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Der alte Mann und die Airline

Von Steffi Augter
Der 71-jährige Gerald Grinstein soll Delta wieder zurück in die schwarzen Zahlen bringen. Als rechte Hand hat er sich den 65-jährigen Ex-General Motors-Manager John Smith erkoren. Doch so mancher zweifelt, ob dieses Duo die Wende bringt.
NEW YORK. Grinstein nannte den Verlust für das erste Quartal ?enttäuschend?. Kontinuierliche Verluste in Höhe von knapp 400 Millionen Dollar seien unhaltbar, Delta müsse einen positiven Cash-Flow generieren, um die Verschuldung abzubauen. Seine vorrangige Aufgabe sei, eine wettbewerbsfähige Kostenstruktur zu erreichen.Immerhin kennt er das Unternehmen: Seit 16 Jahren sitzt er im Verwaltungsrat. Was aber nur bedeutet, dass er nun korrigieren muss, was er als Aufseher mit anrichtete.

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Der sonst so charmante ältere Herr greift zu deutlichen Worten und warnt vor einer möglichen Pleite. ?Wenn wir unsere Kosten nicht herunterbekommen, können wir in diesem Markt nicht überleben. ?Ich bin eure letzte Hoffnung?, sagte er kürzlich zu einer Gruppe von Piloten. Die sollen künftig auf 30 Prozent ihres Gehalts verzichten. Bereit sind sie nur zu neun Prozent. Das aber sei ?wie eine Aspirin-Therapie nach einem schweren Herzinfarkt?, soll Grinstein gewütet haben.Öffentlich macht er solche derben Äußerungen nur äußerst selten, von den Medien lässt er sich abschirmen. Kein Wunder, dass gern gelästert wird über die Altherrenriege, mit der er Delta wieder auf Kurs bringen will: Grinstein sitzt im Alter von 71 Jahren ? und damit um elf Jahre älter als sein Vorgänger Leo Mullin ? noch einmal in dem Chefsessel, den er in den 80er-Jahren bereits bei Western Airlines innehatte, bevor Delta das Unternehmen kaufte. An seiner Seite: John Smith, ein früherer Manager bei General Motors. Alter: 65.So mancher zweifelt, ob dieses Duo die Wende bringt. Einige der 60 bisher hoch bezahlten Spitzenmanager haben angekündigt, Delta demnächst verlassen zu wollen. Die Nummer zwei, Fred Reid, wechselte bereits zum Billigflieger Virgin USA. Ohne fette Bonuszahlungen wird die Führungsetage weiter schrumpfen.?Grinstein ist das Beste, was Delta passieren konnte?, sagte dagegen der ehemalige COO Maurice Worth. ?Er wird Leistung fordern und durch gutes Vorbild führen.?Das Energiebündel Grinstein scheint den Delta-Chefsessel keineswegs als kurze Unterbrechung von der Rente zu betrachten. Der Vater von vier erwachsenen Kindern liebt Herausforderungen, und bei der angeschlagenen Fluggesellschaft hat er mal wieder eine gefunden.Lesen Sie weiter auf Seite 2:Schon einmal ist er eingesprungen, um Delta aus der Klemme zu helfen. 1997 übernahm er den Verwaltungsratsvorsitz für zwei Jahre, nachdem sein Vorgänger Ronald W. Allen geschasst worden war. Daran war Grinstein nicht ganz unschuldig: Er hatte die Palastrevolte gegen Allen angezettelt, als dieser seinen Laden in der damaligen Krise nicht in den Griff bekam.Grinstein, der als Jurist mit Abschlüssen der Elite-Universitäten Yale und Harvard 14 Jahre als Anwalt in einer Kanzlei in Seattle gearbeitet hatte, besticht vor allem durch sein Überzeugungstalent. Beobachter lobten sein Geschick, Probleme zu erkennen und Mitarbeiter zur Kooperation zu bewegen.Noch dazu kann er gut mit Menschen umgehen, er gilt als einfühlsam, humorvoll und gesellig. Bei Delta bewies er das bereits vor Amtsantritt, als er sich spontan den Fragen der Mitarbeiter stellte und jedem persönlich die Hand schüttelte.Auch weiterhin kann sich jeder direkt an den Chef wenden: Auf einer eigens eingerichteten Internetseite. Grinstein liest seine E-Mails auch am Wochenende.Western Airlines hat er vor dem fast sicheren Bankrott gerettet, indem er der Belegschaft drastische Gehaltskürzungen abrang ? dafür beteiligte er sie am Gewinn, gab ihr Sitze im Verwaltungsrat und beschränkte die Bezahlung des Managements. Bei seinem nächsten Arbeitgeber, der Eisenbahngesellschaft Burlington Northern, bestand eine seiner größten Leistungen darin, dass er mit den Gewerkschaften einen schwierigen Kompromiss über neue Arbeitsregelungen durchsetzte. ?Grinstein war kein Unmensch, aber er war tough?, erinnert sich sein Freund und Weggefährte Wayne Horvitz.Sowohl Grinsteins starke Hand wie sein Verhandlungsgeschick hat Delta bitter nötig. Das weiß der CEO auch selbst und widmet sich seinem neuen Job mit voller Kraft: Mit seiner Frau Lyn ist er extra aus seiner Heimat Seattle nach Atlanta umgesiedelt. Ihr Haus in der Heimat, in dem zuvor Bill Gates wohnte, wollen die Grinsteins jedoch behalten. Mit dem Umzug will er zeigen, dass er sich nicht nur als Aushilfskraft versteht, sondern so lange bleiben will, bis Delta wieder ?on top of the world? fliegt, wie ein alter Werbeslogan verspricht. Sein eigenes Gehalt hat er auf 500 000 Dollar festgesetzt, einen Bonus lässt er sich nicht auszahlen. Bis diese Sparsamkeit im gesamten Konzern Wirkung zeigt, dürfte es aber noch eine Weile dauern ? und zwar eher drei Jahre als weitere drei Monate.
Dieser Artikel ist erschienen am 15.04.2004