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Der Abschied vom ?Heile-Welt-Fernsehen?

Hans-Peter Siebenhaar
Generationswechsel bei der ARD: Dunkle Wolken brauten sich am Montag über Bremen zusammen, als sich die Intendanten der ARD in der Hansestadt trafen. Vom miesen Regenwetter am Tagungsort ließen sich die ARD-Granden aber nicht beeindrucken, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Der 50-jährige Volker Herres wird neuer Programmdirektor und löst Günter Struve, 67, ab.
NDR-Fernsehchef Volker Herres wird ARD-Programmdirektor. Foto: ap
DÜSSELDORF. Einstimmig wählten die Intendanten Volker Herres, den Fernseh-Programmdirektor des Norddeutschen Rundfunks (NDR), zum neuen ARD-Programmchef. Er übernimmt das mächtige Amt der öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland ab November kommenden Jahres.Der 50-jährige Herres war der einzige Kandidat für das wichtige Amt in München. Mit seinen ausgewogenen Kommentaren in den ARD-Tagesthemen ist Herres einem Millionenpublikum gut vertraut. Seit September moderiert er auch den sonntäglichen ARD-Presseclub. Doch meistens wirkt der studierte Volkswirt hinter den Kulissen. Seit Mai 2004 verantwortet der gebürtige Cuxhavener nicht nur das Dritte Programm des NDR, sondern auch alle NDR-Produktionen im Ersten sowie die Zulieferung für die Gemeinschaftsprogramme wie Arte, Phoenix, 3Sat, Kinderkanal und den umstrittenen Nachrichtenkanal Eins Extra.

Die besten Jobs von allen

Vor der Kamera wirkt Herres oft bieder. Der Düsseldorfer Journalist Hans Hoff beschrieb ihn mal als ?Weiterlächler?, der nur ?brave Fragen? stelle. Tatsächlich ist Herres jedoch ein ARD-Mann, der um die Stärken des öffentlich-rechtlichen Rundfunks weiß und auch Mut besitzt. So trennte er sich von der NDR-Moderatorin Eva Hermann, nachdem sie ihre Sympathie für die Familienwerte der Nazi-Zeit bekundet hatte.Herres steht für ein Programm, das nicht nur billig unterhält, sondern auch informiert und bildet. Der ARD-Vorsitzende Fritz Raff nennt Herres einen ?hervorragenden Journalisten und Rundfunkmanager?. Er werde ?das Gemeinschaftsprogramm der ARD mit der ihm eigenen Souveränität und Sachkompetenz weiterentwickeln?, sagte Raff.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Herres ist kein Freund des ?Heile-Welt-Fernsehens?Tatsächlich kennt Herres das Geschäft aus dem Effeff. Als er nach einem vierjährigen Intermezzo beim ZDF vor 20 Jahren zum NDR kam, durchlief er eine Bilderbuchkarriere: Referent des Intendanten, Pressesprecher, Fernseh-Chefredakteur. Nur für den Intendantenposten reichte der Rückenwind nicht, obwohl ihn die CDU-Ministerpräsidenten unterstützten. Die Gremien wählten einstimmig Lutz Marmor zum NDR-Chef.Sein künftiger Dienstort München ist dem Norddeutschen wohl vertraut. Denn seine Ausbildung erhielt er an der renommierten Münchener Journalistenschule. Auf den schönen Alpenblick von seinem neuen Büro im Hochhaus des Bayerischen Rundfunks unweit des Hauptbahnhofs muss Herres aber noch ein wenig warten.Struve tritt offiziell erst zum 1. November kommenden Jahres ab. Der ehemalige Redenschreiber Willy Brandts, der sich vor Jahren vergeblich um den Chefposten beim ZDF beworben hatte, geht nach 15 Jahren. Mit dem Ausscheiden des 67-jährigen Struve endet eine Ära, deren Bilanz umstritten ist. Denn Struve hat das Erste zu Lasten von Information und Bildung gnadenlos am Massengeschmack ausgerichtet. Mit der RTLisierung der ARD hat sich der oft arrogant auftretende Manager nicht nur Freunde gemacht.Die ARD braucht daher dringend einen Neuanfang. Herres ist kein Freund des ?Heile-Welt-Fernsehens?, wie er selbst einmal sagte. Das ist schon mal eine gute Geschäftsgrundlage.
Dieser Artikel ist erschienen am 26.11.2007