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Der Abschied des Patriarchen

Von Tobias Moerschen
Nach der Hauptversammlung am vergangenen Dienstag verabschiedete sich Sandy Weill als Aufsichtsratsvorsitzender der Citigroup. Mit seinem Rückzug endete eine Ära.
NEW YORK. Das Aufhören fällt ihm schwer. Das sieht man Sandy Weill an, dem 73-jährigen Gründer des US-Bankriesen Citigroup, als er am Dienstag auf der Bühne des Carnegie-Konzertsaals vor Hunderten Citigroup-Aktionären steht. Innerlich sträubt sich jede Faser in Weill gegen das, was er doch nicht verhindern kann ? dass dies seine letzte Hauptversammlung als Citigroup-Aufsichtsratschef ist.?Wenn ich als Vorsitzender die Sitzung nicht formal beende, werdet ihr mich nicht los?, droht der einstmals mächtigste Banker der Welt mit den ergrauten Locken und den flinken Augen scherzhaft. Als um 10.24 Uhr New Yorker Zeit der entscheidende Moment kommt, beendet Weill aber ohne jedes Zögern den offiziellen Teil der Sitzung und übergibt das Wort an Charles ?Chuck? Prince, seinen Nachfolger. Der 56-jährige gelernte Anwalt, der mehr als anderthalb Jahrzehnte treu in Weills Schatten stand, führt ab sofort nicht nur den Vorstand, sondern auch den Aufsichtsrat der profitabelsten Bank der Welt. So vollzieht sich die drei Jahre lange, von vielen Gerüchten und Spekulationen begleitete Machtübergabe bei dem New Yorker Finanzkoloss mit 240 Mrd. Dollar Börsenwert (zum Vergleich: Die Deutsche Bank erreicht nur ein Viertel davon), der allein im vergangenen Quartal 5,6 Mrd. Dollar Nettogewinn einfuhr.

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Prince, ein Hüne, tritt zügig ans Rednerpult. Der ehemalige Chefjustiziar will offenbar ein für allemal klarstellen, wer nun bei der Citigroup das Sagen hat. Kühl skizziert er seine Geschäftsstrategie, die mit Weills Vorstellungen wenig gemein hat. Von ?neuen Konzepten?, spricht Prince, und vom ?neuen Managementteam mit frischen Ideen?. Der scheidende Patriarch Weill wirkt plötzlich einsam und klein, wie er da auf der Bühne sitzt. Er kaut an seinem Brillengestell, streicht seine Citigroup-rote Krawatte glatt und grüßt jemanden im Auditorium mit einem Kopfnicken ? kurz: Er tut alles, um seinem Nachfolger nicht zuhören zu müssen. An seine Rolle als Ruheständler muss er sich noch gewöhnen.Lesen Sie weiter auf Seite 2: Weills Rückzug kommt zur rechten Zeit.Ein hässlicher Abschied? Nein, eher schon ein Rückzug zur rechten Zeit. Das hätte auch anders kommen können. Kurz nach der Jahrtausendwende wartete die Wall Street monatelang auf den Rücktritt Weills, den manche Zeitung voreilig ?unausweichlich? nannte. Damals stürzte Citigroup von einem Skandal in den nächsten: Interessenkonflikte bei Analysten, Bilanzfälschungen bei Enron, Worldcom und Parmalat, fragwürdige Praktiken bei Konsumentenkrediten und Geldwäsche in Japan ? Citigroup war überall dabei.Andere US-Konzernführer verloren wegen geringerer Vergehen ihren Job. Maurice ?Hank? Greenberg, der legendäre Chef des New Yorker Versicherungsriesen American International Group, stürzte über umstrittene Bilanztricks. Richard Grasso, der langjährige Chef der New Yorker Börse, musste wegen eines Gehaltsskandals gehen.Sandy Weill überlebte sie alle. Wohl auch deshalb, weil er aus seinem ersten tiefen Sturz die richtige Lehre zog: Stelle dich gut mit deinem Aufsichtsrat. 1985 musste Weill als Nummer zwei bei American Express gehen: Er hatte im Aufsichtsrat den Machtkampf mit Konzernchef Jim Robinson verloren. Die erste Karriere des Sohns osteuropäischer Einwanderer endete so abrupt.Doch er wagte einen zweiten Anlauf. 1987 stieg Weill bei dem Kreditbüro Commercial Credit in der US-Provinzstadt Baltimore ein, wo er im Chefsyndikus Prince einen seiner treuesten Mitarbeiter fand. Nach mehreren Übernahmen schluckte Weill 1998 die traditionsreiche Citicorp. Ein neuer Finanzriese, Citigroup, war geboren. Weill teilte sich die Führung zunächst mit John Reed, der zuvor Citicorp geleitet hatte. Beide gerieten jedoch bald in Streit, und nun zahlte sich Weills frühere Lehre aus: Der von ihm gehätschelte Aufsichtsrat ernannte Weill 2000 zum alleinigen Citigroup-Chef.Lesen Sie weiter auf Seite 3: ?Sandy, du bist der beste Vorstandschef aller Zeiten.?Das Gremium unterstützte Weill erneut, als der ehrgeizige New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer seinen Rücktritt forderte. Spitzer deckte 2001 Interessenkonflikte von Aktienanalysten auf und schoss sich dabei auf Weill und seinen Staranalysten Jack Grubman ein. Der Vorwurf: Weill habe Grubman zu einer Kaufempfehlung für AT&T gedrängt, um so den Weg für ein lukratives Emissionsmandat zu ebnen. Dafür habe der Konzernchef Grubmans Kindern den Einstieg bei einem New Yorker Edelkindergarten erleichtert. Beide stritten die Vorwürfe ab.Der Aufsichtsrat stellte sich wieder hinter Weill, erhöhte jedoch den Druck auf den inzwischen 70-Jährigen, endlich seine Nachfolge zu regeln. Im Sommer 2003 präsentierte Weill Prince als künftigen Vorstandschef. Sein eigener Abschied zog sich aber noch hin, wurde zudem überschattet von einem Streit über Ruhestandsbezüge und die Nutzung des Firmenjets.Doch nun ist es so weit. Die Aktionäre freilich können sich ihren Sandy Weill nicht als Pensionär vorstellen. ?Sandy, du bist der beste Vorstandschef aller Zeiten?, schwärmt eine Frau in der Hauptversammlung, obwohl Weill diesen Posten bereits vor drei Jahren räumte. ?Ich hoffe bloß, dass Chuck Prince genauso gut sein wird?, fügt sie hinzu. ?Das hoffe ich auch?, sagt Weill. Eine Aktionärin mit knallrotem Kostüm zaubert ein Lächeln auf Weills Gesicht, als sie ihm ?Danke, dass Du so lange für uns gesorgt hast?, zuflötet und anschließend ein eigenes Gedicht verliest mit dem Titel ?Sandy Weill, we love your style?.So sieht Weill sich gern selbst - als Vaterfigur für Citigroups Aktionäre und Mitarbeiter. ?Mir war immer wichtig, ein Gefühl von Familie herzustellen?, sagt er in seiner Abschiedsrede und ist davon selbst zu Tränen gerührt.Weill war ein Patriarch. Der heutige Koloss Citigroup braucht jedoch einen anderen Chef: distanzierter, nüchterner, und mit einem wachen Blick dafür, welches Image der Bank in der Öffentlichkeit dient. So jemanden wie Prince zum Beispiel.
Dieser Artikel ist erschienen am 20.04.2006