 100 000 Euro zum Kapital zuschießen, damit die Stiftung ihren Förderetat erhöhen kann.Bislang fließt das Geld vor allem in das ?Kunst am Bau?-Projekt im Haus der Deutschen Wirtschaft und in die Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig. Das Museum insbesondere hat es Oetker angetan. Er hat nicht nur die Gemeinnützige GmbH mitgegründet, die heute als Stiftung das Museum betreibt, er hat auch dafür gesorgt, dass die 100 besten Werke der entarteten Kunst dort zu sehen sind. ?Ich wollte den Leipzigern etwas zurückgeben, die unter der Nazi- und unter der DDR-Kunst leiden mussten?, sagt der Mann, der auch das Gremium für bildende Kunst im Kulturkreis der deutschen Wirtschaft leitet.Und wenn Oetker etwas macht, dann richtig: Er sitzt auch im Aufsichtsrat der Leipziger Messegesellschaft und ist Vorsitzender des Bach-Archivs ? und bei allem ist er hoch engagiert, konzentriert und bestens vorbereitet, wie seine Mitarbeiter berichten. Und bleibt stets bescheiden.Wie viel hat er in seinem Leben schon gestiftet? ?Das weiß ich nicht so genau?, sagt er, fügt dann auf Nachfrage aber doch hinzu: ?Ich schätze, sicherlich über zehn Millionen Euro.? Jährlich gibt Oetker insgesamt einen siebenstelligen Betrag für wohltätige Zwecke aus. Davon fließt nur ein kleinerer Teil in Stiftungen. Der größere sind Spenden.Lesen Sie weiter auf Seite 3:? Soll ich lieber eine neue Maschine kaufen oder eine neue Stiftung gründen??Das Geld verdient er mit Marmelade, Fruchtzubereitungen, Müsliriegeln aller Art. Oetker ist Hauptaktionär und Verwaltungsratschef des Schweizer Hero-Konzerns, zu dem auch die Schwartauer-Werke in Lübeck gehören. Das Unternehmen hat er von seiner Mutter Ursula Oetker geerbt, einer Schwester des legendären, kürzlich gestorbenen Rudolf August Oetker. Sie wurde seinerzeit mit einigen Unternehmen abgefunden, damit die Bielefelder Nahrungsmittelgruppe in einer Hand bleibt.Sohn Arend hat sich von einem Teil des Erbes getrennt und Beteiligungen wie an der KWS Saat AG sowie an Unternehmen aus dem Öl- und Schrotthandel gekauft. Er sieht sich in der Rolle des ?aktiven Aufsichtsrats?, in der Rolle der Könige in der englischen Verfassung: ?,to encourage and to warn? ? also zu ermutigen und als Kontrolleur zu warnen?.Er lässt den Menschen, mit denen er zusammenarbeitet ?einerseits viel Freiraum?, wie Andreas Schlüter, Generalsekretär des Stifterverbandes erzählt. ?Aber mit seinem legendären Wiedervorlagesystem verliert er nichts, aber auch nichts aus den Augen.? Auch nicht seine Schwartauer-Werke. Er kann nachfühlen, warum sich Unternehmer schwer tun, Geld in eine Stiftung zu geben. ?Ich hadere auch immer mit mir: Soll ich lieber eine neue Maschine kaufen oder eine neue Stiftung gründen??Doch solange die Geschäfte gut laufen, geht beides. Vor kurzem hat er eine teure Anlage gekauft, mit der er bei Schwartau eine neue Art von Kompott fertigt. Und schon stellt er eine Flasche auf den Tisch und lobt die Vorzüge der Fruchtzubereitung.Das mit dem Stiften lernte der Sohn eines Landwirts aus Bielefeld, der Betriebswirtschaft und politische Wissenschaften studierte, schon früh bei seinen Verwandten: bei seinem Onkel Rudolf August Oetker und seinem früheren Schwiegervater, dem Industriellen Otto Wolff von Amerongen aus Köln.Aber er will aus seinen Wohltaten kein Kapital schlagen. Er legt keinen Wert darauf, dass sein Name erscheint. Eine Arend-Oetker-Stiftung, ein Arend-Oetker-Museum? ?Mir geht es immer nur darum, die jeweiligen Institutionen zu stärken und nicht meinen Namen zu verewigen.?Was hat Oetker vom Stiften? ?Man hat größere Freude, wenn man sie teilt und nicht alles für sich behält. Und für die Kultur einer Gesellschaft ist es wichtig, dass nicht nur der Staat, sondern auch die Privatinitiative der Bürger das Gemeinwohl fördert.? Und womit kann man einen Menschen erfreuen, der so viel gibt? ?Wenn mich jemand zum Essen einlädt ? das kommt sehr selten vor.?
Dieser Artikel ist erschienen am 06.02.2007